In den Randgebieten der Städte treffen wir noch häufig auf die Wohnungsbausünden des real untergegangenen Sozialismus, die wie Schorf auf der Gegend liegen. Geschichte lässt sich eben nicht mal so fortwischen. Eine Erfahrung, die wir auf dieser Reise noch mehrmals machen werden.

Unser Ziel sind die großen Masurischen Seen, jene Landschaft, deren Ursprünglichkeit einzigartig in Europa sein soll. Eine Woche lang wollen wir sie mit dem Hausboot erkunden.

Masuren – Zeitreise durch Polens Geschichte

Nach elf Stunden Autofahrt ist unsere erste Etappe das kleine Städtchen Ostróda, das wir uns zum Übernachten ausgesucht haben. Ein abendlicher Spaziergang am See, ein erstes Eintauchen in das große, weite Land östlich der Bundesrepublik – ein Land, das von der Geschichte in vielen Jahrhunderten zerwühlt wurde: Deutscher Orden, der von Rom aus dirigiert wurde, zahlreiche Kriege, die ständige Gefahr, zwischen Deutschen und Russen zerrieben zu werden. Drittes Reich und Kommunismus haben das Land schwer gebeutelt.

Aber die Polen sind ein stolzes Volk, das sich nicht unterkriegen ließ, das selbst die Jahrzehnte ohne eigenen Staat überstanden hat. In Ostróda kommt es auch zur ersten Begegnung mit der polnischen Küche: Piroggi, Teigtaschen, gefüllt mit einer Farce aus Gänsefleisch in Trüffelsoße. Dazu ein leicht malziges, lokales Bier. Wir sind keine Restauranttester, aber unser Urteil steht: drei Sterne. Mindestens.

Am nächsten Tag machen wir uns auf nach Gizycko im historischen Ostpreußen. Das kleine Städtchen liegt im Herzen der Masurischen Seenplatte, schon die Fahrt dorthin unter endlosen Eichen- und Lindenalleen ist ein Erlebnis. In Masuren, so heißt es, ist die Zeit entrückt. 

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Wer Einsamkeit und die Nähe zu unverbrauchter Natur sucht, wird hier fündig. Außer im Juli und August. Dann herrscht an und auf den Masurischen Seen Hochbetrieb, denn hier treffen sich Polens Wassersportler: Kanuten, Segler, Wasserski- und Hausbootfahrer. Gizycko ist ihr Zentrum. Von hier aus kannst du gleichermaßen gut zu Törns in die großen nördlichen und südlichen Seen aufbrechen. Hier findest du alles, was dufür einen solchen Trip benötigst.

Ohne Führerschein auf Masurens Gewässern

Die Basis liegt in der modernen Yellow Marina im südlichen Teil der Stadt. Gleich nebenan legen die Fahrgastschiffe der „Weißen Flotte“ an, ein paar Schritte weiter beginnt ein Vergnügungspark mit zwei Diskotheken. Wer Erholung sucht, wird diesen Ort verlassen, sobald er sich auf dem Schiff eingerichtet hat.

Auch für einen erfahrenen Hausboot-Anbieter wie Le Boat, der neuerdings in Masuren vertreten ist, ist ein Anfang in einem neuen Revier offenbar schwer. Denn die Einweisung in das fremde Boot ist dürftig, das Kartenmaterial, das wir bekommen, stellt sich als wenig brauchbar heraus.

Auch wenn du zum Führen der Boote keinerlei Vorkenntnisse benötigt: Wer klug ist, macht sich vor Reiseantritt mit den wichtigsten Vorfahrtsregeln auf dem Wasser vertraut und eignet sich ein, zwei einfache Seemannsknoten an, die du zum Anlegen brauchen kannst. Auch die Betonnung, also die Markierungen auf dem Wasser, solltest du kennen, da die Masurischen Seen vor heimtückischen Untiefen nur so wimmeln. Als wirklich hilfreich hat sich der Gewässerführer „Bootsurlaub in Masuren“ erwiesen, der in der Edition Maritim (Deluis Klasing) erschienen ist.

Wenn du Gizycko einmal im Kielwasser hinter dir gelassen hast, ist die Welt schnell wieder in Ordnung. Wir haben den Bug zuerst gen Süden gerichtet, über den Löwentinsee in Richtung Ryn und Mikolajki. Und hier beginnt eigentlich das, weshalb du gekommen bist: Masuren aus dem Bilderbuch.

Schilfgürtel, die sich kilometerlang an den Ufern hinziehen, Inselchen, versteckte Buchten. Wer spektakuläre Landschaftspanoramen erwartet, wird enttäuscht sein, denn das Land um die Seen ist eher so, wie sich der liebe Gott eine liebliche, hügelige Natur vorgestellt hat. Balsam für die Augen. Hier treibt einen nur die Neugier voran, wie es hinter der nächsten Bucht aussehen könnte. Und wer es verlernt haben sollte: Hier kann er Langsamkeit neu erlernen.

Anker werfen ist in Polen überall erlaubt            

Und der Staat Polen meint es gut mit seinen Wassersportlern: Jachten dürfen überall anlegen, Anker werfen und über Nacht bleiben. Lediglich das Ankern inmitten der Seen ist verboten. Diese Regel schafft Freiräume. Wer baden will, sucht sich ein lauschiges Plätzchen und geht dort vor Anker oder macht an einem Baum am Ufer fest.

Die Wasserqualität ist erstklassig, lediglich in Nähe der größeren Städte solltest du nicht unbedingt planschen. Und auch die Morgenstunden an Deck eines Schiffes, wenn die Sonne die Seen in ein silbernes Licht taucht, haben einen ganz eigenen Reiz.

Masuren: Wohnen in der Burg

An Land begegnet der Reisende ständig der Geschichte. Vor allem die Kreuzritter des Deutschen Ordens haben sich hier ordentlich unbeliebt gemacht. Dass sich daraus Kapital schlagen lässt, hat ein Hotelier in Ryn bewiesen, der die alte Burg dort kurzerhand zum Vier-Sterne-Luxushotel nach Ritterart ausgebaut hat. 

Auch sonst gehen die Polen auffallend lässig selbst mit den ganz dunklen Kapiteln der Geschichte um: Die Wolfsschanze, von der aus Hitler den Überfall auf Russland plante und die nur ein paar Kilometer vom Dobensee (im Norden, für Motorboote gesperrt) entfernt liegt, ist eine Touristenattraktion. Urlauber werden mit alten Mannschaftswagen herumgefahren und können sich mit Handgranatenattrappen oder nachgebauten Stahlhelmen eindecken. In einem der Bunker ist sogar ein Schießstand eingerichtet worden. Dort kannst du zwischen Tarnnetzen auf Scheiben schießen.

Einige Kilometer weiter in Steinort am Dargainensee liegt einen Steinwurf von der wunderschön gelegenen Marina entfernt das verfallene Schloss Steinort, der alte Wohnsitz der von Lehndorffs. Heinrich Graf von Lehndorff gehörte zu den Beteiligten des Widerstandskreises um das Attentat am 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler und wurde am 4. September 1944 in Berlin hingerichtet.

Für Eilige ist es übrigens überhaupt kein Problem, sowohl die südlichen als auch nördlichen Seen in nur einer Woche kennenzulernen. Die Distanz beträgt rund 120 Kilometer und ist leicht zu überbrücken, da die Seen untereinander durch Kanäle verbunden sind.

Wenn du nach einer Woche von den Seen zurückkehrst, hast du das Gefühl, dass es nicht genug war. Du willst wiederkommen in dieses weite Land und noch einmal eintauchen in die heitere Melancholie der Masurischen Seen. 

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