Aller Demokratisierung zum Trotz: Es gibt sie noch, die Luxuskreuzfahrt. Die „Crystal Symphony“ pflügt zurzeit durch die Ostsee. Das 238 Meter lange Schiff zählt seit Jahren zu den besten Luxuslinern der Welt. Wir waren für ein paar Stationen an Bord – von Kopenhagen über Warnemünde, St. Petersburg, Tallinn bis nach Stockholm.

Im Grunde sind sie Wandervögel zur See, die Männer und Frauen auf der „Crystal Symphony“. Da ist der junge Deutsche, der erst in der amerikanischen Fußballprofi-Liga kickte, dann auf einer Ölplattform arbeitete und jetzt auf der „Symphony“ kellnert. Oder der pensionierte IT-Manager Joel Bean aus Palm Springs, der sich als Gastgeber und Eintänzer um allein reisende Frauen kümmert, sie zu Ausflügen begleitet und abends ihr Tanzpartner ist.

Joel Bean (60) auf der „Crystal Symphony“
Joel Bean begleitet allein reisende Damen zum Tanz und zum Landgang. Foto: Gerd Piper

Chefbutler Greg Kiraga verbringt seine Freizeit am liebsten im Frühling im heimischen Kirschgarten in Polen – und doch zieht es ihn seit der Indienststellung der „Symphony“ immer wieder auf dem Kreuzfahrtschiff in die Welt hinaus.

Für ihn und seine rund 540 Kolleginnen und Kollegen der Besatzung ist das Schiff längst zur Heimat geworden, viele von ihnen sind von Anfang an dabei. Und eines fällt auf: Sie alle sind auf die speziellen Crystal-Standards geschult, das heißt: immer freundlich, perfekt in den Umgangsformen und niemals aufdringlich.

Zugegeben, die „Symphony“ ist nicht mehr die Jüngste. 22 Jahre auf den Weltmeeren haben ihre Spuren hinterlassen, Salzwasser ist ein aggressives Element, da wurde schon viel Rost geklopft und eine Menge Farbe verstrichen. Als Schiff mit einer Größe von 51 044 Bruttoregistertonnen zählt sie zu den mittelgroßen Kreuzfahrtschiffen, damit kann sie natürlich nicht mit den neuen Giganten der Meere mithalten. Das will man auch gar nicht, im Gegenteil. Nicht Größe zählt hier, sondern das Angebot an persönlicher Betreuung, an exklusiven Exkursionen und an einer Verpflegung, die an Land auf Sterneniveau eingestuft würde.

Das Pooldeck der „Crystal Symphony“.
Auf dem Pooldeck der „Crystal Symphony“ können die rund 900 Gäste still genießen. Foto: Gerd Piper

Butler Kiraga, der seinen professionellen Schliff an einer der renommierten Butlerschulen in London erhalten hat, bringt es auf den Punkt: „Gäste, die wiederkommen, sollen das Gefühl haben, niemals weg gewesen zu sein.“ Dafür wird alles getan: auspacken, einpacken, reservieren und organisieren. 

Kiraga ist so sehr mit seinem Job verschmolzen, dass er bereits Schwierigkeiten hat, für ein Gespräch Platz zu nehmen: „Ich bin der, der eigentlich immer steht“, sagt er mit einem Lächeln. Dienen ist für ihn zur Leidenschaft geworden. Als Butler kümmert er sich auch um das Seelenheil seiner Gäste: „Sie vertrauen mir. Als die See mal etwas rauer war, meinte eine bekannte italienische Fernsehmoderatorin zu mir: „Greg, bestell mir einen Hubschrauber, ich will sofort von Bord.“ Ich habe sie beruhigt. Am nächsten Tag war sie bei strahlendem Sonnenschein dann sehr glücklich, dass sie geblieben war.“ Kiraga hat schon viele Angebote von Gästen bekommen, an Land zu wechseln und für sie zu arbeiten: „Ich habe alles abgelehnt. Das ist nichts für mich.“

Butler Greg Kiraga auf einem Balkon der „Crystal Symphony“.
Butler Greg Kiraga präsentiert auf dem Balkon einer Kabine edle Tropfen. Foto: Gerd Piper

Auch wegen der Betreuungsqualität hat das Schiff eine weit über dem Durchschnitt liegende Zahl an Gästen, die immer wiederkommen. Den Rekord hält eine steinreiche Australierin aus Sydney, der offensichtlich der Blick auf Oper und Harbour-Bridge völlig schnuppe ist. Sie lebt lieber elf Monate im Jahr an Bord der „Symphony“ und hat es so auf die stattliche Zahl von mehr als 400 Kreuzfahrten gebracht. Selbst wenn das Angebot an Bord überschaubar ist – außer drei Restaurants gibt es einen Spielsalon, ein Bistro, drei Bars, ein paar Geschäfte, eine Raucherlounge sowie einen Grill und ein Selbstbedienungsrestaurant auf dem Sonnendeck –,  die Atmosphäre auf diesem Schiff ist entspannt und zuvorkommend. Überall gibt es viel Platz, und das Angebot in den Restaurants lässt keine Wünsche offen.

Zwar sind die Sitten auch hier in den vergangenen Jahren lockerer geworden, doch kurze Hosen oder Jeans sind nach 18 Uhr nach wie vor unerwünscht...“​

Im Gegensatz zu den neuen Kreuzfahrtschiffen mit vielen Tausend Menschen an Bord spielt die Etikette auf dem amerikanisch geprägten Schiff durchaus eine Rolle. Zwar sind die Sitten auch hier in den vergangenen Jahren lockerer geworden, doch kurze Hosen oder Jeans sind nach 18 Uhr nach wie vor unerwünscht. Und zum Farewell-Dinner, dem Abschiedsdinner jeder Reise, wird von den Herren dunkler Anzug oder Smoking erwartet, die Damen sollten zumindest im kleinen Schwarzen erscheinen. Beim anschließenden Captains-Empfang tritt der Schiffsführer, aktuell der Norweger Thomas Larsen, der früher auf Containerschiffen und Tankern gefahren ist, in Ausgehuniform samt goldener Schärpe auf. „Ich liebe meinen Beruf“, sagt er. Dazu gehört auch, dass er die Branche augenzwinkernd auf den Arm nimmt und gern von dem Gast erzählt, der von ihm wissen wollte „ob die Crew auch über Nacht an Bord ist“. 

Eine der großen Stärken der in Los Angeles und Miami beheimateten Reederei Crystal Cruises ist das riesige Angebot an Landausflügen: Während viele Kreuzfahrer morgens kommen und abends wieder auslaufen, liegt die „Symphony“ an einem Hotspot wie St. Petersburg drei Tage, in denen sich viel machen lässt: Ballett- und Opernbesuche, Einblicke in das russische Alltagsleben, Überlandfahrten mit dem aus Deutschland stammenden Hochgeschwindigkeitszug nach Moskau oder auch ein Flug mit einer MiG. Der kostet knapp 50 000 Dollar und wurde in den vergangenen Jahren zweimal gebucht.

Für eine große Zahl der überwiegend englischsprachigen Passagiere an Bord spielt Geld offenbar eine untergeordnete Rolle. Ihnen ist wichtig, möglichst eines der Penthouses oder der Penthouse-Suiten buchen zu können. Auch deshalb geht die „Crystal Symphony“ am Ende ihres seltenen Abstechers in Ost- und Nordsee in Bremerhaven ins Trockendock. Außer den üblichen Überholungs- und Instandhaltungsarbeiten sollen auf Deck neun die Kabinen durch Penthouses und Suiten ersetzt werden. Ein Geschäft, das sich lohnt, auch wenn sich dadurch die maximale Passagierzahl von 940 um rund hundert Personen verringert. „Wir verkaufen von oben nach unten“, erklärt Suzanne Kochen das Geschäftsmodell. Die aus den Niederlanden stammende Verkaufsleiterin für Nordeuropa weiß: „Unsere teuersten Kabinen sind immer als Erstes ausverkauft.“ 

Das nautische Personal des Schiffs stammt aus Europa, der Hoteldirektor kommt aus Österreich und Küchenchef Peter Degner aus Deutschland. Stolz ist Degner, der inzwischen in Chile lebt und es auch mal mit einem Restaurant an Land versucht hat, auf die Qualität seiner Rezepte, die er wie einen Schatz hütet: „Als mal einige unserer Rezepte auf einem anderen Kreuzfahrtschiff aufgetaucht sind, bin ich mächtig sauer geworden.“

Küchenchef Peter Degner auf der „Crystal Symphony“.
Küchenchef Peter Degner hütet seine Rezepte wie einen Schatz. Foto: Gerd Piper

Denn das kulinarische Angebot gehört zu den Aushängeschildern bei Crystal. Was das Hauptrestaurant und die beiden Spezialitätenrestaurants, ein Italiener und ein Japaner, bieten, gehört zum Besten, was auf See serviert wird: Fleisch und Fisch vom Feinsten, selbst ein einfaches Carpaccio wird als Kunstwerk, als Gemälde, serviert, das am Tisch mit ein paar Tropfen jahrzehntealten Balsamicos verfeinert wird.

Das Hauptrestaurant auf der „Crystal Symphony“
In dem großen Hauptrestaurant wird erlesene Küche serviert. Foto: Gerd Piper

Ungewöhnlich für ein Schiff dieser Klasse ist das All-inclusive-Angebot, das Weine und Spirituosen mit einschließt. Wer etwas Besonderes haben möchte, kann aber auch Geld dafür ausgeben: Die Weinkarte ist eine Who’s who internationaler Weingüter, und wem es nach einem Château Pétrus gelüstet, darf, je nach Jahrgang, zwischen 1000 und 3000 Dollar hinlegen. 

Über das Leben hinter den Kulissen eines Kreuzfahrtschiffes ist meist wenig bekannt. Da macht Crystal keine Ausnahme. Aber auf Nachfrage verweist man darauf, dass alle Crewmitglieder nach Tarif bezahlt würden und auf die Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitszeiten penibel geachtet werde. Die Crew besteht wie in der Branche üblich aus vielen Nationalitäten, auf der „Symphony“ sind es mehr als 50, die auf dem Schiff zusammen leben und arbeiten. Hoteldirektor Josef: „Da treffen auch sämtliche Religionen aufeinander. Das ist bei uns überhaupt kein Problem. Schwierig wird’s zwischen den Menschen doch immer erst, wenn die Politik ins Spiel kommt.“ 

Welche Anziehungskraft die Seefahrt und die Aussicht auf fremde Länder auch auf junge Menschen haben, weiß Silvia Bald aus Hannover. Die 29-Jährige hat an der Rezeption der „Crystal Symphony“ angefangen und arbeitet inzwischen als Assistentin des Kapitäns, ein Job, den sie sich mit der Griechin Christina Iatropoulou teilt. Die junge Hannoveranerin spricht fünf Sprachen und hat ein abgeschlossenes Medizinstudium: „Aber ich konnte mir absolut nicht vorstellen, in einem Büro zu versauern.“ Jetzt betreut sie den Papierkram des Kapitäns – und lernt nebenbei die Welt kennen.

Christiana Iatropoulou (links) und Silvia Bald sind die Sekretärinnen des Kapitäns der „Crystal Symphony“.
Christiana Iatropoulou (links) und Silvia Bald sind die Sekretärinnen des Kapitäns der „Crystal Symphony“. Foto: Gerd Piper

Das Schiff

Die „Crystal Symphony“ gehört mit ihrem Schwesternschiff „Crystal Serenity“ zur US-Reederei Crystal Cruises, einem Kreuzfahrtanbieter aus Los Angeles. Die „Symphony“ bietet rund 940 Gästen und 545 Crewmitgliedern Platz. Das Schiff, das im Luxuskreuzfahrtsegment angesiedelt ist, hat drei Restaurants, drei Bars sowie ein Kasino und einen Nachtklub. Fitnesscenter, Sauna und Dampfbad gehören ebenso zur Ausstattung wie der Golfabschlag auf hoher See. 

Der Butler

Butler Greg Kiraga ist von Anfang an dabei: „Seit 1995 fahre ich auf der „Crystal Symphony“ und habe schon die Jungfernfahrt mitgemacht, als wir das Schiff aus der Werft im finnischen Turku abgeholt haben.“ Seit dem Jahr 2000 arbeitet der Pole als Butler, eine Tätigkeit, die ihm auf den Leib geschneidert zu sein scheint: „Ich mag es einfach sehr.“ Der persönliche Kontakt zu den Gästen, ihre fast schon fürsorgliche Begleitung, ist das, was für den 50-Jährigen zählt: „Manchmal ist es eine Herausforderung, aber immer ist es ein wunderbares Gefühl, wenn wir das möglich machen, was sich unsere Gäste wünschen.“ Immer wieder mal, gibt der Butler zu, seien die Wünsche der Gäste schon ausgefallen: „Aber wir kümmern uns um alles.“ Nach seiner Herkunft gefragt, antwortet Kiraga mit einem Lächeln: „Ich komme aus Polen, aber meine Heimat ist die „Symphony.“

Die Sekretärinnen des Kapitäns

Christina Iatropoulou und Silvia Bald arbeiten als Sekretärinnen für den Kapitän. Die 37-jährige Griechin: „Wir kümmern uns um die Belange der Crew, erledigen die Papierarbeit für den Kapitän und verschaffen ihm so mehr Zeit für das Schiff.“ Iatropoulou macht diesen Job seit zwei Jahren, davor war sie die Assistentin des Hoteldirektors auf dem Kreuzfahrtschiff. Die Hannoveranerin Bald hat zuerst an der Rezeption gearbeitet. Die 29-Jährige, die fünf Sprachen spricht, hat schon auf einem anderen Kreuzfahrtschiff und in Hotels in verschiedenen Ländern gearbeitet, bevor sie bei Crystal Cruises angeheuert hat. Studiert hat die junge Frau Medizin, doch in ihrem erlernten Beruf als Ärztin hat sie nie gearbeitet: „Nach dem Studium hat es mich sofort in die Welt hinausgezogen. Jeden Tag ein neues Land, neue Gäste, neue Situationen. Das ist schon verrückt.“

Der Gastgeber für Alleinreisende

Für Joel Bean ist es die zweite Reise auf der „Crystal Symphony“. Der 60-jährige ehemalige IT-Manager, der viele Jahre lang Hobby- und auch Gesellschaftstänzer war, ist vor zwei Jahren in den Ruhestand gegangen. Seine Funktion als Gastgeber für Alleinreisende auf der „Symphony“ sieht der Amerikaner nicht so sehr als Beruf: „Ich liebe einfach, was ich hier machen kann.“ Auch wenn es mit dem Schiff um die ganze Welt geht, hat Bean ein Land, das er besonders liebt: „Japan. Ich habe dort sieben Jahre gelebt. Auch wenn die Kultur doch ziemlich anders ist, war ich dort sehr glücklich.“ Zu den unvergesslichen Momenten auf dem Schiff zählen für ihn ganz besonders die Begegnungen mit den Menschen: „Viele von ihnen sind Freunde geworden.