„Rockliner V“ mit Udo Lindenberg | reisereporter.de

Rockliner: Mein „Sexualakt“ mit Udo Lindenberg

Wie ist es, sich mit einer Legende der deutschen Musikgeschichte, seiner Panik-Crew, etwa 2.500 Hardcore-Fans und 1.500 Flaschen Eierlikör ein Kreuzfahrtschiff zu teilen? reisereporterin Leonie (25) macht den Selbstversuch.

Wer das Selfie vergisst, muss mit einer Fotomontage glücklich werden: reisereporterin Leonie Greife (25) und Udo Lindenberg (71).
Wer das Selfie vergisst, muss mit einer Fotomontage glücklich werden: reisereporterin Leonie Greife (25) und Udo Lindenberg (71).

Foto: imago/APP-Photo; Greife (Fotomontage)

„Meine Panikfamilie, es ist so geil hier bei euch, in so einem intimen Rahmen – das ist ja fast wie ein Sexualakt!“ So begrüßt Udo Lindenberg uns bei seinem ersten Konzert auf dem „Rockliner V“. Rockliner? Ja, die Mein Schiff 3 fährt die nächsten drei Tage als Panikkreuzfahrt unter der Flagge Udo Lindenbergs durch Nord- und Ostsee. Egal, wohin ich blicke, mit wem ich spreche, was ich höre: Die Liebe für Udo ist einfach überall.

Die Panikfamilie sticht in See

Er ist ein Kumpeltyp, halt einfach nur der Udo. Als denke man sich mit ihm seit Jahren gemeinsam Märchen über Klabautermänner aus. Der Rocker selbst erklärt das so: „Meine Songs haben die Leute begleitet, durch ganze Lebensstrecken.“ Jetzt begleiten sie uns auch – und zwar ziemlich weit: Von Kiel über Aarhus in Dänemark und Göteborg in Schweden nach Kopenhagen und zurück nach Kiel.

Ich habe während der gesamten Fahrt einen Dauerohrwurm von „Ich mach mein Ding“. Das liegt auch daran, dass ich den Satz dauernd vor der Nase habe – der steht hier nämlich auf jedem zweiten Fan-Sweatshirt.

 

Ich war noch nie bei einem Udo-Lindenberg-Konzert. Genauso wenig wie auf einer Kreuzfahrt. Aber das ändert sich gerade. Denn jetzt stehe ich hier, am Anfang meiner Reise in Aarhus, an Bord der Mein Schiff 3. Udo würde sagen: Ich bin auf einem großen Pott.

Meine neue Zeitrechnung: v.U. (vor Udo)

Morgen darf ich ihn treffen, den Mythos Udo Lindenberg. In der Sekunde, in der ich das Schiff betrete, ändert sich meine Zeitrechnung deshalb in „vor Udo“ und „nach Udo“. 

Ich habe ihm sogar eine Zimtschnecke aus Göteborg mitgebracht, die ich ihm beim Treffen geben will – wenn ich mich traue. Denn ich bin aufgeregt. Ich kann plötzlich gut nachvollziehen, wie sich die eingefleischten Fans fühlen, die an den drei Konzertabenden schon eine Stunde vor Beginn vor den Türen des Theaters darauf warten, dass Udo endlich auftritt.

Ich habe ihm sogar eine Zimtschnecke aus Göteborg mitgebracht, die ich ihm beim Treffen geben will – wenn ich mich traue...“

Apropos vor der Tür: Ein Türsteher hält hier die Meute in Schach. Er ist eine beeindruckende Erscheinung: An die zwei Meter groß, mit Pferdeschwanz, Kinnbart, schwarzen Fingernägeln und einem Lippenpiercing. Für wichtige Ansagen verschafft er sich die Aufmerksamkeit der aufgeregt Wartenden mit dem Schweigefuchs, indem er Mittel-, Ringfinger und Daumen aufeinanderpresst und die anderen Finger nach oben reckt. Sieht aus wie eine Rock-Pommesgabel. Und die Menge erwidert: „Wir sind hier nicht bei Wacken!“

Fans warten an der Bar auf den Einlass zum Udo Lindenberg-Konzert auf der Mein Schiff 3.
Zeit für ein Likörchen: Fans warten an der Bar auf den Einlass zum Udo Lindenberg-Konzert. Foto: Leonie Greife

Aber ein bisschen ist es schon wie auf einem Festival. Ein Ein-Mann-Festival zu Wasser sozusagen. Eine Klassenfahrt mit der Parallelklasse, auf der wir uns alle nicht wirklich kennen, aber einen gemeinsamen Nenner haben, über den wir immer wieder ins Gespräch kommen. In diesem Fall ist der Nenner eine Leidenschaft, hat ausgeprägte Lippen, trägt Hut und Sonnenbrille – und heißt Udo Lindenberg.

Am zweiten Abend stehe ich jedenfalls genau in dieser aufgeregten Menge. Meine Uhr zeigt: 22 Stunden vor Udo, eine Stunde vorm Konzert. 

Das Panikherz pulsiert

Und dann geht’s los. Um es mit seinen Songs zu sagen: Udo macht sein Ding, spielt Cello, bricht die Herzen der stolzesten Frauen. Und das Publikum liegt ihm zu Füßen.

Die Hardcore-Fans quetschen sich in die zwei Meter zwischen erster Sitzreihe und Bühne. Aber auch die mit Sitzplatz sitzen nicht. Und schon gar nicht Udo Lindenberg selbst. Er schäkert und tänzelt mit Wackelknien über die Bühne, verteilt Knutscher an seine Crew. Auf den Mund, wohlbemerkt.

Eingeleitet von der „Odyssee“ spielt er alle Klassiker, die die Fans erwarten: Cello, Horizont, Andrea Doria, Sonderzug nach Pankow, Candy Jane, Reeperbahn. Bei Balladen wie „Stärker als die Zeit“ schunkelt das Schiff mit, der Seegang nimmt zu. Spätestens als er „Eldorado“ anstimmt und die Menge fragt „Wo ist mein persönliches Eldorado? Hier bei euch!“, tobt die Panikfamilie.

Ja, es ist offensichtlich: Hier sind die wahren Fans. Wir alle sind schließlich nicht auf dem Konzert, weil es halt gerade in der Stadt ist. Wir geben uns vier Tage – und vor allem vier Nächte! – die volle Dröhnung Lindenberg. 

Udo Lindenberg beim Konzert auf seinem Rockliner 2017.
Ein Star zum Anfassen: Udo Lindenberg beim Konzert auf dem Rockliner 2017. Foto: Leonie Greife
Nach zwei Stunden steht er in neongrünen Strümpfen (die mich auch später an der Bar noch verfolgen werden, dazu gleich mehr) auf der Bühne. „Unsere Füße müssen weiter, unsere Herzen bleiben hier bei euch. Wir sehen uns  ganz bald wieder“, säuselt Udo Lindenberg noch ins Mikro. Dann knutscht er seine Tänzerinnen Heather und Amber (wie gesagt, auf den Mund), steigt in seinen Raumanzug und verlässt unter Raketenlärm die Bühne (Ja, wirklich!).

Auch nach dem Konzert geht die Party weiter

Danach strömen sämtliche Konzertbesucher und alle anderen auf dem Schiff in die Schaubar. Für mich ist es nun 19 Stunden vor Udo. Aber die Party geht weiter. „Boerney & die Trip Tops" (eine Partyband, die normalerweise auf der Reeperbahn Zuhause ist) fängt die Euphorie auf und gibt ihr neues Feuer.

Ekkaphon Nanthawong (33 Jahre) schenkt den Rockliner-Spezialcocktail aus.
Ekkaphon Nanthawong (33 Jahre) ist Bar Manager auf der Mein Schiff 3 und schenkt den Rockliner-Spezialcocktail aus. Foto: Leonie Greife

Aber zurück zu Udos Socken. Die Farbe davon können wir an der Bar trinken – als neongrünen Spezialcocktail. Der schmeckt sehr süß und ein bisschen exotisch. Fun-Fact am Rande: Am ersten Abend gingen 300 der Cocktails alleine an dieser einen Schiffsbar über den Tresen, 450 der 1.500 Flaschen Eierlikör wurden geleert. 

4 cl Gordon Gin
4 cl Eierlikör
2 cl Curacao
6 cl Ananassaft 
4 cl Passionsfrucht
Ein Stück Ananas und eine Cocktailkirsche

Das Rezept für den Rockliner-Cocktail

Zehn Stunden vor Udo

Am nächsten Morgen scheine ich nicht nur das Müsli, sondern auch die Aufregung mit Löffeln zum Frühstück zu essen. Gut, dass ich mich beim Landausflug in Göteborg ablenken kann. Hier treffe ich auch gleich den, nach eigenen Angaben, größten Lindenberg-Fan in Schweden: Jan Schöndell.

Er zeigt beim Landausflug den Kreuzfahrtgästen sein Göteborg. Udos Musik hat er kennengelernt, weil er sich für das Verhältnis von Ost- und Westdeutschland interessierte, seitdem ist er Fan. Bei einem waschechten Lindenberg-Konzert war er noch nicht, dafür in seinem Musical „Hinterm Horizont“ in Berlin

Stadtführung beim Landgang in Göteborg, Rockliner mit Udo Lindenberg.
Keine Panik: Die Gruppe ist beim Landgang gut zu erkennen, mit Panik-Jacken und -sweatshirts. Foto: Leonie Greife

Die Panikfamilie ist bunt und groß. Gefühlt bin ich die einzige, für die die Reise sozusagen die Jungfernfahrt ist. Fast alle waren schon mindestens einmal an Bord des Rockliners. Einer der Wiederholungstäter ist Olaf Hohenberg aus dem Ruhrgebiet. Er sagt mir: „Ohne Udo wäre ich wahrscheinlich nie auf eine Kreuzfahrt gefahren.“

Kein Panik auf der Mein Schiff 3

Zurück an Bord bricht sie an, die Stunde Null meiner Zeitrechnung Udo. Der Moment, auf den ich mich seit dem Einchecken an Bord genauso freue, wie ich mich davor fürchte. Udo Lindenberg gibt mir (und einer Handvoll anderer Journalisten) ein Interview. Nervositätslevel? Höher als beim ersten Date!

Udo Lindenberg gibt mir ein Interview. Nervositätslevel? Höher als beim ersten Date!

Mit wackligen Knien und zittrigen Fingern wiederhole ich wie ein Mantra Udos Motto, „Keine Panik“, um mir selbige zu nehmen. Dann ist es aber doch ganz leicht, auch wenn der Herzschlag schnell bleibt.

Udo gibt sich so wie auf der Bühne. Oder gibt er sich auf der Bühne wie immer? Naja, er ist jedenfalls authentisch. Er scheint viel mit seinen Augen und Augenbrauen zu reden, das meine ich jedenfalls daran zu erkennen, dass sein Hut beim Reden auf- und abwippt. Sehen kann ich es nicht – der Sonnenbrille sei Dank.

Für Udo Lindenberg sind die Konzerte an Deck etwas Besonderes, erklärt er: „Das ist ja echt anders als in den großen Arenen und den Stadien.“ Hier könne er quasi jeden persönlich per Handschlag begrüßen. „Das sind Kammerkonzert-Intimdarbietungen, sehr persönlich, sehr familiär.“

Während des Gesprächs macht er zwischendurch eine kurze Pause für eine Dosis Nasenspray, seine Nase ist trocken von der Bootsluft. Es sind diese Momente, in denen ich ihn noch mehr ins Herz schließe. 

Dass es eine nächste Auflage des Rockliners geben wird, dessen ist Udo sich sicher. „Das ist so fantastisch alles, das wird schon so weiter gehen. Das turnt ja auch so an, wenn wir das nicht weitermachen würden, würden die Leute Entzugserscheinungen kriegen. Die Leuten haben richtig Bock, die brauchen das richtig, wie die frische Seeluft.“ 

Udo Lindenberg ist Kreuzfahrt-verrückt...

Udo selbst scheint es auch zu brauchen. Sein Hit Andrea Doria, jetzt der Rockliner: Woher kommt Udos Liebe zu Schiffen? Früher gab es sogenannte Kinderverschickungen, bei ihm zu Hause in Gronau hatten sie wenig Knete: „Da wurden wir verschickt, mit 15 Jahren, in die Wilstermarsch. Da ist ein großer Fluss, die Elbe, und da habe ich zum ersten Mal Schiffe gesehen.“ Klein-Udo war fasziniert von der großen, weiten Welt, den Abenteuern und Ländern, die sie versprachen. 

Pooldeck und Überschaubar auf dem Rockliner 5 mit Udo Lindenberg.
Auch das Pooldeck steht ganz in Panikpiraten-Manier auf „Lindstärke 10“. Foto: Leonie Greife

„Dieses Symbol für Neugierde, Action und was machen. Als ich dann die Seefahrt für mich entdeckt hab, auf Kreuzfahrtschiffen und Segelschiffen und hier und da, hat mich das immer mehr gepackt. Irgendwann hab ich dann gedacht: Ok, das mach ich mit der gesamten Panikband.“ 

So verbringt Udo den Rockliner 2017

Und wie verbringt der Rockstar seine Nächte an Deck? Für ihn hat Seefahrt auch mit Melancholie zu tun: „Es gibt auch einsame Nächte auf See“. Da schaue er aufs Wasser, genieße die Weite, die da ist, auch für die Gedanken, das Losgelöst-Sein von den Normen in der Heimat.

Wo auf der Welt es ihm besonders gefallen hat? „Amazonas hat mir sehr gut gefallen, in Manaus im Opernhaus bin ich auf die Bühne geflitzt, was natürlich nicht genehmigt war, hab gedacht, hier muss ich einmal Fitzcarraldo-mäßig mich auf die Bühne stellen.“ Durch China sei er schon geritten, durch Alaska gereist, habe Action in dicken Städten erlebt. „Im Underground, gut getarnt.“ Dann trage er einen Hoodie, mehr könne er aber natürlich nicht verraten, „sonst weiß ja jeder, welche Maßnahmen ich zu meiner Tarnung ergreife.“

Unsere Herzen bleiben hier

Viel zu schnell ist das Interview vorbei, Udo muss direkt los zum nächsten Termin. Ich drücke ihm noch die Zimtschnecke in die Hand, die ich ihm aus Göteborg mitgebracht habe. Er drückt mich – und tänzelt von dannen. Ich: Noch immer völlig nervös. Und dann wird mir klar: Wir hatten keine Zeit mehr für ein Foto. Da treffe ich einmal Udo Lindenberg und habe nicht mal ein Selfie zum Angeben. Verdammt.

Moses Pelham mit Leonie Greife.
Der diesjährige Specialguest beim Rockliner: Rapper Moses Pelham (re., mit reisereporterin Leonie Greife). Foto: Leonie Greife

Moses Pelham, der Udo in diesem Jahr als Stargast begleitet, hat die (vielleicht etwas undankbare) Aufgabe, meine Zeitrechnung nach Udo einzuläuten. Diesmal denke ich an ein Erinnerungs-Selfie. Auch er zeigt sich etwas „starstruck“ und erklärt die Bar auf der Bühne, an der für die Künstler Eierlikör ausgeschenkt wird, zu seinem Lieblingsplatz an Bord. Mit großen Bambi-Augen sitze er bei jeder Show von Udo an der Bar, erklärt Moses. Und bringt es auf den Punkt: „Ist halt auch Udo Lindenberg...“ 

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
#Trending
Zur
Startseite