Linges (B)Logbuch: Inuit und Rammstein | reisereporter.de

Linges (B)Logbuch: Rammstein und Kehlkopfgesang

Auf dem Luxusliner Crystal Serenity fährt Claus Lingenauber durch die legendäre Nordwestpassage. Er will die Arktis hautnah erleben. Auf dem reisereporter erzählt er von seinen Erlebnissen an Bord. Hier lest ihr Teil 15 seines (B)Logbuchs.

Ein großer Rammstein-Fan: Patrick.
Ein großer Rammstein-Fan: Patrick.

Foto: Claus Lingenauber

Ein ganzes Begrüßungskommando hat sich am Strand eingefunden. „Welcome to Pond Inlet!“ Die Bewohner der Inuit-Siedlung auf Baffin Island empfangen uns bei strahlendem Sonnenschein mit einem strahlenden Lächeln. Das von Patrick zieht sich fast bis an die Ohren. Und als ich ihm erzähle, dass ich aus Deutschland komme, strahlt er fast noch ein wenig mehr. „Do you know Rammstein?“, fragt er mich verschmitzt. Und als ich bejahe, sagt er: „I like Rammstein“.

Ich stelle ihn mir vor, wie er auf einem Hügel sitzt – den Kopfhörer übergestülpt, den Blick in die Ferne gerichtet, dorthin, wo Bucht, Berge und Gletscher zu einer grandiosen Kulisse verschmelzen – und mit verzücktem Gesicht das stählerne Klangbombardement dieser deutschen Kultband durch seinen hageren Körper hämmern lässt. Auf der einen Seite Kehlkopfgesang und Drum Dancing, auf der anderen westliche Popkultur – Tradition und Moderne treffen auch in Pond Inlet aufeinander.

Und es wird darauf ankommen, das Neue zuzulassen und aufzunehmen, ohne das Alte aufzugeben. Eine schwierige Gratwanderung, aber wenn man sieht, mit welcher Leidenschaft auch Jugendliche noch von der Jagd berichten und mit welcher Begeisterung selbst die Kleinen noch bei den alten Tänzen mitmachen, muss es einem um den Erhalt des kulturellen Erbes der Inuit nicht bange sein.

Panilo Sangoya (90), Inuit und Geschichten-Erzähler.
Panilo Sangoya (90), Inuit und Geschichten-Erzähler. Foto: Claus Lingenauber

Paniloo Sangoya ist einer, der dieses Erbe bewahrt. Der fast 90-Jährige ist ein Elder – also ein alter weiser Mann, der die Überlieferungen und Mythen der Inuit noch alle kennt und weitergeben kann.

Er spricht so gut wie kein Englisch und ist darauf angewiesen, dass ihn jemand dolmetscht. Für die Gäste von der Crystal Serenity soll er im Conference Center einige seiner Geschichten erzählen, sagt mir die Dolmetscherin. Aber man habe keinen Zeitplan, man wisse nicht, wann es losgehen soll. Ob ich vielleicht einen Plan hätte. Ich verneine und spüre, wie der alte Mann immer unruhiger wird. Ein Storyteller, der verzweifelt darauf wartet, dass er endlich seine Geschichten erzählen kann.

Auch ich über mich in Geduld und warte. Doch als mich auch noch eine junge Inuit anspricht, ob ich vielleicht der Priester vom Schiff sei, den man erwarte, ziehe ich weiter. 

Pond Inlet wirkt weniger abweisend als Cambridge Bay. Das mag mit der grandiosen Landschaft zu tun haben, die diesen Ort umgibt – vor allem aber liegt es an der Herzlichkeit, die hier von den Menschen ausgeht. Ob ich zum ersten Mal Eskimos sehe (ja, sie benutzt das Wort Eskimo), will eine Frau vor dem Community Center von mir wissen. Als ich ihr sage, dass ich schon welche in Ulukhaktok und Cambridge Bay kennengelernt habe, präsentiert sie ihr freundlichstes Zahnlücken-Lächeln. Dann sagt sie, sie sei glücklich, dass das große weiße Schiff wiedergekommen ist.

Simon, Bootsführer aus Pond Inlet
Simon, Bootsführer aus Pond Inlet Foto: Claus Lingenauber

Simon bringt uns im Zodiac zurück zur Crystal Serenity. „Ich bin aus Pond Inlet“, sagt er. Ob ich den Ort auch schön finde. Ich bejahe, was Simon spürbar mit Stolz erfüllt. Sein zeitlich begrenzter Job auf der „Shackleton“ geht jetzt zu Ende, das Schiff verlässt uns heute. Was er sonst mache, will ich wissen. „Ich arbeite für die Brennstoff-Company.“ Das Unternehmen versorgt Pond Inlet mit Benzin, Diesel und Heizöl.

Am Abend verabschieden wir uns von Pond Inlet und der „Shackleton“ – und noch einmal erklingt der Song „Northwest Passage“ von Stan Rogers. Wir brauchen jetzt keine Zodiacs mehr für Landgänge und unerwartete Abenteuer.

Die Crystal Serenity hat die legendäre Verbindung zwischen Atlantik und Pazifik in nur sieben Tagen durchquert.

Der Norweger Roald Amundsen, dem das Anfang des vergangenen Jahrhunderts als Erstem gelungen ist, hatte dafür noch drei Jahre gebraucht.

Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage.
Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage. Foto: Vista Travel

 

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
#Trending
Zur
Startseite