„Das war ein hartes Stück Arbeit“, meldet sich Kapitän Birger Vorland über Lautsprecher zu Wort. Er habe seit fast drei Tagen kein Auge zugemacht und müsse sich jetzt erst einmal hinlegen, sagt er. Die Passage durch die Eisfelder in der Victoria Strait und das Manövrieren in der extrem engen Bellot Strait waren offenbar doch komplizierter als erwartet.

Immer wieder war zu spüren, wie der Rumpf polternd mit den Schollen kollidierte und der ganze Schiffskörper erzitterte. Zudem muss für die Passage der Bellot Strait die richtige Tide abgewartet werden. Sonst drohen Gegenströmungen von bis zu acht Knoten. Doch nun ist der Weg frei. Der kanadische Eisbrecher dreht bei und unser Kapitän lässt als Dank noch dreimal dröhnend das Horn ertönen. Farewell „Des Groseilliers“!

Und damit haben wir jenen Teil hinter uns gelassen, in dem sich das wohl größte Drama der Erforschungsgeschichte dieser Region abgespielt hat – das Schicksal der Franklin-Expedition.

Die Engländer waren schon seit Beginn des 16. Jahrhunderts besessen gewesen von der Idee, einen nördlichen Seeweg vom Atlantik zum Pazifik zu finden – die sogenannte Nordwestpassage. Unzählige Namen sind mit dieser Suche verbunden. Martin Frobisher, Henry Hudson, William Baffin - viele verewigt als geographische Randnotiz, als Namensgeber für Inseln, Meerengen, Landzungen und Fjorde.

Doch ein jeder dieser Seefahrer und Entdecker war bis dahin an den Widrigkeiten der Bedingungen gescheitert. Der Schotte John Ross stand kurz vor Vollendung der Durchquerung der Nordwestpassage, doch dann sah er plötzlich ein Gebirge vor sich aufragen, weswegen er den Lancaster Sound als Fjord einstufte. Eine fatale Fehlentscheidung.

Denn das Gebirge war nichts weiter als eine in Polargebieten manchmal auftretende Luftspielung – also eine arktische Fata Morgana. Ross setzte sich gegen seine Offiziere durch, die die Sache überprüfen wollten. Folge: Er wurde seinen Job bei der Admiralität los, die Nordwestpassage blieb unentdeckt.

Polarforscher Sir John Franklin.
Polarforscher Sir John Franklin. Foto: Claus Lingenauber

 

Das ließ den Engländern jedoch keine Ruhe. Mitte des 19. Jahrhunderts - die Briten waren im viktorianischen Zeitalter angekommen, hatten ihren Zenit als See- und Weltmacht erreicht und fast jeden Winkel der Erde erkundet - bekam der Polarforscher Sir John Franklin von der britischen Admiralität den Auftrag, das Geheimnis der letzten unbekannten 500 Kilometer zu lüften. Er sollte den kanadischen Archipel kartografieren und endlich einen Seeweg durch das Labyrinth aus Eis und Inseln finden.

Ausgerüstet mit zwei bestens ausgestatteten Schiffen stach Franklin mit seinen Leuten am 19. Mai 1845 in See. Die Mannschaft bestand aus 129 Mann, die Offiziere gehörten zur Elite der britischen Admiralität. Man hatte Proviant für drei Jahre dabei. Eigentlich sollte nichts schiefgehen können.

Doch schon die Namen der Schiffe klangen furchterregend und bedrohlich - so als wollten sie das Grauen vorwegnehmen, das die Teilnehmer dieser Expedition durchlitten haben müssen. Das eine hieß „Erebus“, benannt nach dem Höllenhund der griechischen Sage, das andere „Terror“. Am 26. Juli wurde die beiden Segler das letzte Mal gesehen – von zwei Walfangbooten in der Davisstraße zwischen Grönland und der Baffininsel.

Danach verlieren sich die Spuren auf Beechey Island in der Lancaster Strait, wo ein Vorratslager angelegt und drei auf der Fahrt verstorbene Seeleute der Franklin-Expedition beigesetzt worden waren. Später kam noch ein Gedenkgrab für Joseph Rene Bellot, einem von Franklins Offizieren hinzu.

 

Als die britische Admiralität 1847 noch immer keine Nachricht von Franklin erhalten hatte, wurden erste Zweifel laut – machte das Wort Scheitern die Runde. Optimisten hielten dagegen, dass James Clark Ross, ein Neffe von John Ross, und seine Expedition zuvor schon vier Winter in der Arktis überstanden hatten.

Im März 1848 lobte die Admiralität dann doch 20.000 Pfund Belohnung (nach heutigem Wert etwa zwei Millionen Euro) für die Rettung möglicher Überlebender aus. Nach drei kleineren erfolglosen Expeditionen brachen 1850 schließlich 14 Schiffe auf, um Franklin und seine Mannschaft doch noch zu finden. Ergebnis: Fehlanzeige.

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xxx Foto: Claus Lingenauber

Weitere Suchaktionen folgten. Bei den ganzen Rettungsversuchen kamen schließlich mehr Menschen ums Leben als bei der Franklin-Expedition selbst. Mehr als erste Hinweise auf Krankheiten und Todesfälle erbrachten sie aber nicht.

Es waren schließlich Inuit, die dem Polarforscher John Rae 1854 von total abgemagerten Gestalten berichteten, die verzweifelt über das Eis irrten und sich von ihren gestorbenen Kameraden ernährten. Fünf Jahre später bestätigte Francis McClintock, der von Franklins Witwe mit der Untersuchung beauftragt worden war, dass es Fälle von Kannibalismus gegeben hat. Aktuelle forensische Untersuchungen haben das inzwischen erhärtet.

Völlig rätselhaft ist jedoch immer noch, warum die Überlebenden die Schiffe aufgegeben haben, warum sie sich zu Fuß auf den Weg durch die Tundra machten, die schweren Beiboote bepackt mit Proviant hinter sich herziehend.

Der Mythos Nordwestpassage lebt von Geschichten wie dieser – deshalb gibt es auch unzählige Bücher zum Thema.
Der Mythos Nordwestpassage lebt von Geschichten wie dieser – deshalb gibt es auch unzählige Bücher zum Thema. Foto: Claus Lingenauber

 

Ein in einem Steinmal auf King-William-Island entdecktes Papier deutet daraufhin, dass eine verzweifelte Truppe von 105 Leuten sich unter Führung von Francis Crozier, des Kapitäns der „Terror“, bis nach Back River, einem 350 Kilometer entfernten Außenposten der Hudson Bay Company durchschlagen wollte. Franklin selbst muss zu diesem Zeitpunkt bereits tot gewesen sein.

Es wird gemutmaßt, dass er – wie andere auch – an Bleivergiftung gestorben sein könnte, weil viele der mitgeführten Konserven offenbar fehlerhafte Lötstellen hatten. Inzwischen gehen Forscher aber eher davon aus, dass ein akuter Zinkmangel extrem geschwächt und anfällig für Krankheiten gemacht habe. Das hätten Analysen von Fingernägeln ergeben. Viele Theorien – aber wenig Klarheit.

Inzwischen sind jedoch die beiden Wracks gefunden worden. Die „Erebus“ wurde 2014 in der Victoria Strait geortet, die „Terror“ recht gut erhalten zwei Jahre später in 24 Meter Tiefe südlich der King-William-Insel in der Terror Bay. Von den Untersuchungen erhofft man sich weitere Aufschlüsse. Die kanadische Regierung hat die Fundstätten schon mal als Orte nationalen Interesses ausgewiesen. Die Liste der unzähligen Bücher über die Franklin-Legende wird nun wohl noch länger werden.

Und was auch immer die Forscher herausfinden mögen, völlig enträtseln werden sie die Gründe für das tragische Scheitern der Franklin-Expedition wohl kaum. Und vielleicht ist das ja auch gut so. Denn der Mythos Nordwestpassage lebt maßgeblich von Geschichten wie dieser...

Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage.
Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage. Foto: Vista Travel