Eis, rundherum um uns Eis, unter Wasser türkis bis grün schimmernd, über Wasser weiß und mit Schnee bedeckt – so früh hatten wir den Beginn der Eiszeit noch nicht erwartet. An Deck herrscht Gedränge. Ferngläser werden herausgeholt, Fotoapparate klicken – auch das Expeditionsteam der Crystal Serenity arbeitet jetzt auf Hochtouren. Alles klappt wie am Schnürchen.

Die Eisfelder sind unter Wasser türkis, über Wasser mit Schnee bedeckt.
Die Eisfelder sind unter Wasser türkis, über Wasser mit Schnee bedeckt. Foto: Claus Lingenauber

An Bord der „Shackleton“ werden die Zodiacs klargemacht. Alle, die „Unexpected Adventures“ (also unerwartete Abenteuer) gebucht haben, finden ein Ticket in ihrer Kabine und müssen sich zur angegebenen Zeit am Sammelplatz einfinden. Ich bin um 11.20 Uhr dran. Die Temperaturen schwanken zwischen minus drei und plus einem Grad. Warm angezogen macht sich unsere Gruppe auf den Weg zum Ausgang. Schlauchboot um Schlauchboot kommt an den Anleger, um die Crystal-Gäste so nah wie möglich ans Eis heranzubringen. Hin und wieder fliegt auch ein Helikopter über unsere Köpfe hinweg. Das Ganze von oben zu bewundern, kostet allerdings deutlich mehr als unser kleiner Bootsausflug (699 statt 149 US-Dollar). 

Eis türmt sich auf.
Eis türmt sich auf. Foto: Claus Lingenauber

Ein jeder ist begeistert. Das große Arktis-Feeling macht sich breit. Nur auf die Schollen dürfen wir aus Sicherheitsgründen nicht rauf. Einer kleinen Minigruppe aber ist eine Zodiac-Tour durch die Welt des Eises nicht genug, sie ist mit dem Schlauchboot an eine größere Scholle herangefahren, hisst die Taucherfahne und verschwindet in den eisigen Fluten der Victoria Strait. Eistauchen ist nur etwas für Hartgesottene, aber auch ein solches Abenteuer ist buchbar. Crystal hat Tauchexperten mit an Bord.

Zwischendurch kommt ein Zodiac vorbei und bringt heiße Schokolade. Der Becher wärmt auf angenehme Art die Hände, die beim vielen Fotografieren doch verdammt kalt geworden sind.  

Auf dem Schlauchboot der Crystal Serenity wird heißer Kakao verteilt.
Heißer Kakao wärmt die kalten Finger. Foto: Claus Lingenauber

Christian Haas, Professor für Meereseis-Geophysik an der Uni Alberta, klärt uns darüber auf, wieso in der Nordwestpassage plötzlich so viel Eis ist. Es sei kein Gletschereis, sondern stammt von den Rändern des riesigen Eisfeldes, das ganzjährig die Polregion bedeckt. Kräftige Nordwinde haben das Eis dann nach Süden getrieben. Der fährt bis nach Grönland als Lektor mit.

Am nächsten Tag steigt die Spannung weiter. Der kanadische Eisbrecher „Des Groseilliers“ hat sich uns inzwischen angeschlossen und fährt vorneweg -  dann die Shackleton. Und im Schlepptau hinter uns: die Bremen. Das Expeditionsschiff von Hapag Lloyd befährt die Nordwestpassage von Grönland aus und nutzt, obwohl das Schiff eistauglich ist, den Service der kanadischen Küstenwache. Das Eis wird dichter.

Die „Des Groseilliers“ räumt den Weg durchs Eis.
Die „Des Groseilliers“ räumt den Weg durchs Eis. Foto: Claus Lingenauber

Im Galaxy läuft ein Vortrag über die Vogelwelt der Arktis, als über Lautsprecher die Ansage ertönt: Eisbär auf Backbord gesichtet. Niemanden hält es mehr im Saal. Alles strömt an Deck, um einen guten Platz zum Fotografieren zu finden. Oder ins Palm Court, wo die Chancen – aufgrund der Fähigkeiten von Robs Cineflex-Kamera – am besten sind, den Bären in seiner ganzen Schönheit zu erleben.

In einiger Entfernung entdecke ich Nanuk, wie die Inuit den knuddeligen Riesen nennen, auf dem Eis herumlaufen. Aber mit meiner Optik stoße ich an Grenzen. Das Bild ist nach etlichen Vergrößerungsversuchen verdammt unscharf. Zweimal noch werden an diesem Tag von der Brücke aus Eisbären angesagt. Aber auch sie sind weit entfernt.  

Ein Eisbär in der Arktis
Eisbär auf Backbord! Foto: Claus Lingenauber

Beim Abendessen präsentiert Bob mir stolz sein Foto. Gestochen scharf zeigt es den Bären, wie er gerade von der Eisscholle mit einem eleganten Satz ins Wasser springt. Ein Superschuss. Der Australier hat es mit seinem Riesentele ganz entspannt von seinem Balkon aus aufgenommen. Eine Spur von Neid macht sich in mir breit.  Aber viel Zeit zum Ärgern bleibt mir zum Glück nicht. Jorge, unser chilenischer Kellner, kommt und bringt – wie stets gut gelaunt – die Karte. Und wie jeden Abend habe ich Probleme, mich zu entscheiden.

Die Route der Crystal Serenity

Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage.
Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage. Foto: Vista Travel