Container stapeln sich. Im Hafen von Cambridge Bay wird ein Frachter entladen. Dreimal im Jahr läuft ein Schiff den Ort an, um die Region mit allem zu versorgen, was lebensnotwendig ist. Das geht nur in der kurzen eisfreien Zeit. Frische Produkte wie Obst und Gemüse kommen mit dem Flugzeug. Das alles ist aufwendig und teuer.

Container im Hafen von Cambridge Bay.
Container im Hafen von Cambridge Bay. Foto: Claus Lingenauber

Kein Wunder, dass die Preise hier im hohen Norden astronomisch hoch sind. Ein Kilo Tomaten kostet zehn kanadische Dollar (knapp sieben Euro), ein Glas Nutella ebenso. Und wenn die Wetterbedingungen im Winter den Flugverkehr zum Erliegen bringen, kann es auch schon mal über einen längeren Zeitraum kein Frischgemüse geben, erzählt eine Verkäuferin. Aber die Inuit ernähren sich traditionell eh von dem, was Land und Meer hergeben.

Die Produkte im Supermarkt von Cambridge Bay sind teuer.
Die Produkte im Supermarkt von Cambridge Bay sind teuer. Foto: Claus Lingenauber

Der Ort an der Südostspitze von Victoria Island ist das wirtschaftliche und verwaltungstechnische Zentrum dieser Region. Iqaluktuuttiaq nennen ihn die Inuit – was etwa so viel bedeutet wie „hier gibt es viel Fisch“. Also ein Ort, an dem sich gut leben lässt. Und so ist es kein Wunder, dass das Städtchen wächst. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Bevölkerungszahl um 23 Prozent erhöht – auf etwa 1.500 Einwohner.

83 Prozent von ihnen sind Inuit. Es gibt eine Bank, ein Hospital, drei Kirchen, ein Community Center, eine moderne Schule und die Regionsverwaltung. Besonders stolz ist man jedoch auf die noch im Bau befindliche Forschungseinrichtung Arctic Research Center. Das futuristisch anmutende Gebäude steht kurz vor der Fertigstellung und soll einmal von interessierten Wissenschaftlern aus aller Welt genutzt werden können.

Die Forschungseinrichtung Arctic Research Center befindet sich noch im Bau.
Die Forschungseinrichtung Arctic Research Center befindet sich noch im Bau. Foto: Claus Lingenauber

Cambridge Bay ist eines von drei regionalen Zentren von Kanadas jüngster Provinz Nunavut. Diese umfasst 20 Prozent der Gesamtfläche des nordamerikanischen Landes, hat aber nur 35.000 Einwohner. Die Hauptstadt Iqaluit liegt auf Baffin Island. Nunavut wurde 1999 von den Northwest Territories abgetrennt und zur eigenständigen Provinz erklärt, in der sich die vorwiegend aus Inuit bestehende Bevölkerung weitgehend selbst verwaltet. Dieser Schritt war so etwas wie ein Stück Wiedergutmachung, denn lange Zeit wurden die Inuit, die damals noch als Eskimos bezeichnet wurden, von der kanadischen Regierung als Menschen zweiter Klasse behandelt.  Man meinte, ihnen erst einmal Kultur und Bildung beibringen zu müssen.  Doch in Wirklichkeit ging es darum, einer indigenen Minderheit ihre Identität zu nehmen. 

So ist es noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts üblich gewesen, junge Inuit aus ihren familiären Strukturen zu reißen und in weit entfernten sogenannten Residential Schools unterzubringen. Das waren vom Staat finanzierte und in der Regel von Kirchen betriebene Internate. Die Kinder sollten quasi ihr Inuit-sein vergessen. Die Benutzung der eigenen Sprache war den jungen  Inuit, die des Englischen kaum mächtig waren, verboten. Zurück blieben zumeist traumatisierte und entwurzelte Schüler, zumal Erniedrigung und sexueller Missbrauch in diesen Heimen an der Tagesordnung waren. Auch Zwangsumsiedlungen ganzer Inuit-Gruppen hat es gegeben. Ein ganz trauriges Kapitel der kanadischen Geschichte. Kritiker sprechen von kulturellem Genozid. Es dauerte noch bis 2008, dass sich die kanadische Regierung zu einer Entschuldigung durchringen konnte.  

Peter Irniq – Autor, Künstler und politischer Kämpfer für die Selbstbestimmung – schildert auf der Crystal Serenity eindrucksvoll die Schicksale einzelner Menschen und das Unrecht, das ganzen Generationen von Inuit widerfahren ist. Er setzt sich, wie auch die kanadische Singer-Songwriterin Susan Aglukark, die einen intensiven Auftritt an Bord hatte, dafür ein, die Traditionen und die Kultur der Inuit wieder zu stärken und zu bewahren.

Caroline arbeitet vor dem Community Center von Cambridge Bay.
Caroline arbeitet in dem Community Center von Cambridge Bay. Foto: Claus Lingenauber

Vor dem Community Center von Cambridge Bay gibt Caroline Besichtigungstipps. Ich komme mit ihr ins Gespräch und sie erzählt ein wenig von ihrer Geschichte. Ihre Mutter hatte es nach Alberta verschlagen und Caroline spürte schon als Kind, dass ihr etwas fehlte, das sie in diesem Teil Kanadas fremd war und dort nicht glücklich werden konnte. Mit 18 ist sie nach Cambridge Bay gezogen, dorthin, wo ihre Mutter aufgewachsen war. Und zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, angekommen und mit sich im Reinen zu sein. Und aus dem Gefühl ist Gewissheit geworden. „Ich habe meine Heimat gefunden und meine kulturellen Wurzeln wiederentdeckt“, sagt sie. Und mit der Gründung von Nunavut gilt das für die Mehrheit der Inuit.  

Die Route der Crystal Serenity    

Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage.
Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage. Foto: Vista Travel