Die wasserdichte Hose und den Anorak übergezogen, hinein in die Gummistiefel – und dann hinunter zum Embarkationsdeck. Rettungswesten werden verteilt, die Zodiacs warten schon. Eine lange Reihe orangefarbener Menschen steht geduldig Schlange. Etwa zwölf Personen passen hinein in ein solches Schlauchboot. Unterstützt von hilfsbereiten Mitgliedern der Crew sitzen auch wir irgendwann auf der Außenwulst des Zodiacs.

Manch ängstlicher Blick lässt erahnen, dass das wacklige Gefährt nicht allen ganz geheuer ist. Die meisten krallen sich krampfhaft an den Halteschlaufen fest. Doch Bootsführer Emri Canvin, ein Kanadier aus Labrador, beruhigt: „Bisher ist noch niemand ins Wasser gefallen.“ Zum Glück ist die See ruhig und die Schaukelei hält sich in Grenzen – und die Gischt auch.

Die Landestelle in Ulukhaktok.
Die Landestelle in Ulukhaktok. Foto: Claus Lingenauber

Wet landing – nasse Landung nennt man diese Art der Ausbootung. Da es keinen Anleger gibt, geht es mit Schlauchbooten bis auf den Strand. In der Regel muss man dabei noch ein wenig durchs Wasser waten. Ich steige extra ein Stückchen weiter hinten aus, damit ich die Gummistiefel nicht umsonst angezogen habe. Beim Gehen entpuppen sich die plumpen Boots nämlich als wenig vorteilhaft. Ich watschele damit durch die Gegend wie ein Pinguin. Und somit wie ein Alien. Denn Pinguine gibt‘s bekanntlich ja nur in der südlichen Hemisphäre.

Eine Gruppe Inuit, die zur Feier des Tages ihre traditionelle Kleidung aus Karibufell angelegt hat.
Das Begrüßungskomitee besteht aus einer Gruppe Inuit, die zur Feier des Tages ihre traditionelle Kleidung aus Karibufell angelegt hat. Foto: Claus Lingenauber

Willkommen in Ulukhaktok!  Das Begrüßungskomitee besteht aus einer Gruppe Inuit, die zur Feier des Tages ihre traditionelle Kleidung aus Karibufell angelegt hat. Die Frauen haben ein Feuer entfacht, auf dem sie Tee kochen, den sie uns anbieten. Wohin wir noch fahren, will eine der Frauen wissen. „Nach Grönland“, antworte ich.  „Dort gibt es ganz viel Eis. Die Eisberge würde ich gern mal sehen“, seufzt sie sehnsüchtig. „Ich liebe Eisberge.“ Zwar sind wir hier in der Arktis, aber Eisberge gibt es in diesem Teil nicht.

Nach einem Jahr ist die Crystal Serenity erneut in diesem Ort zu Gast, und es herrscht freudige Erwartung. Cambridge Bay, unsere nächste Station, wird im Sommer bereits mehrmals von kleineren Kreuzfahrt- und Expeditionsschiffen angelaufen, bis Ulukhaktok aber fährt kaum jemand. Einmal im Jahr kommt ein kanadisches Versorgungsschiff vorbei, um den Ort mit dem Nötigsten zu versorgen. Gänzlich abgeschieden von der Außenwelt ist die Siedlung mit ihren rund 400 Einwohnern jedoch nicht. Zweimal die Woche fliegt eine Twin Otter der Aklakair nach Inuvik am Mackenzie River, der letzten noch mit dem Auto erreichbaren kanadischen Stadt.

Ulukhaktok besteht aus einer Ansammlung von zumeist grauen und verwitterten Holzhäusern. Diese gruppieren sich um eine schön geschwungene Bucht, die den Namen Amundsen Golf trägt, benannt nach dem berühmten norwegischen Polarforscher. Ein Gewirr von staubigen Schotterpisten zieht sich quer durch den Ort, über die vor allem Quads knattern. Auffällig sind die vielen Vorfahrts-und Tempolimit-Schilder. Bei 35 Meilen pro Stunde ist Schluss.

Juliette und Nadine, Schülerinnen der Helen Kalvak Elihakvik School.
Juliette und Nadine, Schülerinnen der Helen Kalvak Elihakvik School. Foto: Claus Lingenauber

Es gibt ein „Art and Handycraft Center“ mit schönen Schnitz- und Lederarbeiten, eine Townhall, einen kleinen Kaufmannsladen mit Dingen des täglichen Bedarfs, eine windschiefe hölzerne Kirche und eine aus massivem Material gebaute neue Schule. Sie heißt Helen Kalvak Elihakvik School. Als ich Juliette und Nadine frage, wofür Elihakvik stehe, prusten die beiden Schülerinnen laut los. „Das heißt Schule. Wir haben also eine Schule-Schule.“

Gut 100 Schüler werden hier unterrichtet. Kinder sind in Ulukhaktok keine Mangelware. Immer wieder sieht man zwischen den Häusern Plätze mit bunten Spielgeräten für die Kleinen. Neben den Schneemobilen, die vor den Häusern herumstehen, sind es die einzigen Farbkleckse.

Auffällig ist die Freundlichkeit der Menschen. Ein jeder grüßt und winkt-  oder strahlt einen einfach nur an. Am Strand liegt ein in die Jahre gekommenes Segelboot. Es ist das einzige weit und breit. Ich frage einen Inuit, der gerade den Weg entlangkommt, was es mit dem Boot auf sich habe, denn die Menschen hier benutzen Boote mit Außenbordmotoren, wenn sie zum Fischen rausfahren. „Es gehört dem Mann, dem das Haus dort gehört“, sagt er. „Er ist Däne und war früher unser Schmied und Schlosser und konnte alles reparieren. Er hat das Boot selbst gebaut, nutzt es aber nicht mehr.“ Im Sommer lebe der Däne inzwischen aber auf der Insel da hinten. Sein Arm weist auf ein felsiges Stück Land jenseits der Bucht. Im Ort sei es dem schon über 80-Jährigen jetzt zu staubig, grinst er und zeigt auf die Staubwolke, die ein Quad hinter sich herzieht. 

Aaron ist ein Hunter aus Unukhaktok.
Aaron ist ein Hunter aus Unukhaktok. Foto: Claus Lingenauber

Wie sein Name sei, frage ich. „Aaron“, sagt er und will wissen, wie ich heiße und woher ich komme. Als er Deutschland hört, blitzen seine Augen auf. „Deutschland stellt den besten Stahl her“, ist er überzeugt. „Alle meine Messer sind aus deutschem Stahl, die halten lange. Bei chinesischen bricht schnell die Klinge ab.“ Aaron ist Jäger, in einem Stoffbeutel auf dem Rücken trägt er sein Gewehr mit sich. Wir verabschieden uns. „Naqua“ – danke, sage ich. „Naqua“, sagt auch Aaron, lächelt noch einmal und geht seines Weges. 

Die Route der Crystal Serenity

Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage.
Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage. Foto: Vista Travel