„Guaven, Bananenstauden, Mangobäume, Bambus, Zitronengras, Dattelpalmen, Bougainvillea, Jasmin...“ – minutenlang kann Franko Göhse Tropengewächse aller Größen, Arten und Farben aufzählen. So unersättlich der Appetit des Landschaftsplaners auf Grünes, so unmöglich scheint sein Vorhaben: Ausgerechnet einen wuchernden Urwald will er auf scharfkantigem Korallengestein auf Sansibar erschaffen, auf dem momentan nur dürftiges Buschwerk gedeiht.

Der Tropenwald hat eine wichtige Funktion: Er soll das grüne Dach für die erste ökologische Reihenhaussiedlung der afrikanischen Gewürzinsel werden. 1.283 Wohneinheiten sind geplant, 200 Häuschen möbliert im Ikea-Stil bereits verkauft. Ein Novum für Sansibar, ein Pionierprojekt für ganz Afrika.

Leipziger Familie schafft bezahlbaren Wohnraum in Tansania

Die Macher der Musterstadt stammen allesamt aus Leipzig. Allen voran, neben Gärtner Frank Göhse (47), Jungunternehmer Sebastian Dietzold und seine Frau Katrin sowie der jüngere Bruder Tobias Dietzold. Als Missionarskinder an den Hängen des Kilimandscharo groß geworden, sprechen die beiden Brüder nicht nur fließend Swahili, sondern haben sich vorgenommen, „hochwertigen, bezahlbaren Wohnraum für die Mittelklasse“ zu schaffen, die überall in Afrika wächst, in Tansania in zwanzig Jahren von null auf 28 Prozent.

Dazu kommt eine ungebremste Bevölkerungsexplosion: Daressalam, die Wirtschaftshauptstadt Tansanias, wird sich bis 2030 in die Riege der afrikanischen Megastädte mit mehr als zehn Millionen Einwohnern schieben – neben Kairo, Kinshasa, Lagos, Johannesburg und Luanda, so der Urbanisierungsreport der UN von 2014. Schon heute fehlen vier Millionen Wohnungen in Tansania, zu dem seit 1964 auch Sansibar gehört. 

Öko für Afrika: Die gesamte Siedlung wird nachhaltig gebaut
Öko für Afrika: Die gesamte Siedlung wird nachhaltig gebaut Foto: Andrea Tapper

Da trifft es sich gut, dass Fumba Town, die sansibarische Zukunftsstadt, per Speed-Fähre in nur 45 Minuten vom tansanischen Festland erreichbar sein soll. Das günstigste Ein-Zimmer-Apartment ist bereits für einen Kaufpreis in Höhe 14.000 Euro zu haben, ein 65-Quadratmeter-Fertigreihenhaus mit drei Schlafzimmern für rund 55.000 Euro. „Die Masse macht es so kostengünstig“, sagt Sebastian Dietzold.

Biotonnen und geteerte Straßen am Äquator

Die ersten weißen Musterbungalows strahlen auf grau-gelbem Korallenfels in gleißender Sonne; der Blick streift übers Meer auf den Leuchtturm der kleinen Nachbarinsel Chumbe. „Stellt euch ein sorgenfreies Leben für euch und eure Kinder vor“, sagt der visionäre, junge Planer aus Leipzig, wenn er Interessierte über die Großbaustelle auf der Halbinsel Fumba zehn Kilometer südlich von Sansibars Hauptstadt und Flughafen führt: „Ein Leben ohne Gitter vor den Fenstern, ohne Abfallhaufen vor der Tür, mit Trinkwasser aus der Leitung.“

Was in Europa selbstverständlich ist, wäre für Sansibar – bisher mehr für tropischen Urlaub als für Zukunftsvisionen bekannt – ein Quantensprung: „Eine Stadt mit perfekter Infrastruktur“, sagt Sebastian Dietzold (40), „in der man sich nicht mit Stacheldraht vor Dieben verbarrikadieren muss.“ Mit Biotonnen und Wasserwiederaufbereitung, mit Sportplätzen, Schulen, Moschee und Kirche, mit geteerten Straßen und Fischmarkt, mit einem Pier ins Meer hinaus und steinernen Sitzbänken, auf denen sich in Sansibar die Dorfältesten traditionell zum Tratsch treffen.

Die Sitten des Landes zu kennen, kann nicht schaden bei dem 120-Millionen-Euro-Projekt, das von der Regierung unterstützt, aber ausschließlich durch Privatinvestoren finanziert wird. 

Fertighäuser nach deutschem Vorbild: Projektkeiter Sebastian Dietzold mit Arbeiterinnen auf der Baustelle in Sansibar
Fertighäuser nach deutschem Vorbild: Projektkeiter Sebastian Dietzold mit Arbeiterinnen auf der Baustelle in Sansibar. Foto: Andrea Tapper

 

Umstrittene Luxusprojekte auf der Halbinsel

Die zu Tansania gehörende Insel in Ostafrika, halb so groß wie Mallorca mit etwa 1,3 Millionen Einwohnern, ist in Sachen Wohnraum ein Sorgenkind – und das hat auch mit deutschem Einfluss zu tun.

Während die sagenumwobene historische Hauptstadt mit ihren alten Sultanspalästen, die seit 2.000 Weltkulturerbe ist, zerfällt und – wie Havanna auf Kuba – allenfalls durch Privatinvestoren und Boutiquehotels revitalisiert wird, leben in einst von der DDR-Staatschef Walter Ulbricht gespendeten, heute arg verwitterten Plattenbauten vor den Toren der Stadt 20.000 Menschen.

Mehrere umstrittene Luxus-Bauprojekte sind auf der Ferieninsel in der Pipeline, die jährlich 30.000 deutsche Touristen anlockt, darunter ein Ferienkomplex mit künstlichen Hotelinseln à la Dubai. Umweltschützer sagen, dieses Projekt würde das fragile Korallenriff rund um die Insel zerstören. 

Deutsche Jalousien gegen Hitze und Diebe

Die Hauskäufer für das neue Reihenhaus-Städtchen kommen von überall her: aus Oman und Dubai, Südafrika und Schweden, aus der afrikanischen Diaspora in Europa, und aus Sansibar selbst. Auch einen afrikanischen Fußballstar vom FC Chelsea hat das Afro-Utopia knapp südlich des Äquators überzeugt. „Unsere Bedingung war, dass auch Ausländer kaufen können“, erklärt Sebastian Dietzold.

Das gesamte Bauareal wurde dafür zur Freihandelszone erklärt. Viele erwerben die günstigen Häuser, um sie später zu vermieten – an den neuen Mittelstand von Sansibar, an Kleinunternehmer, Krankenschwestern, Tourismusmitarbeiter. Beeindruckt begutachten Interessenten auf der Baustelle deutsche Jalousien, klimafreundliche Lüftungskammern in Wänden, Fußböden und Decken, jedoch keine standardmäßige Klimaanlage – die würde zu viel Strom schlucken. „Strom ist das Einzige, was bei uns noch nicht grün ist“, sagt der 32-jährige Tobias Dietzold, von Beruf Elektroningenieur. Technisch wäre Solarstrom möglich, doch gesetzlich ist die Einspeisung von Sonnenenergie in Tansania noch nicht geregelt.

Apartmenthäuser in erster Uferreihe

Sansibars neue Stadt – optisch ein Hybrid aus Soweto und Miami Beach – hat mit dem Klischee afrikanischer Lehmhütten-Dörfer nichts mehr gemein, aber auch nichts mit den in Afrika weit verbreiteten Molochstädten aus schnell hochgezogenen Hochhäusern, Slum-Gürteln und ewig verstopften Autobahnen. Auf 600.000 Quadratmetern mit 1,5 Kilometern Meerfront sollen in Fumba vierstöckige Apartmenthäuser in erster Uferreihe stehen, Doppelzeilen von Matchbox-Reihenhäusern dahinter, mit Straßenschneisen Richtung Indischer Ozean.

Ein kleiner Vorgarten mit Tropenbaum vor jedem Haus dient als Wasserdrainage. Jeder Besitzer kann seinen Baum per Katalog aus 15 Spezies auswählen – vom Tamarind-Obstbaum bis zur Dattelpalme. Bis zu 100.000 Liter Wasser in zehn Minuten schluckt der Natur-Gully – lebenswichtig im tropischen Klima, wo die Regenzeit regelmäßig ganze Stadtviertel unter Wasser setzt. Die Planungen begannen vor fünf Jahren, vor Ort gebaut und gesägt wird seit einem Jahr, die ersten hundert Häuser sollen Anfang 2018 bezogen werden. 

Ein deutscher Meister, zehn afrikanische Lehrlinge

Silbern schimmert der Indische Ozean. Ziegen laufen über die Straße. Bei den Dörfchen Dimani und Nyamanzi geht die Asphaltstraße in rote Piste über, plötzlich taucht ein Riesenbaugerüst aus grünem Buschwerk auf. Jeder deutsche Vorarbeiter in Fumba bildet zehn einheimische Maurer, Schreiner oder Gärtner aus, darunter viele Frauen.

180 junge Permakulturisten – die nachhaltig gärtnern und recyclen – wurden bereits geschult. „Wir treiben auch die Industrialisierung des Bausektors voran“, erklärt Sebastian Dietzold, der mit seiner Firma CPS schon im Immobiliengeschäft der neuen Bundesländer tätig war. Bevor mit dem Häuslebau in afrikanischen Reihenhausstil überhaupt begonnen werden konnte, musste erst eine Produktionshalle für die Fertigteile errichtet werden; bevor Bäume gepflanzt werden, die Erde aus Kompost generiert werden. „Irgendwann einmal soll alles aus tansanischer Produktion sein“, sagt der deutsche Bauingenieur.

Ulbricht holzte Mandarinenbäume ab

Inzwischen schaut Chefgärtner Franko, der als Gourmetkoch einer Safari-Lodge nach Afrika kam, zufrieden auf tausende von Baumsetzlinge, die ungefähr Kniehöhe erreicht haben, lüftet Planen über Komposthaufen, soweit das Auge reicht. „Die Erde wird reichen“, sagt er, „die grüne Stadt mit ihrer multikulturellen Bewohnerschaft nachhaltig zu managen, das wird die Kunst sein.“

Wird Fatuma aus Sansibar den Altpapiercontainer befüllen, Kevin aus Kapstadt die Bienenstöcke tolerieren, die zur Befruchtung der grünen Vorstadt überall angesiedelt werden? Ulbrichts Fehler will die zweite Generation junger Ostdeutscher auf Sansibar jedenfalls nicht machen. Dessen Bauingenieure hackten gnadenlos sämtliche Mandarinenbäume ab, als sie die Platte nach Michenzani brachten, dem „Stadtteil der Mandarinen“. Die steinige Halbinsel Fumba dagegen soll nach der Bebauung grüner und lebenswerter sein – und ein Vorbild für ganz Afrika.