Nordnorwegen: Die Sieben Schwestern | reisereporter.de

Nordnorwegen: Im Land der Sieben Schwestern

Eine mystisch wirkende Landschaft und jede Menge Legenden: Die nordnorwegische Helgelandküste zwischen Rørvik und Ørnes hat viel zu bieten.

Segelschiff vor der Gebirgskette Sieben Schwestern in Norwegen.
Beliebter Orientierungspunkt: Die Sieben Schwestern sind von vielen Orten in der Region aus gut sichtbar.

Foto: imago/blickwinkel

Da sind sie wieder, die Sieben Schwestern. Wie gemalt stehen sie in der sowohl rauen als auch mystisch wirkenden Landschaft, weithin sichtbar am Küstenabschnitt zwischen Brønnøysund und Sandnessjøen. Der Legende nach soll es sich um die sieben Töchter des Trollkönigs Sulitjelmakongen handeln, die einst vor einem Königssohn flohen. Vor Erschöpfung schliefen sie ein und erstarrten bei Tageslicht zu Stein.

Als „de syv søstre“ bieten sie nun in Nordnorwegen kurz vor dem Polarkreis Reisenden Orientierung. Botnkrona mit ihren stolzen 1072 Metern, Grytfoten (1019), Skjæringen (1037), die Tvillingene, ja genau: die Zwillinge mit 980 und 945 Metern, Kvasstinden (1010) und Breitinden (910). Übrigens: Während der Flucht versuchte ihr Vater, sie zu retten und einen Pfeil auf sie abzufangen – so entstand das Loch im nahe gelegenen Berg Torghatten. Auf diesen Berg kann man ganz wunderbar hinaufklettern, ganz ohne Ausrüstung, sogar mit Höhenangst. Wie andere 49.999 Menschen jährlich auch. Selbst Kaiser Wilhelm II. besuchte das Wahrzeichen an der Küste, aber da konnte er von oben noch nicht auf die modernen Hurtigrutenschiffe gucken, die im gemächlichen Tempo vorbeituckern. 

Und damit sind wir schon in der heutigen Zeit, wo die Sagen nur noch Sagen sind, Geschichten aus norwegischen Nächten. Aber wenn man nicht so genau hinschaut, ja, vielleicht huscht dann in der Mittsommersonne doch noch der eine oder andere Troll durch die verwunschen wirkende Landschaft. Guckt man genau, ist es dann doch nur ein Elch. Während dessen Anblick die Herzen der Urlauber höherschlagen lässt, weckt er bei Norwegern eher das Jagdfieber. Und tatsächlich: Nicht nur Elch-Carpaccio ist wirklich ein Genuss.

Idyllischer Blick auf die Küste Donnes.
Idyllischer Blick auf die Küste Donnes. Foto: Petra Rückerl

Wir sind in Helgeland, nicht zu verwechseln mit der deutschen Hochseeinsel Helgoland. In Nordnorwegen, bekannt als Küstenabschnitt der Hurtigrutentouren, möglicherweise bekannt durch die Eiderentendaunen oder die Papageientaucher. Vielleicht hat jemand schon mal Stockfisch oder frischen Lachs von hier gegessen. Womöglich fuhr jemand mal hier durch, als er vom Nordkap über Tromsø, Bødø bis nach Bergen mit dem Fahrrad, dem Wohnmobil oder den Postschiffen unterwegs war. 

Wie auch immer: Er wird es nicht vergessen. Helgeland, dieser relativ kleine Küstenabschnitt im Norden von Norwegen mit seinen mehr als 6.500 Inseln und Schären. Mit seiner reichen Vogelwelt und seinen neugierigen Elchen, seinen knallgelben Dotterblumen unter der Mitternachtssonne und den typischen rot gestrichenen Holzhäusern, mit seiner Fischzucht und der Lizenz zum Angeln für jedermann. Wo man die Fähre statt des Taxis nimmt, sich so von Insel zu Insel treiben lässt. Egal, ob mit der Fähre, dem Flugzeug, dem Fahrrad oder dem Kajak. Hauptsache, man nimmt sich Zeit für die vielen Eilande, Eindrücke und Einwohner.

Zeit, um Menschen wie Sivert Oliassen zu begegnen. Der Hotelier führt auf Lovund das Geschäft seiner Eltern weiter, begleitet Touristen aber auch gern mal zu den Puffin, den Papageientauchern – oder zumindest in die Nähe der schnellen Vögel. Einmal im Jahr, „immer am 14. April, auch in den Schaltjahren“, so Oliassen, „kommen die Papageientaucher, die ansonsten nur auf dem Meer leben, an Land“. Manchmal gibt es nur ein Ei pro Papageientaucherpaar. 45 Tage brüten die Tiere zwischen den Felsen, 45 Tage ziehen sie den Nachwuchs auf. Dann geht’s wieder aufs Meer – bis zum nächsten 14. April. 

Weiter Blick: Auf Lovund kannst du nicht nur in Richtung der Papageientauchergebiete wandern
Weiter Blick: Auf Lovund kannst du nicht nur in Richtung der Papageientauchergebiete wandern. Du hast auch einen fantastischen Blick auf die übrige Inselwelt. Foto: Petra Rückerl

Oliassen führt die Besucher natürlich nicht ganz hoch zu jenen Felsen, die den Papageientaucherjungen als Brut- und Aufzuchtstätte dienen. „Die Papageientaucher sind bedroht“, sagt er und verweist darauf, dass diese Vögel international als gefährdete Art gelten. Es reicht auch, sie zu sehen und zu hören. Den besten Blick hat man abends, wenn die Papageientaucher vom Meer mit ihrer Beute zu den Brutplätzen fliegen. Und zwar in einer Geschwindigkeit, die eher an Fledermäuse denn Vögel erinnert. Wer sie fotografisch erwischen will, braucht ein gutes Kameraobjektiv, ein Stativ und natürlich viel Geduld und Zeit. Das haben die Menschen hier meistens.

Ginge es nach Sivert Oliassen, würden auch mehr Menschen Lovund bevölkern. „Wir haben 500 Einwohner, 0 Prozent Arbeitslosigkeit. Viele arbeiten in der Lachszucht, viele bei uns im Hotel. 84 Kinder sind in der Schule und 55 im Kindergarten, das ist schon sehr gut für die Insel“, sagt er. Spätestens wenn diese Kinder auf weiterführende Schulen gehen (in Norwegen besucht man zehn Jahre lang die Grundschule) oder studieren, müssen sie aufs Festland. „Wir hoffen, dass sie alle zurückkommen“, sagt Oliassen. So wie er, der sich nach seinem Studium wieder an seinem Geburtsort niederließ.

Hier ist Insel-Hopping auch mit dem Fahrrad möglich. 

Zurück in die Vergangenheit versetzt fühlt man sich auf der Insel Dønna. Neben dem Hotel Dønnes Farm von 1894 (die irgendwie an alte Ingmar-Bergman-Filme erinnert) steht die Dønnes-Kirche aus dem 13. Jahrhundert. Eine von drei mittelalterlichen Kirchen in Helgeland. Für diese hat Dønnes-Farm-Chef Jens Carlsen den Schlüssel und alle Informationen. Gut gelaunt zeigt Carlsen Besuchern auch das Mausoleum „mit 20 Särgen und gut erhaltenen Toten darin“. Die man natürlich nicht sehen kann. Aber der eine und die andere spürt sie nach eigenen Angaben noch. Direkt von hier aus geht es in den märchenhaften Wald nach oben auf den Dønnes-Berg. Von dem aus hat man einen hervorragenden Überblick über die Inselwelt – und natürlich die Sieben Schwestern. 

Von der anderen Seite sind die versteinerten Trollfrauen übrigens auch wunderschön anzusehen. Etwa von Harøy aus, einer der größeren Inseln hier, auf der es sogar einen Supermarkt, ebenfalls eine Dreieckskirche (die Helgelandkirche – eine Steinkirche aus dem 12. Jahrhundert) und natürlich eine Schule und Kindergärten gibt. Harøy und Dønna sind übrigens auch durch eine Brücke miteinander verbunden: Hier ist das Insel-Hopping also auch mit dem Fahrrad möglich. 

Insel-Hopping einfach gemacht: Fahrrad rauf auf die Fähre, anschließen, Fahrt genießen – hier von Sandnessjøen nach Lovund.
Insel-Hopping einfach gemacht: Fahrrad rauf auf die Fähre, anschließen, Fahrt genießen – hier von Sandnessjøen nach Lovund. Foto: Petra Rückerl

Das sollte man auch auf der Insel Sandnessjøen dabeihaben oder leihen. Hier treffen Natur, Heimatkunde und moderne Architektur zusammen – und zwar so gelungen, dass man kaum aus dem Staunen herauskommt. Das bekannte Architekturbüro Snøhetta aus Oslo (hat unter anderem die 2008 eröffnete Oper in Oslo und die neue Bibliothek in Alexandria konzipiert) ließ in Alstahaug eine breite Furche durch die Felswände sprengen, das Gestein polieren und setzte 2007 das Petter-Dass-Museum aus edlem Holz, Stahl und Glas hinein.

„So, dass das Museum die Kirche ergänzt“, erklärt Museumsführerin Johanne. Das wurde übrigens nach dem berühmten Literaten und Kirchenmann Petter Dass (1647–1707) benannt, der in Harøy geboren wurde und in Alstahaug starb. Und der als Dichterpfarrer wiederum den Sieben Schwestern ihre Namen verlieh. Man kommt hier in Helgeland einfach nicht an ihnen vorbei.

Tipps für die Reise nach Nordnorwegen

Anreise: Verschiedene Fluggesellschaften bieten Direktverbindungen nach Oslo an. Von dort geht es etwa mit Norwegian und Widerøe weiter nach Nordnorwegen. Die Ticketpreise (hin und zurück) variieren je nach Airline zwischen 200 bis 600 Euro.

Klima: Der Golfstrom sorgt für mildes Klima auch im Winter. Im Sommer wird es höchstens 25 Grad Celsius warm, im Winter bleibt es meist bei einstelligen Plusgraden. Hauptreisezeit ist von Ende April bis Anfang Oktober.

Attraktionen: Auf Lovund kann man die Lachsfarm Nova Sea besichtigen. Das Petter-Dass-Museum in Alstahaug ist nicht nur architektonisch interessant. Es hat vom 15. Juni bis zum 15. August täglich jeweils von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Im Winter sind die Zeiten eingeschränkt. Eintritt: 100 norwegische Kronen (etwa 10,50 Euro) pro Person.

Insel-Hopping mit dem Rad: Fahrrad vorbestellen, die 32-Gang-Räder inklusive regendichten Radtaschen, Helm, Pumpe und wenn gewünscht auch Fahrradanhänger werden zum Flughafen Brønnøysund oder Sandnessjøen gebracht. Aus dem Flugzeug rauf aufs Rad und los. Für 30 Euro täglich (E-Bikes 36 Euro). Die große Fähren nehmen die Räder kostenlos mit.

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