Fünf Tage nichts als Wasser und Nebel. Seit dem Durchqueren der Beringstraße und der Umrundung von Point Barrow in Alaska ist es ständig Richtung Osten gegangen. Die Zeit wurde um eine Stunde vorgestellt, eine Prozedur, die noch mehrmals wiederholen wird. Sollten wir jemals in Sichtweite von Land gewesen sein, haben wir davon nichts mitbekommen. Ein grauer Schleier umhüllt das Schiff und nur manchmal, wenn ein Hauch von Helligkeit durch das allgegenwärtige Himmelsgrau schimmert, ist  zu erahnen, dass es noch so etwas wie die Sonne gibt.

Die Tage vergehen trotzdem, ohne dass sich überbordende Langeweile breitmacht. Frühmorgens geht es ins Fitnessstudio, um nicht allzu viel Fett anzusetzen. Denn das Essen im Hauptrestaurant „Crystal Dining Room“ und den Spezialrestaurants „Prego“ und „Silk Road“ schmeckt wunderbar, die Weine sind exzellent und der Service lässt keine Wünsche offen. Das Ganze hat Sterne-Qualität. 

Die Zeiten zwischen den Mahlzeiten sind angefüllt mit interessanten Vorträgen und Unterhaltungsshows. Die Bordband ist brilliant. Und Crystal fliegt hervorragende Solisten ein, bietet mehr als die sonst auf Kreuzfahrten üblichen Bordshows. Der Engländer Kenny Martin, einer der besten Klarinettisten der Welt, spielt sich mit der sechsköpfigen Crystal-Band durch die Musik von Duke Ellington und Glen Miller Der Piano-Virtuose Philip Wojchiechowski brilliert mit Werken von Rachmanikow und Satie. Und dann ist da ja auch noch das „Hollywood“, ein richtiges Filmtheater, in dem aktuelle Spielfilme gezeigt werden. Natürlich gibt es Popcorn dazu.

Kino auf der Crystal Serenity
Zeit für Kino! Foto: Claus Lingenauber

Auf den Außendecks herrscht weitestgehende Ruhe. Bei sieben Grad und einer frischen Meeresbrise sind die Spaziergänger an einer Hand abzuzählen. Und nur selten wagt sich noch jemand in das heiß sprudelnde Jacuzzi.
Doch so angenehm die Bordroutine auch ist, ein jeder fiebert dem Augenblick entgegen, an dem der Eisbrecher „Shackleton“ zu uns stoßen wird. Denn dann beginnt das eigentliche Abenteuer – die Durchquerung der Nordwestpassage

Ganz großes Kino: Wir treffen die Shackleton

Wie durch ein Wunder hat sich der Nebel verzogen. Die dichte Wolkendecke reißt auf. Durch erste zarte Lücken zaubert die Sonne glitzernde Mosaike aufs Wasser. Am Horizont zeichnen sich die ersten Konturen von Victoria Island ab. Davor ein Schemen, der sich beim Näherkommen immer deutlicher als Schiff entpuppt. Durchs Fernglas ist bereits seine Farbe zu erkennen: ein sattes Rot. Rot wie die „Shackleton“. Es ist 14 Uhr Ortszeit und wir befinden uns 70° 32‘ Nord und 117° 46‘ West.  Das Oberdeck füllt sich immer mehr. Niemand will verpassen, wenn wir endlich den Eisbrecher erreichen, der uns die kommenden zwei Wochen durch die Welt der Arktis eskortieren wird.

Die Shackleton, der Eisbrecher wird das Kreuzfahrtschiff durch die Arktis eskortieren.
Die Shackleton, der Eisbrecher wird das Kreuzfahrtschiff durch die Arktis eskortieren. Foto: Claus Lingenauber

Plötzlich sind erste Zodiacs zu sehen, die ganz offensichtlich von Bord der „Shackleton“ gelassen worden sind. Und es werden immer mehr. Dazu noch ein Speedboot. Dann steigt ein Helikopter auf, anschließend noch ein zweiter – und um der Show die nötige musikalische Untermalung zu geben, erschallt aus Lautsprechern der Song „Northwest Passage“, eine unter die Haut gehende Ballade des 1983 bei einem Flugzeugunglück tragisch ums Leben gekommenen kanadischen Folksängers Stan Rogers. 

Eine solche Begrüßung hat niemand erwartet. Das Speedboot vorneweg, ein dutzend Zodiacs in Keilform dahinter, im Tiefflug begleitet von den beiden Hubschraubern – so kommt diese Formation auf uns zu und umrundet schließlich unser Schiff. Gänsehaut-Feeling.

Der Atem stockt und so manche Augen werden feucht. Was für eine Inszenierung. „That’s like Hollywood“, schallt eine Stimme aus der Menge. „This is even better!“, echot es zurück. Da sei sogar noch besser als Hollywood. Es ist auf Fälle ein magisches Schauspiel. Und als Krönung des ganzen Spektakels haben sich mittlerweile sämtliche Wolken verzogen. Blauer Himmel über Ulukhaktok. So heißt der Ort, vor dem unser Schiff Anker geworfen hat, und wo wir morgen an Land gehen werden. Bis 2006 war die 400-Seelen-Gemeinde noch unter dem Namen Holman bekannt.

Chris Weinacht von der kanadischen Mountain Police.
Chris Weinacht von der kanadischen Mountain Police. Foto: Claus Lingenauber

Zuvor müssen aber noch die Einreiseformalitäten geregelt werden. Wofür extra ein Immigration Officer der kanadischen Mountain Police in seiner schicken roten Uniform an Bord erschienen ist. Chris Weinacht, heißt der Mann. Er habe deutsche Vorfahren, sagt er uns stolz. Seine Eltern leben in Lunenburg, einer kleinen von deutschen Siedlern Mitte des 18. Jahrhunderts gegründeten Hafenstadt auf Nova Scotia an der Atlantikküste.

Die Route der Crystal Serenity

Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage.
Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage. Foto: Vista Travel