Kleiner Test: Also wenn wir schon mal in Vietnam sind, dann müssen wir unbedingt...

  1. ...Cao Lau essen!
  2. ...Jede! Verdammte! Sehenswürdigkeit! Sehen!
  3. ...Erst mal gar nichts!

Roller und Autos auf der Straße in Vietnam unter geschmückten Bäumen.
When in Vietnam... Ob du dich im Straßenverkehr von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten hetzt oder am Strand entspannst, ist oft eine Frage des Typs. Foto: pixabay.com/laurelnurse

Die richtige Antwort lautet natürlich: Die Frage ist falsch. Nicht unsere Reiseplanung versaut uns den Urlaub, sondern diese elenden „Wenn – Dann“-Formulierungen. Sie sind gefährlich, geradezu toxisch. Und im ersten Moment klingen sie fremd, wie etwas das andere Menschen sagen oder denken. Hier ein paar – natürlich, hüstel, frei erfundene – Beispiele:

Wenn es am Strandtag unseres Roadtrips in Andalusien regnet, dann ist die Reise ein Reinfall. Wenn wir in London nicht bei Madame Tussaud’s reinkommen, hätten wir auch gleich daheim bleiben können. Und wenn wir nicht bald zum Ausflug nach Brandenburg aufbrechen, dann können wir es auch gleich lassen. 

Aber ich will ja auch nicht klagen. #joachimsthal #althüttendorf #berlinusedom #grimnitzsee

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Klingt schlimm? Mal ehrlich: Meiner Erfahrung nach sind solche Gedanken niemandem wirklich fremd. Manchmal machen wir uns einfach Stress, und zwar so richtig. Es hängt von der Situation ab, von den Erwartungen und davon, wie vergangene Tage unsere Geduld und Toleranz bereits beansprucht haben. Irgendwann fangen die Zwänge an, uns zuzutexten. Und dann ist es ganz schnell vorbei mit der Entspannung. Das gilt nicht nur für den, der unter dem Zwang steht. Es betrifft auch die Mitreisenden. 

Jeder ist Zwanghaft – mehr oder weniger ausgeprägt

„Zwänge“, dachte ich mir, das ist eigentlich ein großes Wort. Eines, das nach dringend behandlungsbedürftiger Störung klingt. Ich habe Professor Stefan Röpke angerufen, er ist Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin. Ich wollte wissen: „Wenn jemand seine Urlaubstage durchtaktet und nervös wird, wenn etwas nicht nach Plan läuft, sind das dann eigentlich schon Zwänge, wie Sie als Wissenschaftler sie verstehen?“

Stefan Röpke sagt: „Es gibt zwanghafte Menschen, gemeint ist das Persönlichkeitsmerkmal Zwanghaftigkeit. Das haben wir alle, mehr oder weniger ausgeprägt. Das ist eines der Merkmale, die uns Menschen auszeichnen.“ 

Reiseplanung beim Kaffeetrinken mit Landkarte von Schweden.
Manche planen ihre Reise mit To-Do-Liste und Karten präzise im Voraus. Foto: unsplach.com/rawpixel.com

Wer eher zwanghaft veranlagt ist, der schreibt sich vielleicht To-Do-Listen, schafft sich Strukturen, räumt mehr auf – okay, ich fühle mich ertappt. Ich plane meine Touren auch gern mal mit einem Spreadsheet, mit Kilometerangaben, Navigations-Daten und voller Kostenkontrolle. „Das sind Eigenschaften, die im Bereich des völlig Normalen sind. Und die übrigens auch Vorteile bieten können“, gibt Röpke zu bedenken, das gilt im Beruf wie auch auf Reisen.

Ein wenig Zwanghaftigkeit ist durchaus nützlich

Es gibt Menschen, die alles doppelt einpacken, falls die Hose nass wird oder an der Sandalette ein Riemchen reißt. Menschen, die alles durchplanen, genau wissen, wann der Zug fährt und wann das Flugzeug startet – und wann es Alternativen gibt. Und sie kommen schon lange, bevor der Schalter öffnet, am Flughafen an. 

Handgepäckkoffer mit Klamotten, Kamera und Strohhut.
Für jeden Ernstfall vorbereitet: Einige Menschen packen alles Doppelt ein, falls mal etwas nass wird oder kaputt geht. Foto: unsplash.com/STIL

Für Mitreisende mag das ein wenig anstrengend sein, für die Person selbst ist das aber richtig und sinnvoll. Auch stärkere Ausprägungen der Zwanghaftigkeit müssen nicht gleich bedeuten, dass eurer Reisegefährte in die Therapie gehört. „So lange die Betroffenen nicht darunter leiden, ist die Zwanghaftigkeit noch im gesunden Bereich.“ Und wenn das andere Extrem ist, regelmäßig Flugzeuge und Züge zu verpassen, zu wenig Unterwäsche dabei zu haben und wo ist eigentlich mein Pass? – dann bin ich doch lieber ein bisschen mehr zwanghaft, als zu wenig.

Drum prüfe, wer sich für die Reise bindet

Wie wirkt sich so eine leichte Zwanghaftigkeit eigentlich auf Beziehungen aus, will ich von Stefan Röpke wissen. „Das hat Potential für Konflikte“, sagt er. „Es kann einem den Urlaub ganz schön verderben, wenn man plötzlich ein Charakter-Merkmal wahrnimmt, das man vorher gar nicht so gesehen hat.“ Ist man frisch verliebt und auf der ersten Reise, kann die Planungssucht der neuen Gefährtin eine dicke Überraschung sein. 

Paar auf einer Brücke in Florenz.
Überraschung? Wenn frisch verliebte das erste Mal verreisen, lernen sie vielleicht ganz neue Charakterzüge aneinander kennen. Foto: unsplash.com/Tord Sollie

Aber hey, sehen wir es mal optimistisch: Da kann jemand auch schön die Planung für uns übernehmen. Wer einem solchen Menschen in die Welt hinaus folgt, der wird zumindest nicht verloren gehen. 

Wie entspannen sich eigentlich Kontrollfreaks?

Aber ist das nicht einfach ganz furchtbar anstrengend? Ich frage Röpke, wie sich Kontrollfreaks eigentlich entspannen. Genau so, verrät er mir. „Die Planung hat eine Funktion. Unvorhergesehene Situationen können Angst einflößen – durch Planung können sie vermieden werden.“

Ansonsten rät er zum All-Inclusive-Urlaub, bei dem alles abgesichert ist. Vielleicht passt auch eine gut geplante Rundreise mit einem Reiseveranstalter, der sich um alles kümmert. „Leichte Ausprägungen von Zwanghaftigkeit kann ein Mitreisender gut kompensieren, indem er dem anderen ein paar Sorgen abnimmt.“

Frau sitzt mit dem Rücken zum Pool unter einer Palme.
All-Inclusive-Urlaub kann eine Möglichkeit für Kontrollfreaks sein, einfach mal zu entspannen. Foto: pixabay.com/sasint

Stefan Röpkes Tipps für Mitreisende

  • Vor dem Urlaub: Prüfen, ob die Reisecharaktere kompatibel sind
  • In der Planung: Tage aufteilen. Strand- oder Hoteltage kann der weniger Zwanghafte dem anderen einfach abnehmen
  • Während der Reise: Die Selbstwahrnehmung des Anderen schärfen und auch mal fragen: Geht es dir gut? Entspannst du dich?

Ändern können wir die Menschen um uns herum nicht, erklärt mir Röpke. Wie zwanghaft – oder nicht-zwanghaft – jemand ist, pendelt sich in der Pubertät ein und bleibt dann für eine lange Zeit relativ stabil. Doch die Aussichten sind gut, denn immerhin können wir mit einer gewissen Altersmilde rechnen. Denn Röpke sagt: „Im Alter nehmen Extreme ab – wir werden einander alle ähnlicher.“