Heute ist der erste reine Seetag. Und ein Seetag ist in der Regel kein Sehtag. Denn ist gibt keinen Landgang. Und damit eigentlich wenig zu sehen.

Draußen herrscht Schmuddelwetter. Ein feiner Nieselregen legt sich auf die Scheiben. Meine Blicke ertrinken im aufgewühlten Meer. Nachdem der Wettergott am Morgen noch einen spektakulären Sonnenaufgang inszeniert hatte, entschied er sich später für eine Sinfonie in Grau. Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Nuancen und Zwischentöne diese Farbe hat. 

Blick auf das graue Meer.
Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Nuancen und Zwischentöne die Farbe Grau hat. Foto: Claus Lingenauber

Das Schiff stampft leicht, der Wind heult, die Gedanken schweifen. Die Atmosphäre an Bord ist unverkrampft. Die gesamte Crew ist unglaublich freundlich, aufmerksam und hilfsbereit. Jorge, ein hochaufgeschossener Kellner aus Chile, sagt beim Frühstück lächelnd: „Ich kann die Gedanken der Menschen lesen.“ Und bringt, noch bevor ich überhaupt den Wunsch geäußert habe, einen zweiten Orangensaft. 

Es gibt eine Vielzahl von Wiederkehrern auf dem Schiff. Adrian zum Beispiel ist das siebte Mal mit Crystal Cruises unterwegs. Früher war der Kalifornier aus der Nähe von Palo Alto im Musikgeschäft tätig, jetzt ist er im Ruhestand – ein genießt das Reisen. Die Bordsprache ist Englisch, das Publikum international. Und in der Mehrzahl deutlich im Seniorenalter. Doch Abenteuer kennt keine Altersgrenze. Und manchmal reicht ja auch schon eine homöopathische Dosis davon. Und für mich beginnt das Abenteuer bereits beim Knoten der Krawatte. 

Claus mit Frau Doris und den Kellnern Marko (links) und Jiri.
Claus mit Frau Doris und den Kellnern Marko (links) und Jiri. Foto: Claus Lingenauber

Heute ist einer von lediglich zwei Tagen, an denen zum Dinner Abendgarderobe angesagt ist. Doch weil diese Reise einen besonderen Charakter hat, reicht die abgeschwächte Form. Smoking und langes Kleid sind nicht erforderlich, Anzug und das kleine Schwarze aber schon erwünscht. Doch Bob aus Westaustralien, der mit uns am selbem Tisch sitzt, kündigte schon am Vortag an, er habe gar Sakko dabei und werde sich die Verkleidung ersparen.

Es ist halt keine klassische Cruise, sondern schon eine besondere Kreuzfahrt. Und so sind auch die Leute. Heute stellten sich die Lektoren und Expeditionsplaner vor, berichteten über die Vorbereitungen der Reise und darüber, was uns in der Arktis so alles erwarten wird. Es ist  der Auftakt zu einer langen Reihe von Vorträgen. Crystal hat dafür herausragende Experten an Bord geholt. Das Interesse war riesig, die Galaxy Lounge proppevoll. Und es gab nur wenige Leute, die zu dieser Zeit vor den Spielautomaten im Casino saßen.

Die Route der Crystal Serenity

Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage.
Die Route der Crystal Serenity führt über die Nordwestpassage. Foto: Vista Travel