Das kleine Boot gleitet einsam über den spiegelglatten See, weiter entfernt ziehen Schwäne ihre Runden, ein Reiher macht es sich auf der kleinen Insel auf dem Ast gemütlich. Bäume am Ufer, so weit das Auge reicht, selten unterbrochen durch Stege, manchmal durch Schilf – oder auch mal einen kleinen Badestrand. Weil es heute windstill ist, spiegelt sich alles Ufernahe im Wasser.

Würde jetzt hier noch die eine und andere Schäre auftauchen, wähnte ich mich auf einem der großen finnischen Seen in Lappland. Wir aber schippern auf unserem Tretboot auf dem Außensee des Ziegelsees. Außer uns ist nur ein Angler in seinem Ruderboot zu sehen, die erwähnten Schwäne und Reiher nebst Haubentaucher und was sonst noch gern in diesem Naturparadies fliegt und taucht und schwimmt.

Der Ziegelsee bei Schwerin vom Tretboot aus.
Wie ein Spiegel: Der Ziegelsee bei Schwerin vom Tretboot aus. Foto: Rückerl

Segler ziehen Wind und den Innensee vor – oder gleich den Schweriner See, den größten hier, der dazu noch der viertgrößte Binnensee Deutschlands ist (den internationalen Bodensee ausgenommen). 

„Lassen Sie sich nicht einreden, dass Schwerin nur sieben Seen hätte, es sind acht“, erklärt die Taxifahrerin bestimmt. Tatsächlich sind es durch Eingemeindungen mittlerweile zehn, berichtet Stadtführerin Teresa Beck-Babajanyan später. Sie radelt mit uns vom Nordufer des Ziegelsees bei Wickendorf zum Schloss Wiligrad am Steilufer des Schweriner Außensees, wobei Überraschendes zutage tritt.

Tritt man nämlich wie wir mit einem älteren Radsemester die Fahrt an, wünscht man sich ganz schnell ein E-Bike. Flaches Mecklenburg-Vorpommern? Von wegen. Wir sind nicht gerade auf Bergen unterwegs, aber der Weg zum Schloss führt doch schon lang gezogene Hügel hinauf. Und es gibt viele Radwege, aber keine durchgehenden rund um den See. Der Radfahrweg befindet sich zum Teil auf den Bürgersteigen in den Dörfern und zuweilen sogar an der Straße, aber die Gegend und die Natur sind die Anstrengungen wert. Viel Autoverkehr ist hier nicht. Und die die Gegend ist auch nicht touristisch überlaufen. Auch das macht ihren Reiz aus. 

Schloss Wiligrad | Wiligrader Straße 17, 19069 Lübstorf | Eintritt für Erwachsene: drei Euro; für Zehn- bis 16-Jährige: ein Euro | wechselnde Führungen

Schloss Wiligrad in Schwerin
Schloss Wiligrad in Schwerin Foto: Rückerl

Die nächste Überraschung: das Schloss Wiligrad, von 1896 bis 1898 vom hannoverschen Architekten Albrecht Haupt erbaut, vom Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg-Schwerin in Auftrag gegeben.

Hier gibt es nicht nur ein Außenstandesamt, um fürstlich heiraten zu können, einen Braunschweiger Löwen und moderne Kunstausstellungen, sondern auch ein nicht nur im übertragenen Sinne süßes Gartencafé in der ehemaligen Schlossgärtnerei.

Dort wird immer noch gegärtnert. Die ökologisch erzeugten Zutaten werden gleich in Apfelsaft vergärt, als Walnussöl gepresst oder als Stachelbeerbaisertorte den Gästen angeboten. Wer es ohne E-Bike hierhergeschafft hat, darf ruhig schlemmen. Und wenn duganz ruhig sitzt, kommt vielleicht gerade mal ein Reh aus dem Wald vorbei. Hier ist einfach alles irgendwie märchenhaft.

Kuchentheke im Garten-Café auf Schloss Wiligrat, Schwerin
Süße Pause: Die Kuchentheke im Garten-Café auf Schloss Wiligrat. Foto: Rückerl

Wer eine Auszeit von der Natur will, fährt in die Stadt. Am Innensee des Ziegelsees, dann am Pfaffenteich vorbei an der historischen Schelfstadt in die angrenzende nicht minder schnuckelige Altstadt mit Schloss und Parlament. Mit dem etwas bürokratisch klingendem Antrag „Das Schweriner Residenzensemble des romantischen Historismus“ bewirbt sich die mecklenburgisch-vorpommersche Landeshauptstadt aktuell um die Anerkennung als Unesco-Weltkulturerbe.

Vermutlich zu Recht. Klar, auch hier findest du Handyshops und die offenbar unvermeidlichen Billigläden – aber eben auch eine beachtliche Anzahl inhabergeführter Geschäfte in historischen Gebäuden in einer modernen Stadt, dabei viel Kunst, Keramik, Kleidung, aber auch Handwerk. Zum Beispiel „de klockenschauster“ von Hans-Joachim Dikow (64). „Er kann wirklich alle Uhren reparieren, auch die, die eigentlich nicht mehr zu reparieren sind“, schwärmt Guide Teresa Beck-Babajanyan.

Hans-Joachim Dikow (64) repariert im „de klockenschauster“ in Schwerin Uhren.
Hans-Joachim Dikow (64) repariert im „de klockenschauster“ Uhren. Foto: Rückerl

Die Wartezeit für die reparierte Uhr kannst du in der wärmeren Jahreszeit in jener Warteschlange verbringen, die zum Eiscafé von Ilka Eis & Heiß führt. Geschäftsführer Henri Laaß (32) rührt in der original DDR-Softeismaschine Ilka jeden Tag frisch seine Sorten zusammen, „und zwar mit richtiger Milch, richtiger Maracuja, richtiger Vanille“, schwärmt er über seine eigenen Eisprodukte. Die Menschenschlangen geben ihm wohl recht.

Geschäftsführer Henri Laaß (32) in seiner Schweriner Eisdieler „Ilka Eis“.
Geschäftsführer Henri Laaß (32) in seiner Schweriner Eisdieler „Ilka Eis“. Foto: Rückerl

Zurück aufs Land, wo die Historie im Seehotel Frankenhorst ebenfalls eine Rolle spielt. Die wunderbar ruhige, direkt am Ufer des Ziegelaußensees gelegene Parkanlage bei Wickendorf wurde 1921 von dem Schriftsteller Hans Franck (1879 bis 1964) gekauft.

Der Autor war Hitler-Anhänger, durfte dennoch auch nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der DDR publizieren. Nach seinem Tod ließen es sich unter anderem sozialistische Parteispitzen auf dem Anwesen gut gehen. Nach der Wende wurde aus dem SED-Bonzenheim ein Vier-Sterne-Landhaus mit Spa-Bereich, Seesauna, richtig guter Küche und einem Mini-Esel- sowie Alpaka-Hotel. Auch wieder eine Überraschung.

Die Seesauna des Hotel Frankenhorst bei Schwerin
Mit See-Blick: Die Sauna des Hotel Frankenhorst. Foto: Rückerl

Tipps für den Urlaub in Schwerin

Anreise: Schwerin ist mit dem Auto über die Autobahnen 24 (Hamburg/Berlin) und 20 (Lübeck/Rostock) sowie die Bundesstraße 106 erreichbar. Die Stadt ist außerdem an das Schienennetz der Deutschen Bahn angeschlossen. Der nächstgelegene Flughafen befindet sich in Parchim

Unterkunft: In Schwerin gibt es Gästezimmer, Ferienwohnungen und -häuser, Hotels und Pensionen in allen Preisklassen.