Joan Mesquida zeigt sein verschmitztes Lächeln. Gerade hat er uns die 44 unregelmäßigen und nur bedingt vertrauenswürdigen Treppenstufen hochgelockt, um ihnen in 20 Metern Höhe einen 1.000 Kilogramm schweren Mahlstein zu präsentieren.

Auf die Frage, wie dieses Riesending überhaupt da hochgekommen ist, hat er schon gewartet. „Das wollen alle wissen“, sagt er im katalanischen Dialekt Mallorquin. „Was glauben Sie?“, fragt er mit blitzenden Augen zurück, um dann gern auch diese Wissenslücke über mallorquinische Getreidemühlen zu füllen. Natürlich sind es die Flügel gewesen, die den Koloss – verbunden mit einem im Durchmesser handtellergroßen Seil – nach und nach hochgezogen haben.

Joan Mesquida vor seiner Mühle Molí de Can Nofre
Joan Mesquida vor seiner Mühle Molí de Can Nofre Foto: Rückerl

Die Antwort auf die Frage, woher der 68-Jährige das alles weiß und warum es ihn überhaupt interessiert, ist in seiner Familie zu finden. „Mein Vater war Müller, mein Großvater war Müller, und ich habe alle Geschichten um die Mühlen hautnah mitbekommen“, erzählt er.

Genau deshalb hat sich die Mühlenkultur quasi in ihn hineingefressen. Das merkt man und das sieht man auch hier in Montuïri. Die Molí de Can Nofre aus dem Jahr 1646 hat er im Jahr 2000 gekauft und sie anschließend innerhalb von zehn Jahren „ganz allein und ohne Hilfe“ renoviert.

Nun ist dieses Schmuckstück – eines von vieren, die es heute hier noch gibt – auch Besuchern zugänglich. Joan Mesquida führt die Leute herum und steckt sie mit seiner Leidenschaft für die alten manuellen Kraftwerke an. 21 Getreidemühlen gab es in diesem Ort einst. Dass sie zwar schon lange keinen Weizen mehr mahlen und dennoch weithin sichtbar sind, ist dem Engagement Mesquidas zu verdanken.

Das Haus von Jerònia Sampol in Montuïri
Das Haus von Jerònia Sampol in Montuïri Foto: Rückerl

Es gibt einiges Altes zu entdecken in der 2.200-Einwohner-Stadt so ziemlich in der Mitte der Baleareninsel. Etwa das traditionell eingerichtete Museumshaus von Jerònia Sampol (65), die die Gäste auch noch selbst durch die jahrhundertealten Räumlichkeiten führt. Oder – etwa 20 Minuten in einer gemütlichen Radeltour entfernt – die Ausgrabungsstätte der Talayot-Siedlung von 900 vor Christus in Son Fornés.

Radeln in Montuïri, ankommen in der Finca Son Fornes, Mallorca
Radeln in Montuïri: Hier die Ankunft in der Finca Son Fornes. Foto: Rückerl

Ohnehin ist es ratsam, mit dem Fahrrad die Gegend zu erkunden. Dörfer und alte Landsitze wirken wie gemalt in der sanft hügeligen Landschaft mit ihren Olivenbäumen und Rapsfeldern. Dazwischen wachsen Zypressen. Margeriten und Klatschmohn setzen farbige Akzente.

Natürlich musst du auch einen Blick für das haben, was da am Wegesrand blüht und wächst oder auch in den Städten und Dörfern an Kunst hängt – ob die Rennradfahrer ihn haben, die auch hier rudelweise im Affenzahn über die Straßen fliegen, ist nicht sicher. Als Mountainbikefahrer kannst du ihnen auf schönen Ausweichstrecken aber aus dem Wege radeln. Achtung: In Spanien herrscht Helmpflicht.

Blühende Felder zwischen Montuiri und der Ausgrabungsstätte Son Fornes, Mallorca
Blühende Felder zwischen Montuiri und der Ausgrabungsstätte Son Fornes Foto: Rückerl

Was alle Radler – ob schön gemütlich oder superschnell unterwegs – lieben, ist das „Pan amb oli“ in den Pausen: die Brotzeit, die in den Traditionsgaststätten wie „Can Xorrie“ in Montuïri angeboten wird. Selbstgebackenes Brot, mit Tomate eingerieben, belegt mit dem, was das Herz begehrt. Käse und/oder Wurst, Thunfisch oder Sepia, dazu Oliven und anderes Gemüse, das Ganze überbacken oder auch nicht. Salzfans sollten möglichst Würze dazu bestellen – der Mallorquiner salzt nicht oder nur sparsam, erklärt der deutsche Mallorquiner Frank Mittelbach (57).

Das muss auch nicht immer sein, Eintöpfe aus Großmutters Rezeptsammlung wie „Graixera“ mit Artischocken, Bohnen, Ei und Schweinefleisch, Merluza mit Limoncella-Soße oder das leckere Schmorhuhn Escaldums sind würzig genug. Auf jeden Fall sind diese leckeren Gerichte und Gerüche weitab von dem, was am Ballermann serviert wird – wie deutsche Bratwurst und Wiener Schnitzel.

Graixera zur Brotzeit im Restaurant Can Xorrie auf Mallorca
Pause mit „Graixera“: Das Rezept stammt von der Großmutter des Wirtes von „Can Xorrie“. Foto: Rückerl
Wobei es Wiener Schnitzel mittlerweile ja sogar im „És Verger“ gibt, dem urigen Berggasthof im Tramuntana-Gebirge, in das es vor allem deutsche Wanderer zieht.

Die kommen entweder aus dem Dorf Orient am Fuße des Gebirges und laufen die sieben Kilometer etwa dreieinhalb Stunden hoch, oder sie starten die kürzere etwa einstündige Strecke aus dem wunderschönen Dorf Alaró. Der Aufstieg zum „Es Verger“, wo der Patron Lorenzo (93) noch immer grinsend sitzt und guten Bekannten launige Männerwitze erzählt, lohnt sich.

Der Gasthof ist bekannt für sein Lamm – gut mariniert schmeckt es sogar Gästen, die dieses Fleisch eigentlich nicht mögen. Zarter geht nun wahrlich nicht.

Das ursprüngliche mallorquinische Essen, gereicht als Tapas, gibt es auch in der Inselhauptstadt Palma de Mallorca. Piementos Rellenos, kleine in Salz und Öl gebratene Paprikas, Jamon (Schinken) de Bellota und Pulpo a la Gallega werden im angesagten „La Boveda“ direkt neben der Börse serviert. Neureiche Deutsche und Spanier bestellen im „Patxi“ (Catalinaviertel) aber auch schon mal ein Kilogramm Rinderfilet in Scheibchen.

Tapas im La Boveda
Tapas im „La Boveda“ Foto: Rückerl
Vor allem im Catalinaviertel und Llonjaviertel leben noch mallorquinische „Ureinwohner“, wie Guide Esteban Palmer lächelnd erzählt. Die ursprünglichen Mallorquiner sind angesichts der zwölf Millionen Touristen jährlich allerdings eindeutig in der Minderheit.

Wer von ihnen reich ist, leistet sich in seinen Stadthäusern große Patios – wunderschöne schattige Innenhöfe, wo sich die Familie trifft. Die ganz Reichen mieten sich einen Liegeplatz für ihre Jacht am Jachthafen von Palma. „Für eine 30-Meter-Jacht werden von Juni bis Oktober täglich 500 Euro fällig“, verrät Esteban. Nicht so reiche Menschen nehmen mit dem Schatten unter den stillgelegten Windmühlen vorlieb – vielleicht treffen sie dort sogar auf Joan Mesquida.

Blick auf den Hafen von Palma de Mallorca
Ein Liegeplatz im Yachthafen von Mallorca: Das können sich nur die Reichen leisten. Foto: Rückerl