Lagune 69: Magische Wanderung in Peru | reisereporter.de

Einer der letzten magischen Orte: Huascaran in den Anden

Eine Anden-Wanderung ist mehr als ein Spaziergang durch unberührte Gebirgswelten. Massentourismus ist dieser Region Perus fremd. Das ist angesichts der verzaubernd wilden Natur des Nationalparks Huascaran fast schon ein Wunder. 

Eine Frau wandert auf dem Wanderweg in den Anden entlang eines Wasserfalls und mit Blick auf schneebedeckte Gipfel zur Lagune 69.
Wanderweg zur Lagune 69 – der Himmel rückt näher.

Foto: Ostermeyer

Je mehr die Welt entzaubert wird, desto größer wird bei vielen Menschen die Sehnsucht nach magischen Orten. Doch wer sich heutzutage auf Reisen begibt, begibt sich in eine vermessene Welt. Nahezu komplett entdeckt, katalogisiert, kategorisiert, vorgefertigt, durchgeplant, vernetzt. Wenn alles einen Hashtag hat, bleibt für Magie nur wenig Platz. 

Vermutlich wird Peru als Reiseziel deshalb immer beliebter, weil die Berge hier noch als Götter verehrt werden, die indigene Bevölkerung – trotz Bekenntnis zum Katholizismus – weiterhin zur Erdmutter Pachamama betet und sie ihre alte, geheimnisvolle Inka-Sprache Quechua am Leben erhält.

Das Land und seine Kultur haben eine derart große Anziehungskraft, dass die mittlerweile mehr als 2.500 Menschen, die sich täglich durch die heiligen Inka-Ruinen von Machu Picchu drängen, seit Juli 2017 nur noch in Schichten von jeweils drei Stunden hereingelassen werden. Eine Maßnahme, so nötig wie entzaubernd.

Eine Andenbewohnerin trägt traditionelle Kleidung: buntes Kleid und Hut.
Die meisten Anden-Bewohner tragen im Alltag traditionelle Kleidung. Foto: Ostermeyer

Nationalpark Huascaran – vom Massentourismus verschont

Und doch gibt es noch Gegenden, die bis jetzt vom Massentourismus verschont geblieben sind. Der Nationalpark Huascaran, der in den nördlichen Anden in der Region Ancash liegt, ist solch ein Ort. Die höchste tropische Gebirgskette der Welt umfasst 27 schneebedeckte Gipfel, die über 6.000 Meter in den Himmel ragen, darunter der Huascaran, der mit 6768 Metern der höchste Berg Perus ist.

Blick auf den 6768 Meter hohen Huascaran, den höchsten Berg Perus.
Blick auf den 6.768 Meter hohen Huascaran, den höchsten Berg Perus. Foto: Ostermeyer

Unzählige türkis glitzernde bis milchig-blaue Gletscherseen, dramatische Schluchten, steile Berghänge, Flüsse und grüne Täler prägen die nahezu unberührte Landschaft. Kondor, Puma und Andenhirsch sind hier zwischen wilden Bohnen, Bromelien und Berg-Orchideen zu Hause. Ruinenstätten und Tempelanlagen erzählen von den Hochkulturen der Huaris und der Waris, die hier vor über 1.700 Jahren entstanden.

Und die heutigen Bewohner der umliegenden Andendörfchen halten trotz Zugang zu Internet und Fernsehen – so scheint es – absichtlich die Zeit an. In bunten Trachten hüten sie weiterhin ihre frei laufenden Schweine, Rinder und Alpakas und begegnen den „weißen Gringos“, die sich in ihrer Welt auf Wanderschaft begeben, mit einem distanziert-wissenden Lächeln, dessen wirkliche Bedeutung wir als Europäer nicht einmal erahnen können. 

Mutter mit Tochter im Andendörfchen Vico
Mutter mit Tochter im Andendörfchen Vico. Foto: Ostermeyer

Der unerschütterliche Jesus von Yungay

Zu erreichen ist der Nationalpark über eine schmale, etwa 20 Kilometer lange Schotterpiste kurz hinter Yungay. Noch immer sind in dem chaotisch wieder aufgebauten Andenstädtchen die Auswirkungen der Lawine spürbar, die, ausgelöst von einem Erdbeben, 1970 sämtliche Häuser komplett überrollte, 20.000 Menschen unter sich begrub und kurz vor der 30 Meter großen Jesus-Statue am Ortsrand stehen blieb. 

Noch immer hält er seine schützenden Hände in Richtung des mächtigen Huascaran, von dem damals die tödlichen Schneemassen innerhalb weniger Minuten ins Tal donnerten. 

Die große Jesus-Statue von Yungai
Die Jesus-Statue von Yungai – genau hier kam 1970 die tödliche Lawine zum Stehen. Foto: Ostermeyer

Nur 80 Kinder haben die Katastrophe überlebt, von denen einige heute Souvenirs genau dort verkaufen, wo einst ihre Familien ums Leben kamen. So wie der mittlerweile 63-jährige Ceasar Cahuca, der mit traurigen Augen zwischen kleinen Yungay-Jesus-Ausgaben und bunten Taschen mit der Aufschrift „Peru“ an seinem Stand steht und sagt: „Ich bin zurückgekehrt, um zu vergessen.“ 

Er selbst harrte eine Woche mit den anderen Kindern in einem Verschlag aus, bis endlich Hilfe kam. Heute kommen die Touristen, die passionierten Bergsteiger und Wanderliebhaber. Vor allem wegen der einzigartigen Natur und der berühmten Lagune 69, aber auch, um diesen unerschütterlichen Jesus zu sehen. „Das ist gut, das hilft“, sagt er. Mehr möchte er dazu nicht sagen. 

Ein Gruppe fröhlicher Jungen und Mädchen in den Anden.
Immer fröhlich – die Kinder der Anden. Foto: Ostermeyer

Wanderungen, die dir den Atem verschlagen

Der Wanderweg zur Lagune 69 beginnt wenige Kilometer hinter der Nationalparkt-Einfahrt. Auf Höhenmeter 3.900 geht es los, hinauf bis auf 4.600 Meter. Obwohl wir hin und zurück etwa nur neun Stunden brauchen, sollte die Route ohne einheimische Bergführer nicht angetreten werden.

Denn ab 4.000 Metern wird die Luft dünn, das Atmen fällt mit jedem Schritt schwerer, das Herz schlägt schneller, es drohen Übelkeit und Panik. Und so begleiten uns Jaime und Robert, zwei Peruaner indigener Abstammung. Sie sagen: „Jeder einzelne Berg hat eine Seele und birgt viele Geheimnisse.“

Die Guides Jaime und Robert führen durch die Anden.
Unsere Guides Jaime und Robert, beide indigener Abstammung, wissen um die Mythen und sprituelle Bedeutung um jeden einzelnen Berg Foto: Ostermeyer

Der Treck führt einige Kilometer durch ein tiefes Tal, wir beobachten kleine, schwarze Kolibris, die an großen, roten Blüten Nektar saugen. In der Ferne rauschen Wasserfälle in die Tiefe.

Alles wirkt unwirklich schön, rein, pur, fast kitschig. Schließlich beginnt ein steiler, steinerner Pfad, eingerahmt von zerklüfteten Felsen und den weißen Gipfeln des Pisco und des Chacraraju.

Jaime holt eine Handvoll Kokablätter aus seiner Tasche. „Hirka, kumna, ke ku kuta“, betet er auf Quechua. „Möge der Weg durch die Berge mit Frieden und Leichtigkeit erfolgen.“ Dann legt er die Blätter behutsam unter einen Stein. Ein Ritual für Pachamama. 

Im Nationalpark Huascaran findet man Cocablätter.
Cocablätter helfen gegen Schwindel und Übelkeit. Foto: Ostermeyer

Jaime erzählt von seinem Traum letzte Nacht, in dem er gegen einen Berg kämpfen musste. Dessen Bedeutung wird er auf dieser Wanderung erfahren, glaubt er.

Wir laufen weiter, Höhenmeter für Höhenmeter, kauen Kokablätter gegen den aufkommenden Schwindel. Trotzdem macht sich Erschöpfung breit. Kurze Pausen, ringen um jeden Schritt, kämpfen um jeden Atemzug. Im Kopf ist kein Platz mehr für Gedanken. 

Wanderer vor einem Hochplateau bei der Lagune 69, oben liegt Schnee.
Ein Hochplateau kurz vor der Lagune 69 Foto: Ostermeyer

Höhenrausch an der Lagune 69 

Irgendwann blitzt und funkelt es zwischen Geröll und dornigen Büschen türkisblau hervor. Die Lagune 69! Von der Außenwelt abgeschottet, eingekeilt zwischen Gletscherwänden und schmalen Wasserfällen liegt der Bergsee da, strahlend wie ein mit zu vielen Filtern überladenes Instagram-Bild, dessen unwirkliches Funkeln die abgekämpften Gesichter der keuchenden Wanderer in ehrfürchtiges Staunen verwandelt.

So, als hätte sich die Natur bereits vor Hunderttausenden von Jahren eine Belohnung für all diejenigen ausgedacht, die es einmal bis hier hoch schaffen werden. Aus Höhenkampf wird Höhenrausch. Es braucht seine Zeit, um das alles zu erfassen, den Zauber, die Magie, den Moment.

Die Laguna 69 ist mit ihrem klarem, blauen Wasser ein beliebtes Ziel der Anden-Wanderung.
Endlich da! Die Lagune 69 auf 4360 Meter über dem Meeresspiegel. Foto: Ostermeyer

Später wird Jaime erzählen: „Ich habe meinen Traum verstanden und meinen Frieden mit dem Berg gemacht.“ Welchen Prozess er während der letzten Stunden wirklich durchlebt hat, weiß nur er. Auf dem Rückweg spricht kaum jemand. Was für ein Ort! Aber wie lange noch? 

Bis vor vier Jahren galt der versteckte Bergsee unter Wanderern, Individualtouristen und Anden-Enthusiasten noch als ultimativer Geheimtipp. Mittlerweile werden in der Hochsaison ganze Busladungen dorthin gekarrt. Und doch gibt es noch Tage, an denen wenige Menschen unterwegs sind und mit etwas Glück die Lagune menschenleer vorfinden. 

Wer Zauber sucht, wird ihn finden

Die wilde, überwältigende und geheimnisvolle Gebirgswelt der Anden zieht passionierte Bergsteiger und Kletterer seit über hundert Jahren in ihren Bann. Dass die Anzahl der „normalen“ Touristen langsam zunimmt, heißt nicht, dass die Magie irgendwann verschwindet.

Es ist vor allem Einheimischen wie Jaime zu verdanken, die dazu beitragen, dass die Faszination erhalten bleibt. Weil sie ihre ursprüngliche Kultur nicht vergessen, alte Traditionen am Leben erhalten, an die Kräfte der Natur-Seelen glauben und Menschen aus aller Welt daran teilhaben lassen. Wer nach ein bisschen Zauber sucht, wird ihn hier finden. Wer nicht, vielleicht auch. 

Tipps für den Urlaub im Nationalpark Huascaran 

Ankommen: Direktflüge nach Lima ab Frankfurt am Main (Condor) oder mit KLM (umsteigen in Amsterdam) ab circa 850 Euro. Von dort aus Inlandsflug nach Huaraz nehmen. Circa 80 Euro, Dauer 55 Minuten, verkehrt nicht täglich. Mit dem Bus oder Mietwagen dauert die Strecke mindestens neun Stunden, lohnt sich aber wegen der Landschaft. 

Bleiben: In Huaraz oder Yungay gibt es noch immer kaum Hotels im klassischen Sinne, sondern vor allem einfache Bergsteigerunterkünfte. Besonders empfehlenswert: Andino Clubhotel in Huaraz. Die von einem Schweizer Ehepaar geführte Unterkunft gilt seit 30 Jahren als die Traditionsherberge für Anden-Liebhaber. Zimmer ab 80 Euro pro Nacht, inklusive Frühstück und Geheimtipps von den Inhabern.  

Nicht verpassen:

  • Wanderung zur Lagune 69
  • Ceviche (Nationalgericht aus rohem, mariniertem Fisch)
  • Kokablätter-Tee
  • Pachamanca (verschiedene Fleisch- und Gemüsesorten, die über Stunden in einem Erdofen gegart werden; diese vermutlich über tausend Jahre alte Zubereitungsmethode wurde zum Weltkulturerbe erklärt) 
  • Besichtigung alter Ruinenstätten der Huari-Kultur (zum Beispiel Keshu oberhalb von Yungay)
  • Besuch der Gedenkstätte des Lawinenunglücks von 1970 in Yungay
Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
#Trending
Zur
Startseite