Sanftgolden schimmert das Mittelmeer: Bald geht die Sonne irgendwo hinterm Hafenbecken von Novigrad unter. Die Frage ist nur: Warten, die wärmenden Abendstrahlen im Gesicht und die kopfsteingepflasterte Altstadt im Rücken? Das Knurren im Bauch ignorieren? Alle paar Minuten tuckern Fischkutter durch die Hafeneinfahrt. Den Fang haben wir eben schon an der Anlandestelle gebührend bewundert: Seezungen, Jakobsmuscheln, Meeresschnecken, Seeteufel, Tintenfische...

Da gewinnt der Hunger schließlich doch die Oberhand. Sonnenuntergänge an der Westküste des kroatischen Teils Istriens kannst du schließlich jeden Abend in einem der charmanten Städtchen genießen, die wie Halbinseln ins Meer hinausragen. Für den Praxistest empfehlen sich Poreč, Rovinj oder auch Pula, die größte Stadt Istriens, in der ein mächtiges römisches Amphitheater die größte touristische Attraktion darstellt – beinahe die Hälfte der heutigen Bevölkerung von 55.000 Einwohnern hätte zu Gladiatorenzeiten darin Platz gefunden.

Der Tisch ist auch schon reserviert im Fischlokal Cok. Sergio Jugovac, den hier alle nur Cok rufen, hätte da ein paar Vorschläge. Schwarzes Sepia-Risotto? Shrimps auf Ziegenkäse? Pastete vom Weißfisch? Oder die eingelegten Sardinen, die früher ein Arme-Leute-Essen waren und heute als Delikatesse gelten? Als Hauptgang empfiehlt Cok Wolfsbarsch. Das Prachtexemplar hat er gerade auf einem Silbertablett präsentiert.

Industrie? Nicht in Istrien

Selbstverständlich kommen Sergios Köstlichkeiten von Fischern seines Vertrauens. Viel Industrie gibt es nicht in Istrien, die riesigen Fangtrawler räumen anderswo die Meere leer. Die türkisfarbenen Gewässer Istriens sind so sauber und klar, dass das Schwimmen sogar an den Stränden in den Städten eine Freude ist. Metallgeländer sichern den Weg über helle Felsen ins Nass, Sandstrände sind Mangelware.

Die gesamte Westküste zwischen Umag im Norden und dem Kap Kamenjak an der Südspitze ähnelt einer schier endlosen Promenade. Zwischendrin ragt mancher sozialistische Hotelbunker in den Himmel, riesige Campingplätze finden sich allenthalben. Zumeist aber wandelt man unter duftenden Kiefern und atmet salzige Meeresluft. So viel unverschandelte Küste ist selten.

Trotzdem ist Cok nicht ganz zufrieden: Zu viel Fisch werde seit dem EU-Beitritt nach Italien und Frankreich exportiert, der Nachschub werde knapp. „Schauen Sie nur, auch die wilden Austern werden immer kleiner.“ Allerdings: Der EU-Beitritt Mitte 2013 sei für Kroatien ein Segen gewesen, und deswegen mag Cok von Krisengerede nichts hören. „Wir haben hier immer Krise, aber wir genießen das Leben trotzdem.“

Kroatien – hier gibt es viel zu feiern

Da könnte was dran sein: Istrien ist gesegnet mit Köstlichkeiten aus der Natur, auch im nahen Hinterland. Im Bergstädtchen Buje, unweit vom Künstlerdorf Grožnjan gelegen, zum Beispiel wird im Januar das Festival der Würste gefeiert, im März das Oliven-Festival, der April ist dem wilden Spargel gewidmet, Privatleute verkaufen die schmalen grünen Stangen am Straßenrand. Und im Herbst stehen Weinfeste auf dem Programm.

Und da war von den wohlriechenden Trüffeln noch gar nicht die Rede, die schon die Römer zu schätzen wussten, auch nicht vom luftgetrockneten Schinken, Pršut genannt, und von der EU als eingetragene Marke geschützt, ebenso wenig vom Honig. Die österreichische Kaiserin Maria Theresia nahm die Bienenzucht von allen Steuern aus, auf dass sie „sich möglichst bald im Volk ausbreitet“. Das hat bis heute Nachwirkungen: Auf den zahlreichen Märkten verkaufen Mütterchen mit Kopftuch ihren Honig in dicken Gläsern.

Auch in Rovinj: Auf dem Markt am Fuße des Altstadthügels deckt sich Küchenchef Danijel Dekic für sein Restaurant Monte ein, das einzige mit gleich drei Gault-Millau-Hauben geschmückte Lokal Istriens. Mit regionalen Zutaten zaubert Danijel Leckereien wie mehr als 24 Stunden gegartes Spanferkel mit Linsen und Paprikaschaum oder eine Kreation aus Seebarsch, Riesengarnele und Jakobsmuschel mit Blumenkohl und Algen. Als „kulinarischer Botschafter Istriens“ versteht sich Danijel, er gehört einem Zusammenschluss innovativer europäischer Spitzenköche an.

Rovinj ist die wohl italienischste Stadt Istriens. Sie lockt mit verwinkelten Gassen, bunten Häusern und Terrakotta-Ziegeldächern. Wer italienisches Stimmengewirr in den Cafés hört, könnte sich glatt in dem nur gut 100 Kilometer Luftlinie entfernten Venedig wähnen. Tatsächlich regierte die Serenissima rund ein halbes Jahrtausend lang an Istriens Küste, das schmeckt man – genauso wie die Küchen manch anderer Herrscher.

Titos Sommerresidenz auf dem Brijuni-Archipel

Kaum einer von ihnen war von Istrien so begeistert wie Tito: Auf dem Brijuni-Archipel weit im Süden ließ der ehemalige jugoslawische Staatschef seine Sommerresidenz herrichten. Heute bilden die 14 Inseln einen Nationalpark, den die Gäste per Fähre ansteuern können. Die Besucher betreten ein skurriles Freilichtmuseum mit vielfältiger Flora und Fauna. In einem Safaripark tummeln sich die Nachkommen einstiger Staatsgeschenke, darunter Zebras von Haile Selassie oder Shetlandponys von Queen Elizabeth.

Welcher Politiker auch immer vorbeischaute, er brachte wilde Tiere mit. Und es kamen alle vorbei. Auf Brijuni begann 1956 mit den Unterschriften Titos, des ägyptischen Präsidenten Nasser und des indischen Staatschefs Nehru die Bewegung der Blockfreien Staaten. Fotos in einem düsteren Museum zeigen Arafat, Gaddafi, Castro, norwegische Könige, Ho Chí Minh oder Willy Brandt – und ebenso Prominenz von Liz Taylor über Josephine Baker bis zu Sophia Loren. Die mondäne Glitzerwelt traf auf einen Patriarchen, der mit einer von Kennedy geschenkten Farbkamera begeistert fotografierte und im Cadillac herumkurvte.

An verdiente Genossen verschickte Tito kiloweise Insel-Mandarinen, die er eigenhändig geerntet hatte: Den Geschmack Istriens wusste auch der Diktator zu schätzen.