Langsam scheint sie zu explodieren, die Sonne. In 1.000 Farben löst sie sich auf, ein gleißender Ball in der Mitte, darum Lila, Orange, Rot. Die Strahlen brechen über den Grabsteinen von Santa Maria Magdalena de Pazzi. Der Friedhof in der Altstadt von San Juan im Nordosten der Insel ist einer der schönsten Aussichtspunkte für den abendlichen Sonnenuntergang über Puerto Rico.

„Hier hat man seinen Platz mit Aussicht für die Ewigkeit“, sagt nebenan ein Touristenführer auf Englisch zu seinen Zuhörern. Dann lacht er. „Die liegen hier immer, Sie mussten extra mit dem Schiff kommen!“, sagt er.

Sonnenuntergang auf dem Friedhof Santa Maria Magdalena in der Altstadt von San Juan, Puerto Rico
Die ewige Ruhe mit Meerblick – der Friedhof Santa Maria Magdalena de Pazzi ist der schönste der Insel. Foto: Scherer

Es ist genau diese Leichtigkeit der Puerto-Ricaner, die Besucher der Insel, die zwischen Atlantik und Karibik liegt, schnell einfängt. Ein Friedhof? Na ja, der Ausblick ist ja schön. Die Finanzkrise, die dem Land droht, das zu den USA gehört? Was soll man machen, Hauptsache, die Musik ist gut.

San Juans Altstadt ist ein Touristenmekka

Die Altstadt der 400.000-Einwohner-Hauptstadt San Juan ist ein Touristenmekka. Hier legen die behäbigen Karibik-Kutter an, die Tausende Touristen umherfahren. Ist ein Kreuzfahrtschiff eingelaufen, stehen an der Promenade die Hut- und Sonnenbrillenverkäufer, sind die Bars, die auch mal darum streiten, wer die Piña Colada erfunden hat, gut gefüllt.

Liegt keins an einem der Kais, entfaltet sich die Schönheit des historischen Dreh- und Angelpunktes erst recht. Ein wunderschöner Blick eröffnet sich vom Fort San Cristóbal, das im 18. Jahrhundert gebaut wurde und im Kampf gegen Amerikaner und Briten der Verteidigung diente.

Meerblick vom Fort San Cristóbal, Puerto Rico.
Das Fort San Cristóbal diente ab dem 18. Jahrhundert der Verteidigung und ist heute offiziell US-Nationalpark. Foto: Scherer

Die Straßen der umliegenden Altstadt sind schmal, meist nur in eine Richtung befahrbar, die Häuser bunt, die Menschen entspannt. Selbst die besseren Restaurants nehmen zivile Preise. Auf jeder Karte finden sich Essbananen und die an sich geschmacklosen, aber vor allem deshalb liebevoll zubereiteten Brotfrüchte.

In Seitenstraßen finden sich kleine Bars, in denen Salsa nicht Fernwehmusik, sondern Alltag ist. Am Wochenende tanzen betagte Puerto-Ricaner an der Promenade, andere musizieren. Die Jüngeren erwecken die Calle de San Sebastian zum Leben, an der sich erstklassige Bars wie „La Factoria“ an Restaurants reihen und nachts die Straße zur Tanzfläche wird.

Straßenzug mit bunten Häusern in der Altstadt von San Juan, Puerto Rico
Die malerische Altstadt San Juans ist Dreh- und Angelpunkt für Puerto-Rico-Reisende. Spaziergänge sind vor allem wegen der farbenfrohen Häuser und der schönen Aussichten, wie hier aufs Meer, empfehlenswert. Foto: Scherer

Die Zugehörigkeit zu den USA, die sich vor allem in diversen Fast-Food-Ketten manifestiert, ist in diesen Momenten weit weg. Die Puerto-Ricaner zeigen ihre spanischen Wurzeln, ihr Herz, ihr Temperament. Viel davon ist auch außerhalb der Touristenhochburg zu sehen. Zum Beispiel in der „Hacienda Buena Vista“. Auf der ehemaligen Kaffeeplantage, die heute ein Freiluftmuseum ist, berichtet Alexandra Rodriguez Rodriguez von den natürlichen Ressourcen der Insel, aber auch von finsteren Zeiten, als die Betreiber sich Sklaven hielten. Und von dem, was sie selbst ihre Insel so lieben lässt.

Rodriguez Rodriguez ist 28 Jahre alt, Agrarökonomin, lebte zwischendurch in New York. „Ich hatte ein großes Problem dort: Ich war nicht weiß genug.“ Den Rassismus, den nach wie vor viele Nichtweiße in den USA spüren, erlebt sie zu Hause nicht. Sie berichtet das, während sie eine Kakaofrucht aufbricht und alle das weiße Innere kosten lässt. Es ist köstlich. Auf Puerto Rico hat die 28-Jährige ein gutes Gefühl: „Viele junge Leute wollen die Insel verlassen. Ich denke aber, dass es sich lohnt zu bleiben. Für die Zukunft.“

Alexandra Rodriguez Rodriguez im Freiluftmuseum Hacienda Buena Vista, Puerto Rico.
Alexandra Rodriguez Rodriguez will helfen, die Zukunft Puerto Ricos zu sichern. Zum Beispiel mit dem Freiluftmuseum Hacienda Buena Vista. Foto: Scherer

Und auch aufgrund anderer Dinge. Wegen des Regenwaldes El Yunque zum Beispiel, der große Teile des Westens der Insel bedeckt. Eine vielfältige Flora und Fauna, Hunderte Pflanzenarten wachsen hier, Wanderrouten führen zu versteckten Kleinodien. Die sind mal ein beeindruckendes Panorama, mal ein Wasserfall.

Blick über die Baumwipfel des Regenwalds  „El Yunque“, Puerto Rico.
Im Regenwald El Yunque lassen sich Hunderte Arten von Pflanzen und Tieren entdecken – und malerische Wasserfälle. In aller Regel ist Planschen erlaubt. Foto: Scherer

Puerto Rico ist eine beeindruckend grüne Insel. Im Öko-Abenteuerpark Toro Verde bekommen Reisende in der Seilbahn „The Monster“ den mit Abstand schönsten Eindruck von den Bergen. Mit bis zu 100 Stundenkilometern gleiten Urlauber 2,5 Kilometer liegend mit Blick nach unten über ein Tal, einen Fluss und Wald. Ein Flug in eine andere Welt, der allerdings ein wenig Überwindung erfordert.

Die Seilbahn „The Monster" in Puerto Rico
Wer sich der Mutprobe stellt, gleitet mit 100 Stundenkilometern an der Seilbahn „The Monster“ über beeindruckende Panoramen. Foto: Scherer

Danach sollten sie sich eine Stärkung gönnen. Wer bei seinem Ausflug ins Landesinnere keinen Appetit auf traditionelles Huhn mit Reis und Bohnen hat, findet vielerorts frisches Obst quasi auf der Straße. Zum Beispiel in Caguas im Botanischen Garten. Sternfrucht, Cashew, Tropenapfel? Wächst hier alles, Besucher können bei der Rundtour probieren.

Das unverfälschte Puerto Rico, das nicht für die Kreuzfahrttouristen auf Hochglanz poliert wurde. Und gerade deswegen viel heller strahlt.

Wer es deftiger mag, geht in Ponce zum Wagen von William Perez. Seit Jahren versorgt er an einer Straßenecke zwischen Kathedrale und Verwaltungssitz die Passanten mit Süßkartoffelmus und Tacos. Street Food ist in Puerto Rico seit langem Standard. „Mittags wollen die Leute was Schnelles“, sagt Perez. „Und wenn es so gut ist wie bei mir …“ Natürlich wollen Urlauber da zugreifen. Aber sie müssen auch aufpassen – dass Bikini oder Badehose weiter passen.

William Perez in seinem Streetfood-Wagen in Ponce, Puerto Rico.
Beliebte Mittagspausengestaltung: William Perez betreibt einen der Food-Cars in Ponce, bietet zum Beispiel köstlichen Süßkartoffelstampf. Foto: Scherer

Denn egal, ob wenige Minuten von Old San Juan oder vier Stunden Autofahrt quer über die Insel entfernt – die Strände Puerto Ricos sind verlockend, das Wasser kristallklar. An der Playa El Combate im Südwesten ist die US-amerikanische Prägung lange vergessen, Burger King familiären Restaurants gewichen. Am Strand trinken die Puerto-Ricaner eiskaltes Medalla-Bier und genießen ihr Leben.

Panorama des Combate Beach im Südwesten von Puerto Rico.
Wer San Juan verlässt, findet viele Strände, die vor allem Einheimische schätzen – wie den Combate Beach im Südwesten. Foto: Scherer

Am Leuchtturm Los Morrillos treffen Atlantik und karibisches Meer aufeinander, die Bucht ist eine der schönsten der Insel. Im Kneipenviertel der Gemeinde Cabo Rojo, zu der El Combate gehört, steht Kneipe an Kneipe, nachts wird auch mal draußen Karaoke gesungen. Es ist das unverfälschte Puerto Rico. Das, das nicht für die Kreuzfahrttouristen auf Hochglanz poliert wurde. Und gerade deswegen viel heller strahlt.

Das Puerto Rico, das sich seiner Traditionen bewusst ist, seiner Wurzeln. Und dem man wünscht, dass auch Krisen der Neuzeit überstanden werden können. Weil die Strände zu schön sind. Die Menschen zu fröhlich. Und die Sonnenuntergänge selbst über Friedhöfen einfach zu schön.

Laura serviert im „La Casita Blanca“ in Santurce traditionelle Speisen.
Laura serviert im „La Casita Blanca“ in Santurce traditionelle Speisen. Foto: Scherer

Tipps für den Urlaub in Puerto Rico

Anreise: Condor bietet Direktflüge ab Frankfurt am Main an, andere Fluggesellschaften fliegen über New York oder Florida. Für Inselerkundungen ist ein Mietwagen unerlässlich.

Essen: In Puerto Rico wird mutiger gewürzt als in den USA. Wer es authentisch will, besucht das urige „La Casita Blanca“ in dem einfachen Viertel Santurce. Dort gibt es Eintöpfe, Hähnchen und Fisch.

Kultur: Ein Besuch des Puerto-Rican-Art-Museums in San Juan lohnt sich – lokale Künstler setzen sich mit dem nicht immer nur sonnigen Leben auf der Insel auseinander. In der Nähe ist jede Menge Street-Art zu sehen. Viel über die lokale Identität erfährt man in der Stadt Caguas – in kleinen Museen zum Beispiel über Tabakanbau, in Don Reys Cigar Parlor über die Endprodukte.

Streetart in San Juan beim Puerto Rican Art Museum
Viele Künstler leben ihre Kreativität im Straßenbild aus. Foto: Scherer