Kitzbühel: Wandern auf dem Laufsteg | reisereporter.de

Kitzbühel: Wandern auf dem Laufsteg

Der Weitwanderweg durch die Kitzbüheler Alpen ist nichts für die, die im Gebirge ganz hoch hinauswollen. Auf dem KAT-Walk bleiben Reisende im grünen Bereich und dürfen das genießen.

Paar auf dem Weitwanderweg durch die Kitzbüheler Alpen
Zwei Wanderer auf dem KAT-Walk, kurz für Kitzbüheler Alpen Trail.

Foto: Kitzbüheler Alpen Marketing

Wandern entlang der Skirennstrecke 

Im Starthäuschen der Streif auf 1.665 Metern Höhe drängen sich die Besucher um die Luke. Fast jeder hier imitiert einmal die angespannte Hockposition der Skirennläufer vor dem Start und lässt sich dabei fotografieren – ganz so, als könnte man mal eben mir nichts, dir nichts die schwierigste Piste der Welt hinunterbrausen, auf der die Hahnenkamm-Rennen von Kitzbühel ausgetragen werden.

Das kann man natürlich nicht so ohne Weiteres. Wer im Starthaus steht und nach unten blickt, denkt, er müsste nur ein paar Schritte Anlauf nehmen und könnte dann die rund 800 Meter tief direkt ins Ziel auf dem Golfplatz von Kitzbühel springen. Steil ist das Gelände hier; allein die Mausefalle kurz nach dem Start bringt es auf ein Gefälle von lauschigen 85 Prozent. „Man kann die Strecke nicht mit Fahrzeugen präparieren. Das macht ein Rutschkommando mit Soldaten des Bundesheeres und Kitzbüheler Skilehrern“, erzählt die Einheimische Christina Jöchtl, die uns zum Hahnenkamm begleitet hat. Wer hier runterfährt, muss lebensmüde sein, denken wir.

Wanderer auf dem Streif-Rennstrecke-Wanderweg in den Kitzbüheler Alpen, Tirol.
Die Passage entlang der Streif ist Teil des Weitwanderwegs durch die Kitzbüheler Alpen. Foto: Haase

Wir sind nicht lebensmüde und wollen auch nicht Ski fahren – schon, weil wir im Sommer gekommen sind. Die Passage entlang – wohlgemerkt nicht auf – der Streif ist Teil des Weitwanderwegs durch die Kitzbüheler Alpen, auf dem wir uns seit drei Tagen befinden. KAT-Walk, kurz für Kitzbüheler Alpen Trail, haben ihn die Touristiker genannt. Das klingt, wenn man es mit englischem Zungenschlag ausspricht, wie die Bezeichnung für die Laufstege in der Modewelt. „Die Idee ist uns spontan gekommen“, sagt Jöchtl. Aber sie passt durchaus zum Anspruch der Route, die vom örtlichen Marketing als „aussichtsreicher Weitwanderweg auf der Sonnenseite der Kitzbüheler Alpen“ angepriesen wird.

Blick auf Hopfengarten vom Talhäuselweg
Auftakt in Hopfengarten: Die Marktgemneinde im Brixental lockt mit ihrem traditionellen Ortkern und schöner Barockkirche. Foto: Kitzbüheler Alpen Marketing

Von Hopfgarten auf die Hohe Salve

Dann mal los. Wir haben es zu Beginn der ersten Etappe nicht gleich krachen lassen und sind vom Startort Hopfgarten im Brixental aus zur Hohen Salve die halbe Strecke mit der Bergbahn emporgegondelt. Auf dem 1828 hohen Salvengipfel steht Österreichs höchstgelegene Wallfahrtskirche, außerdem gilt er als einer der schönsten Aussichtsberge Tirols. Tauern, Zillertaler, Großglockner, Großvenediger und viele andere kann man von hier sehen. Den Wilden Kaiser als Oberhaupt der näheren Region sowieso. Der wird uns auch auf der weiteren Wanderung immer wieder in unterschiedlichen Perspektiven begleiten. 

Blick von der Hohen Salve auf die Kitzbüheler Alpen und einen Paraglider.
Fernblick von der Hohen Salve Foto: Kitzbüheler Alpen Marketing

Wir lassen uns das Panorama von der Hohen Salve auf die gemütliche Art präsentieren: bei einem Aufenthalt im drehbaren Restaurant mit seinen großen Fenstern nämlich. Die eher relaxte Art könnte stellvertretend für die gesamte Wanderung stehen. Der Kitzbüheler Laufsteg ist nichts für Kilometer- und Höhenmeterfresser und auch nichts für Felskletterer. Es geht hier auf den Bergen nie über 2000 Meter hinaus, und die dominierende Farbe ist grün. „Die Grasberge sind typisch für die Gegend“, sagt Wanderführerin Elke Henke. Wer in dieser eher sanften Gebirgslandschaft geht, kann Wiesen voller gelber Trollblumen, mit blauem Enzian oder anderen Gebirgsblumen sehen. Daran erfreuen sich auch die Kühe der zahlreichen Almen, die es im Brixental gibt.

Eine Kuh weidet im Brixental in den Kitzbüheler Alpen.
Die Kühe der zahlreichen im Brixental lassen sich saftiges Gras und Wildblumen schmecken. Foto: Kitzbüheler Alpen Marketing

Eine davon befindet sich direkt an der Streif, die wir auf der Etappe von Kirchberg aus erreicht haben. Sportfans kennen die Seidlalm von den Übertragungen aus dem Fernsehen, weil die Rennfahrer beim Hahnenkamm-Rennen direkt an der Terrasse vorbeischießen. Außerdem gehörte sie früher der Familie Hinterseer. Deren bekanntester Spross, der frühere Weltklasseskifahrer und spätere Schlagersänger Hansi mit dem wallenden Blondhaar als Markenzeichen, ist hier aufgewachsen. Eine Zeit lang war die Gastronomie geschlossen, aber dann haben die beiden Schwestern Verena und Christina Thaler, die aus Kitzbühel stammen, beim Oktoberfest in München Isabella Kortschak kennengelernt. Sie beschlossen, den kompletten Betrieb mit der Viehwirtschaft und dem Restaurant zu übernehmen – und erst mal kräftig zu renovieren. „Wir haben uns einen Traum erfüllt“, sagt Verena Thaler. Den können sie noch ziemlich lange leben: Die drei Partnerinnen, die an dieser berühmten Ecke wirtschaften, sind 29, 32 und 35 Jahre alt.

Mit Kühen auf Tuchfühlung

Schon wegen der guten Ausstattung mit Bergbahnen kann es an der Ehrenbachhöhe und dem Hahnenkamm oberhalb Kitzbühels trubelig zugehen. Ein Kontrastprogramm findet sich auf der Etappe von St. Johann in Tirol über den Baumooskogel ins beschauliche Pillerseetal. Es geht über Wiesen, durch Mischwälder, über Almweiden und zwischen Latschenkiefern auf das Plateau des Kogels, auf dem bei unserer Ankunft Kühe die Flächen am Gipfelkreuz in Beschlag genommen haben. Weil es in letzter Zeit in den Alpen Zwischenfälle mit Wanderern und dem Rindvieh gegeben hat, zeigen wir den nötigen Respekt. Die Kühe schauen uns eine Zeit lang neugierig an und lassen sich dann nicht weiter stören.

Wanderin inmitten von Kühen am Gipfelkreuz auf dem Plateau des Kogels
Die Weiden um das Gipfelkreuz auf dem Plateau des Kogels haben Kühe in Beschlag genommen. Foto: Haase

„Von hier aus kann man den gesamten Weg zurückschauen“, sagt Wanderführerin Henke. Leider bleibt das für uns jetzt Theorie. Wolken sind ins Tal gedrungen, und sie sind unangenehm dunkelgrau bis schwarz. Wir machen einen schlanken Fuß und gehen die restlichen Höhenmeter schneller als sonst. Als der Regen so richtig losrauscht, haben wir zum Glück die Winterstelleralm erreicht. Dort gewährt uns Sennerin Anni Waltl Unterschlupf, bereitet eine ebenso einfache wie wunderbare Wanderjause und bietet einen Tee und andere Getränke an. Einige wählen die Kräutervariante, andere trotz der mittlerweile kühleren und feuchten Luft die mit Hopfen.

Ein Ruderboot auf dem grünen Wasser des Pillersees.
Die Gemeinde St. Ulrich liegt nahe dem Pillersee – ein idyllischer Ort für das Ende der Wanderung. Foto: Kitzbüheler Alpen Marketing

Auf dem letzten Abschnitt ins Pillerseetal lässt uns der Regen zwar zufrieden, aber ein Alpenpanorama gibt es an diesem Tag auch nicht mehr. Abends sitzen wir dann beim Strasserwirt in St. Ulrich am Pillersee zusammen, lassen die Tour Revue passieren und können uns über die Bewirtung mal wieder überhaupt nicht beschweren. Die Planer des KAT-Walks haben die Etappen so geplant, dass sie nicht in Hütten am Berg enden, wo der Wanderer dann womöglich im Matratzenlager Ruhe finden muss. Die Ziele liegen immer in den Ortschaften und Städtchen im Tal, wo es Unterkünfte für jeden Anspruch und entsprechende Gastronomie gibt. „Der KAT-Walk wendet sich an Genusswanderer“, sagt Christina Jöchtl. Unseren Erfahrungen nach dürfte er einer der ganz wenigen Weitwanderwege sein, auf dem man an Gewicht zunimmt, wenn man nicht aufpasst.

Der Segen vom Berg

Dass Latschenkiefern gut riechen, weiß jeder Bergwanderer. Dass sich aus ihren Nadeln und Zweigen mithilfe von Wasserdampfdestillation allerlei wohltuende Öle, Lotionen und Extrakte herstellen lassen, weiß man dank Josef Mack. Er entdeckte die Heilkraft der Kiefer, die auch Bergsegen genannt wird, Mitte des vorvergangenen Jahrhunderts und gründete die erste Latschenöl-Brennerei der Welt. Sie entstand 1856 in Bad Reichenhall und zog dann 1906 nach St. Ulrich am Pillersee in den Kitzbüheler Alpen um.

Latschenkiefernöl aktiviert die Atmung, hilft bei Verspannungen der Muskulatur und wirkt sich positiv auf die Konzentrationsfähigkeit aus. Mittlerweile ist es überall in Europa zu haben, im Alpenraum sowieso. „Im Prinzip funktioniert eine Öl- wie eine Schnapsbrennerei“, sagt Brenner Roman Wörter. 1000 Kilogramm Latschen braucht er, um vier Liter Öl zu erzeugen. Verarbeitet werden pro Saison etwa 50 000 Kilogramm, die im Sommer in den Kitzbüheler Alpen geerntet werden. „Am meisten Öl steckt in den jungen Zweigen, die beste Erntezeit ist im August“, sagt Wörter. Dabei wird schonend geschnitten – der Latschenbewuchs in den Bergen soll schon aus Gründen des Lawinenschutzes dicht bleiben.

Der Brenner Roman Wärter zeigt bei einer Führung durch die Brennerei Mack einen Latschenkiefernzweig.
Der Brenner Roman Wärter zeigt bei einer Führung durch die Brennerei Mack einen Latschenkiefernzweig. Foto: Kunz-PR

Wenn man auf das Gelände der Brennerei Mack kommt, riecht es wie in einem jungen Wald. Von Mai bis Ende Oktober bieten Wörter und seine Kollegen Führungen an. Und wer auf den Geschmack gekommen ist, kann gleich ein Bad mit Latschenkiefernextrakt im Wasser nehmen – stilecht im Holzzuber

Tipps für den Urlaub in Kitzbühel

Wander-Varianten: Beim KAT-Walk gibt es die mit 106 Kilometern und 6.350 Höhenmetern längere Alpinversion, die man gut in sechs Etappen bewältigen kann. Die hier beschriebenen Passagen gehören zum größten Teil zur mit 76 Kilometern und knapp 5.000 Höhenmetern kürzeren Kompaktvariante, die sich in fünf Etappen gliedert. Da die Tagesziele jeweils im Tal liegen, kann man die Varianten verkürzen und die Kompaktvariante auch verlängern: Sie schließt an die Alpinvariante an. Wer nicht auf eigene Faust unterwegs sein will, kann Paketangebote mit Übernachtung und Gepäcktransport oder geführte Wanderungen buchen.
 
Anreise: Idealer Einstiegsort für den KAT-Walk ist Hopfgarten in Tirol. Dorthin fährt man mit dem Auto von München aus über die Autobahn 8 und die Inntalautobahn bis Wörgl. Weiter geht es über die österreichischen Bundesstraßen 178 und 170 bis Hopfgarten. Vom Endpunkt des KAT-Walks in St. Ulrich am Pillersee gelangt man mit Bussen und Bahnen zurück nach Hopfgarten.

Die Anreise mit der Bahn führt ebenfalls über München nach Wörgl. Dort muss man in die Regionalbahn nach Hopfgarten umsteigen.

Beste Reisezeit: Auf sicherer Seite ist man von Mitte Mai bis Mitte September. Je nach Wetterlage können die Wege auch schon im April und am Saisonende bis in den Oktober hinein offen sein.

 

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