Schöne Lila Orte in Norddeutschland | reisereporter.de

Die schönsten lila Orte in Norddeutschland

Alles lila bis zum Horizont, so sieht die Heimat von reisereporterin Isabell Prophet aus. Mit uns teilt sie ihre Lieblingsorte.

Die Landschaft in der Lüneburger Heide zeigt sich ganz in lila.
Die Landschaft in der Lüneburger Heide zeigt sich ganz in lila.

Foto: Lüneburger Heide GmbH

Eigentlich sollte ich diesen Text lieber nicht schreiben, denn in der Heide ist nicht genug Platz für den großen Touri-Ansturm. Anders gesagt: Sie funktioniert nur, wenn man den Menschenmassen etwas ausweicht. In der Heide muss der Blick schweifen, weit schweifen, fort schweifen. 48 Wochen im Jahr ist sie mein Rückzugsort, wenn Berlin mir zu laut und zu hektisch wird, zu voll mit Menschen. Vier Wochen im Jahr ist sie dagegen ein fieser kleiner Touristenmagnet. In der Lüneburger Heide wandern ist ein idyllisches Vergnügen, aber wirklich kein Geheimtipp mehr. Deshalb: Nehmt euch frei. Fahrt an einem Wochentag in die Heide. Dann habt ihr sie für euch. Heide, sagt ihr jetzt, Heide? Ist das nicht ein anderes Wort für „Ungläubige“? Oder ein ungepflegter Stadtpark in Berlin? Nein, hier geht es um die Lüneburger Heide.

Ihr müsst das mal aus zentralniedersächsischer Perspektive sehen. Oder aus der des Wörterbuchs der Ökologie. Wikipedia zitiert: „Im engeren Sinne verstehen vor allem Biologen darunter einen Vegetationstyp, der durch Sträucher oder Zwergsträucher mit immergrünem, hartem Laub geprägt ist.“ Und jetzt denken wir uns noch das Grün weg, jedenfalls für ein paar Wochen im Jahr. Denken wir an ein sattes Lila bis zum Horizont, oder zumindest bis an den Rand des Waldes. Voilà: Heide, botanischer Name Erica. 

Die Heide teilt sich in Nordheide und Südheide. Die Nordheide ist größer und spannt sich in das Dreieck zwischen Hamburg, Soltau und Lüneburg. Ich komme aus der Südheide, meine Familie lebt hier bis heute. Meine Großeltern müssen nur ein paar Minuten auf dem Fahrrad zurücklegen, dann stehen sie im lila Binnenmeer. Oder zumindest auf einem der Wege, denn Heideflächen stehen meist unter Naturschutz und dürfen nicht betreten werden. Auch nicht für ein Selfie. Nein, wirklich nicht.

Misselhorner Heide und Tiefental

Wenn wir in meiner Kindheit einen Ausflug machten, dann fuhren wir nach Tiefental in der Misselhorner Heide, Sommers wie Winters natürlich. Früher wurden wir Kinder mit dem Schlitten über die Wege gezogen, heute trägt bei Eis und Schnee jeder sein Thermoskännchen mit lilafarbenen Geheimrezepturen unterm Arm und hat ein paar Honigwaffeln in der Tasche. Tiefental ist eigentlich nicht besonders tief. Es ist eher ein kleiner Knick in der Landschaft, an dem die Menschen der Region einem Pastor gedenken, seine Geschichte wird auf Tafeln erzählt. Der Wanderweg führt vom Parkplatz Misselhorner Heide aus etwa sechs Kilometer durch Heide und Wald, am Zielort gibt’s Rastbänke, eine Toilette, Heidschnucken und im Sommer auch gern mal ein Shooting mit Brautpaaren.

Im Sommer treffen sich hier die Reiter, die Jogger, die Imker, die Radfahrer, die Wanderer, die Heidschnucken, Schäfer und ihre Hunde. Die Heide summt um diese Zeit und es riecht so, wie später der Heidehonig schmecken wird. Das ist übrigens der leckerste Honig der Welt und er hat eine Konsistenz, wie das Innere besonders guter Bonbons. Achja, Heidehonigbonbons gibt’s natürlich auch.

Wilseder Berg und Totengrund

Entwarnung vorweg: Nein, die Heide wächst im Totengrund nicht auf einem alten Friedhof, Schlachtfeld oder Massengrab. Jedenfalls ist nichts darüber bekannt, dass hier Menschen in der Erde ruhen. Der Sage nach liegen hier die Leichen zweier verfeindeter Riesen-Stämme, in meinen Augen klingt das aber etwas nach Heidjergarn. Vielleicht bezieht sich der Name einfach nur darauf, dass hier außer Heide und Kiefern nicht viel wächst.

Mit der großen Heidefläche will man sich bald als Unesco-Weltkulturerbe bewerben. Und wenn die Region entsprechend geschützt wird, hat das vielleicht sogar Chancen. Ich bin jedenfalls dafür.

Büsenbachtal bei Handeloh

Perfekt für einen Tagesausflug von Hamburg aus: In einer Dreiviertelstunde kommen wir vom Hauptbahnhof zur Haltestelle Büsenbachtal oder in den kleinen Heideort Handeloh. Ein bisschen berühmt wurde das Dorf, weil hier ein paar Heilpraktiker in einen Massenrausch versetzt wurden.

Wer stattdessen Bock auf einen Naturrausch hat: bitteschön, das hier ist der richtige Ort. Der Büsenbach führt durch ein großes Heideareal, die Pflanze schwingt sich in Wellen über die sanften Hügel. 

Protipp: Hinfahren, wenn es schon etwas kälter ist und dann ganz früh am Morgen. Nebel auf der Heide ist zwar kalt und feucht, aber auch wunderschön.

Ellerndorfer Wachholderheide

Fantasie an: lilafarbene Heide, dunkelgrüner Wachholder, ein paar Spinnenweben, Bienen summen und die Heidschnucken laufen durchs Bild. Mit 60 Hektar zusammenhängender Fläche ist die Ellerndorfer Wachholderheide eine der größeren Heideregionen. Beide Arten – Heide und Heidschnucke – leben voneinander. Die Heide wächst nur deshalb so schön, weil die Heidschnucke sich an ihr satt futtert – und sie so kurz hält. Etwa 9000 der Tiere sind an jedem Tag in der Heide unterwegs, im Sommer wie im Winter. Wer mutig ist, kann ihr Fleisch bei den Heidschnucken-Seminaren probieren, zum Beispiel in Niederohe. 

Übrigens werden in der Ellerndorfer Wachholderheide Vollmondwanderungen angeboten. Details gibt es bei der Heideregion Uelzen

Lönsstein

An diesem Ort scheiden sich die Heidegeister. Ortsansässige sagen: überlaufen, klein, langweilig. Ich mag die Gegend um den Lönsstein, auch, weil ich hier vor Jahren einmal in ein Kartoffelfest hineinradelte und fantastischen Streuselkuchen aß. Ich lief ein wenig in die Heidefläche, hier ist sie sehr stark von Bäumen durchbrochen. Es begann zu schütten, Blitze zuckten über den Himmel, von einem Augenblick zum nächsten war Dunkelheit über uns hereingebrochen. Ich stellte mich bei Bienenkörben unter, doch die Idee war nicht wirklich tragfähig. Schließlich landete ich mit einer Gruppe Touristen in einer kleinen Holzhütte. Wir froren erbärmlich, aber sonst war’s schön. Der Lönsstein liegt am Wietzer Berg. Der ist 102 Meter hoch, was im norddeutschen Flachland immerhin für eine gute Aussicht über das Umland reicht.

Tatsächlich ist im Umkreis von Celle der Lönsstein wohl das überlaufendste Heideeckchen. Doch wer ein bisschen weiter geht, als nur bis zum Stein, der kommt an den beeindruckendsten Eichen vorbei, in einen kleinen Wald und zu einsamen Heide-Lichtungen. Nur den Streuselkuchen, den müsst ihr euch vorher einpacken, denn Kartoffelfest ist ja leider nicht das ganze Jahr über. Ansonsten empfehle ich noch Heidesandkekse <3 Und wenn ihr euch bei soviel Schönheit gar nicht entscheiden könnt, dann wandert doch einfach den Heidschnucken-Weg. 223 Kilometer lang führt er von der Nordheide in Fischbek, südlich von Hamburg, bis nach Celle in der Südheide. Wer es entspannt mag, läuft die 13 vorgeschlagenen Etappen, in sieben Tagen ist das aber auch sehr entspannt machbar, auch mit Gepäck. Nicht umsonst gilt er als flachster Fernwanderweg Deutschlands – mehr als ein paar Hügel und eine verdammt gute Aussicht halten euch hier nicht auf. Wer es lieber nicht selbst transportiert, kann einen Gepäckservice buchen.

Grundsätzlich ist es möglich, die Tour mit dem Rad zu fahren. Aber dann stellt euch darauf ein, das Rad auch mal schieben oder tragen zu müssen, das warnen die Nutzer der Fahrrad-Community Komoot. Ich würde es einfach lassen, zu Fuß ist es schöner. Und hier gibt es dann noch das Heideblüten-Barometer. Wir treffen uns, wenn sie voll aufgedreht hat. In meiner Familie erwartet man, dass es Mitte August soweit sein wird. Aber erzählt bitte keinem, dass ich geplaudert habe.

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Die Autorin
Höre niemals auf zu lernen; diese Grundidee des Lebens treibt Isabell Prophet um (die Welt). Jahrgang 1986, sie lebt als Autorin kurz vor dem Ende von Berlin. ... mehr
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