Es ist laut im Führerstand des Rasenden Rolands. Die Kleinspurbahn auf Rügen dampft mit etwa 30 Kilometern pro Stunde über die Gleise. Den Bahnhof Putbus hat der Zug schon hinter sich gelassen. Die Dampflok rattert mit ihren neun Wagen vorbei an weitläufigen Feldern. Immer wieder muss Olaf Spiering mit der Dampfpfeife lautstark Autofahrer, Radwanderer oder Spaziergänger warnen, wenn sich der Zug Bahnübergängen nähert. 

„An den Lärm gewöhnt man sich recht schnell“, brüllt der Lokführer. „Zu Hause weist mich meine Frau dann immer zurecht, dass ich nicht so schreien soll“, erzählt der 57-Jährige. 

17 Jahre arbeitet der Sassnitzer bereits bei der Rügenschen Bäderbahn - zehn Jahre als Heizer und sieben Jahre als Lokführer. Die Strecke zwischen Putbus und Göhren kennt er aus dem Effeff. In einer Schicht fährt er vier Mal am Tag zwischen den Seebädern hin und her. Die neun Wagen haben insgesamt 270 Sitzplätze. 

Fahrgastleiter Holger Krasemann neben dem Rasenden Roland in Putbus
Alles hört in Putbus auf seinen Pfiff: Fahrdienstleiter Holger Krasemann. Foto: Schneider

Etwa 24 Kilometer liegen die beiden Bahnhöfe auf der Insel Rügen auseinander. Die Strecke mit einer Spurweite von 750 Millimetern befährt der Rasende Roland schon seit mehr als 100 Jahren. Auf der Bädertour hält er in Binz, am Jagdschloss Granitz, in Sellin, Baabe und Göhren. Den Namen verdankt der Zug Wismut-Kumpeln, die in den 1960er Jahren zur Erholung auf die Insel kamen. Mit dem Schutzpatron „Roland“ verbanden sie, „gut behütet“ von A nach B zu gelangen. Ironisch war hingegen das „Rasend“ gemeint und bezog sich auf die eher gemütliche Reisegeschwindigkeit. 

Spiering arbeitet mit seinem Heizer Nico Hölzle vorn in der 330-PS-Lok vom Modell Henschel 1938. Es ist eng, die Männer müssen ihre Bewegungen abstimmen. Hölzle schaut durch die Feuertür. „Ich geb mal noch was nach“, sagt der 39-Jährige, greift zur Schaufel und schippt Steinkohle in das Feuerloch. Die Flammen lodern. 

Heizer Nico Hölzle schaufelt Steinkohle in die Feuerbüchse des Rasenden Rolands auf Rügen.
Sorgt für Nachschub: Heizer Nico Hölzle schaufelt Steinkohle in die Feuerbüchse des Rasenden Rolands. Foto: Schneider

Sie erzeugen eine Hitze von etwa 1.200 Grad Celsius. „Für eine Hin- und Rückfahrt benötigen wir ungefähr 500 Kilogramm Kohlen und 2.000 Liter Wasser“, sagt der Gingster. Seine mit Ruß beschmierten Hände wischt der Heizer an der schwarzen Arbeitsbekleidung ab.

Durch das Feuer erhitzt sich das Wasser. Der dadurch entstehende Wasserdampf wird bis zu 400 Grad Celsius heiß und in einen Zylinder geleitet. „Durch den Druck des Dampfes werden die Kuppelstangen bewegt, die an den Rädern befestigt sind“, erklärt Spiering. Er schraubt an einem Regler, der neben dem Kessel angebracht ist und reguliert so den Druck. „Damit bestimme ich das Tempo“, sagt der gelernte Kesselwärter. 

Kurz vor Binz heißt es dann abbremsen. Smartphones und Tablets werden von den vielen Schaulustigen am Bahnhof in die Höhe gestreckt, um den Zug bestmöglich im Bild festzuhalten. Die Bremsen quietschen und wenige Sekunden später sind die Wartenden in eine dicke Dampfwolke gehüllt, die über den Bahnsteig zieht. Die neuen Passagiere steigen in die Abteile. Nach einem lauten Pfiff geht die Fahrt weiter. 

Von der harten Arbeit auf der Lok bekommen die Gäste in den Waggons nichts mit. Entspannt fahren sie von Seebad zu Seebad.

Um zur höchsten Stelle der Strecke am Jagdschloss Granitz zu gelangen, muss Hölzle noch einmal ordentlich Brennmaterial nachlegen. 1,2 Tonnen davon kann der Zug mitführen. „Im Sommer sind hier im Führerhäuschen bis zu 50 Grad Celsius möglich“, sagt der gelernte Maurer und wischt sich den Schweiß von der Stirn. 

Von der harten Arbeit auf der Lok bekommen die Gäste in den Waggons nichts mit. Entspannt fahren sie von Seebad zu Seebad. Endstation Göhren. Von hier aus geht es zurück nach Putbus. Ursula und Karl-Heinz Mühlen aus Baabe steigen zu. „Wir spazieren regelmäßig nach Göhren. Zurück nehmen wir dann immer den Rasenden Roland“, sagt Mühlen. 

Karl-Heinz und Ursula Mühlen fahren mit dem Rasenden Roland von Göhren nach Baabe.
"Wir spazieren regelmäßig nach Göhren. Zurück nehmen wir dann immer den Rasenden Roland." Karl-Heinz Mühlen mit seiner Frau Ursula aus Baabe. Foto: Schneider

Aufgeregt schaut Familie Pfeiffer aus den Fenstern der Bahn. Ihre Fahrräder hat sie in den extra dafür vorgesehenen Waggon gebracht. „Wir fahren mit dem Roland“, singt der dreijährige Paul begeistert. Ihn hält es kaum auf seinem Sitz. 
„Meine Jungs lieben die Lokomotive“, erklärt Mutter Nancy Pfeiffer, die noch den zweijährigen Karl auf dem Schoß hat. „Wir sind Rügen-Fans, und wenn wir hier sind, bestehen die beiden darauf, mit dem Zug zu fahren“, erzählt die 42-jährige Hamburgerin. 

Mutter mit zwei Kindern im Rasenden Roland auf Rügen
Paul (li.) und Karl aus Hamburg sind Fans des Rasenden Rolands. Deshalb ist eine Fahrt mit Mama Nancy Pfeiffer Pflicht. Foto: Schneider

Die Kinder sammeln außerdem die liebevoll gestalteten Kinderfahrkarten der Rügenschen Bäderbahn. Auch jetzt will Paul eine neue ergattern. Deshalb rennt der Junge im Abteil hinter dem Schaffner her, der ihm eine übergibt. In Sellin wollen sich die drei dann wieder aufs Fahrrad schwingen

Infos zum Rasenden Roland

Abfahrtszeiten Putbus:
täglich 8.08 Uhr, 10.08 Uhr, 12.08 Uhr, 14.08 Uhr, 16.08 Uhr, 18.08 Uhr und 20.08 Uhr

Abfahrtszeiten Göhren:
täglich 8.49 Uhr, 9.53 Uhr, 10.49 Uhr, 11.53 Uhr, 12.49 Uhr, 13.53 Uhr, 14.49 Uhr, 15.53 Uhr, 16.49 Uhr, 17.53 Uhr, 18.49 Uhr und 19.53 Uhr

Preise (Auswahl):
Einzelfahrkarte
Erwachsene: 11 Euro
Kinder (6-13 Jahre): 5,50 Euro
Familienkarte (2 Erwachsene und
2 Kinder): 23 Euro
Tageskarte
Erwachsene: 23 Euro
Kinder (6-13 Jahre): 11,50 Euro
Familienkarte (2 Erwachsene und
2 Kinder): 48 Euro
Fahrrad: 3 Euro
Führerstandmitfahrten: 34 Euro

Weitere Kleinbahnen

Bad Doberan: Der „Molli“ fährt von Bad Doberan über Heiligendamm nach Kühlungsborn-West

Nordwestmecklenburg: Der „Lütt Kaffeebrenner“ fährt von Klütz über Stellshagen nach Reppenhagen.