Auf Armeslänge hält der Mann sein Schwert von sich weg. Beinahe sieht es so aus, als hätte er an dessen Spitze ein Smartphone gesteckt, um ein Selfie zu machen. Allerdings hat der Mann Ende des 9. Jahrhunderts gelebt, da war so eine derartige Freizeitbeschäftigung unüblich.

Aber stolz auf seine Leistung ist der Mann zweifellos. Und er hat offenbar Grund dazu – was sich schon daran erkennen lässt, dass im Sommer ganze Schulklassen zu den Füßen der überlebensgroßen Statue kauern: Der Mann auf dem Sockel heißt Fürst Branimir und gilt als Staatsgründer Kroatiens, seit der Papst im Jahr 879 des Fürsten Regentschaft anerkannte und damit das Land dauerhaft an die römische Kirche band.

Kroatiens schöne alte Hauptstadt

Gewissermaßen befindet sich hier an der dalmatinischen Küste eine Keimzelle des beliebten Mittelmeerlandes. Und da wundert sich der Besucher schon wieder: Denn wer die Steinbrücke im Rücken von Fürst Branimir überquert und die Salzpfannen in der Lagune hinter sich lässt, betritt eine winzige Insel. Und doch war Nin einmal die Hauptstadt. Angehende Könige pilgerten hierher, um sich krönen zu lassen und ein Gelübde auf die Heimat abzulegen.

Nin hat die kleinste Kathedrale der Welt

Im Sommer schieben sich die Besucher über das Pflaster, in der Nebensaison führen nur ein paar Einwohner ihre Pudel bis zu den ein oder zwei geöffneten Bars spazieren. Die Heilig-Kreuz-Kirche, um 800 erbaut, ist die kleinste Kathedrale der Welt. So geschickt sind Türen und Fenster darin konstruiert, dass die Lichtverhältnisse jederzeit Aufschluss über Tages- und Jahreszeit geben – wenn du sie denn zu lesen verstehst.  

Im kleinen, aber feinen Museum von Nin lassen sich die Überbleibsel des kulturellen Reichtums besichtigen: Vasen, Scherben, Waffen, Gräberschmuck finden sich in den Vitrinen. Seit der archäologiebegeisterte Priester Luka Jelic vor mehr als 100 Jahren mit dem Graben begann, werden immer neue Hinterlassenschaften gefunden. Mitten im Städtchen stehen die Überreste eines römischen Tempels.

Nin ist ein Beispiel dafür, dass Kroatien den Besuchern weit mehr zu bieten hat als die vielen Inseln mit verschwiegenen Badebuchten, spektakuläre Wasserfälle wie im Nationalpark Krka oder karstige Gebirge wie das Velebit, in dem schon Pierre Brice alias Winnetou auf seinem Rappen galoppierte.

Kroatien ist eine geschichtsbewusste Nation, in der sich über die Jahrhunderte die Herrscher, nun ja, die Klinke in die Hand gaben. Römer, Byzantiner, Franzosen, Ungarn, Österreicher und andere mehr regierten hier – was sich auch am Risotto nach italienischem Geschmack oder beliebten Speisen wie Palatschinken nach österreichisch-ungarischem Rezept ablesen lässt.

Regisseur Hitchcock liebte Zadar

Über ein paar Jahrhunderte hatte die Serenissima das Sagen. Die venezianische Seemacht brauchte die dalmatinische Küste als Zwischenposten auf ihrem Handelsweg in den Orient. Die Venezianer bauten die Hafenstadt Zadar – damals Zara – zur luxuriösen Bastion aus.  

Über einem wuchtigen Tor der Altstadt prangt bis heute der Markuslöwe. Wer durch die Gassen mit ihren blank polierten Steinen schlendert oder an der prächtigen Uferpromenade den „schönsten Sonnenuntergang der Welt“, so einst der weltberühmte Regisseur Alfred Hitchcock („Die Vögel“), genießt, verspürt sofort ein Venedig-Gefühl.

Der Wein wächst über einem Fischerdorf

Am schönsten ist es, wenn die Kroaten selbst Geschichten über ihre Geschichte erzählen. Da musst du nur mal Milenco Rajic und Zoran Pantalon auf der vom Meer umspülten Halbinsel Punta Skala zuhören. Die beiden sind die Direktoren der „Königlichen Weinberge“. Gekauft haben sie die „Kraljevski Vinogradi“ erst 2007, doch führen sie ihren Besitz mit leichtem Augenzwinkern bis ins Mittelalter zurück: Im Jahr 1066 schenkte der kroatische König Petar Kresimir IV. seiner Schwester Cika die Hügel, denn die war Nonne im soeben gegründeten Benediktinerkloster Sankt Maria in Zadar.

Von den Benediktinern pachteten die beiden Direktoren 40 Hektar Boden oberhalb des Fischerdorfes Petrčane. So eine unternehmerische Tat wäre zu kommunistischen Zeiten unmöglich gewesen. Nun aber erfüllten sich die beiden Geschäftsleute ihren Jugendtraum: Heute thronen sie auf ihren „Königlichen Weinbergen“, schwärmen von 2.600 Sonnenstunden pro Jahr und von kühlenden Winden und schauen zufrieden hinab auf das blaue Meer mit seinen Inseln – am liebsten mit einem Gläschen Crljenak in der Hand. Dieser Rotwein war in Kroatien schon beliebt, bevor er als Primitivo oder Zinfandel seinen Siegeszug um die Welt antrat.