Einfach mal in den Sack hauen und das tun, was schon lange auf der Liste stand. Zum Beispiel das dicke, fette Stück Schokokuchen essen, früher Feierabend machen oder jemandem die Meinung sagen. Seelenbalsam.

Ernst Merkingers Seelenbalsam ist das Pilgern. Entdeckt hat er es 2016 als er den Jakobsweg von Pamplona nach Fisterre gelaufen ist. Ernst Merkingers Situation zum damaligen Zeitpunkt?

Gerade wurde sein Arbeitsvertrag mit dem österreischischen Privatfernsehsender ServusTV aufgelöst, zuvor hatte er am Haager Theatersommer für ganz wenig Gehalt als Regiehospitant gearbeitet und davor hatte er sein Studium geschmissen, weil er von zu vielem Feiern einen anstregenden Tinitus bekam. So sieht der Stoff aus, aus dem die Kinohits über Selbstfindung, den Heulkrämpfen und blutigen Blasen währenddessen gemacht werden. Wer will, kann Ernst Merkingers Lebenslauf so lesen.

Die andere Sicht geht so: Das Pfeifen im Ohr ist der Auslöser, damit Ernst Merkinger sich schwört, wieder mehr auf sich zu hören. Das Studium brach er ab, verzichtete auf Alkohol und landete durch Zufall beim Theater. „Am Premierenabend des Theatersommers Haag habe ich mir geschworen, dass ich ab jetzt nur mehr das tue, was meiner Person entspricht“, erzählt Ernst Merkinger. Weiter ging's mit einem Job bei ServusTV und eben dessen Ende.

Ernst Merkinger erzählt seine Geschichte mit einer Leichtigkeit, die für keinen Blockbuster reicht. Aktuell befindet sich der 27-Jährige irgendwo zwischen Österreich und Marokko. Und damit auf einer Reise, die deutlich mehr ist als Wandern. Mehr als ein Marsch. Und mehr als das Hape-Kerkeling-Pilgern. Aber kein Selbstfindungstrip. 

Ernst Merkinger beschreibt es als Pilgern 2.0. Denn der 26-Jährige berichtet über seinen Weg auf Instagram und auf seinem Blog „ernstjetzt.com“. Ziemlich smart, lustig und reflektiert tapert er durch die heile Social-Media-Welt. „Der Grund warum ich Instagram nutze, liegt daran, dass ich ein Fan von Erheiterung und Tiefgründigkeit bin“, erklärt er im Interview. „Ich kann Geschichten aus meiner Vergangenheit niederschreiben beziehungsweise aus der Spontaneität heraus Insta-Stories kreieren. Das macht mir riesen Spaß und lässt sich mit meinem kreativ-wirtschaftlichen Vorhaben, das zumindest ein Null-Summen-Spiel einbringen soll, gut kombinieren.“ Denn via Social Media, Spenden und Crowdfunding finanziert er sich einen Teil seiner Reise. 

Auf seinem Weg nach Marokko bekommt er auch immer öfter Begleitung von anderen Pilgern und Instagram-Stars wie „dariadaria“. Fest geplant ist das weniger, es passiert so. Fest steht aber das Ziel. „Marokko hat mich noch mehr vom Touristen zum Pilger werden lassen“, erklärt Ernst Merkinger das Ziel.

Tourist und Pilger gehen zwar nach seiner Meinung ineinander über, aber beim Pilgern habe er das Gefühl, dass er sich noch tiefer auf die Reise einlässt, dass sich ein Pilger mit einem Motiv aufmache, um sich selbst auf den Grund zu gehen. Auf dem Weg dahin – gleich, ob zu sich selbst im speziellen oder nach Marokko im generellen – macht Ernst Merkinger gerne Abstecher. Weil's gerade so schön ist, weil die Füße eine Pause brauchen, weil er nicht wirklich einen Grund braucht, um zu verweilen. 

This is how shoes look like after 2100 kilometers. ???? #hiking #walking #trekking #mountains

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„Mittlerweile gelingt es mir ganz gut, mich auf diese entschleunigte Variante des Reisens einzulassen“, erzählt der Österreicher. „Es entstehen Dialoge und keine Small Talks, wodurch nicht nur Haustüren, sondern auch Seelentüren geöffnet werden, die Inspiration garantieren.“ Er nennt das BeGEHgnungen.

Aber ist alles immer gut? „Ob am Weg in den Süden, ob am Kirchenplatz oder beim Billa in der Warteschlange“, berichtet der Pilger. „Selbstverständlich kommt Wut mal hoch. Das tut gut und ist auch gut so. Es soll ja fließen, wie der griechische Philosoph Heraklit gesagt hat, weil sonst entsteht ja eine dreckige Lacke in der Welt der Emotionen.“

Voraussichtlich Mitte Oktober wird Ernst in Marokko ankommen. Zurück will er Anfang November. Dann geht's erstmal ins Miramonte in Bad Gastein. Danach will er nach Goldegg, um in einem der Thoma-Häuser an seinem Buch zu arbeiten.

Und in der etwas entfernteren Zukunft wäre es durchaus denkbar Ernst Merkinger in einem Camping Van irgendwo in Europa zu treffen. Oder in Afrika. Oder in Österreich. Oder in Asien. Oder bei seiner Tante auf Hawaii. Oder, oder, oder...