Lebensziel: Cowgirl in Texas werden | reisereporter.de

Mein neues Lebensziel: Cowgirl in Texas werden

Ganz ehrlich: Nur weil ich vom Land komme, muss ich ja noch lange keine Pferde mögen. Pferde habe ich ehrlich gesagt immer gehasst. Und dann passierte Texas.

Landmeedchen
Ich hätte viel erwartet, aber nicht, dass ich mir eines Tages wünsche, Cowgirl in Texas zu werden.

Foto: Landmeedchen

Ich bin bin schon viel in den USA umhergereist, aber Texas war der US-Bundesstaat, vor dem ich bisher am meisten Respekt hatte. Immer wieder habe ich davon gelesen, wie unglaublich konservativ und traditionell es dort sein soll.

Ehrlich gesagt konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass es mir ausgerechnet dort wahnsinnig gut gefallen würde. So gut, dass ich eigentlich am liebsten dort bleiben würde. 

Texas: Liebe auf den ersten Kaffee

Die erste Überraschung erlebe ich gleich am Anfang meiner Reise, als ich mit meinem Mietwagen die Grenze nach Texas überquere. Der Tank ist fast leer und ich halte an der nächsten Tankstelle. Die ist riesig, eigentlich sieht sie aus wie ein großer Supermarkt.

Ich schlendere durch die Gänge der lokalen Spezialitäten und telefoniere (Wi-Fi sei Dank!) mit einer Freundin in Berlin. Als ich auflege, spricht mich plötzlich ein Mann an. „Hey, wo kommst du her?“ „Oh, hi! Ich komme aus Deutschland.“ „Deutschland! Toll. Ich war mal in Deutschland stationiert. Ich liebe Deutschland.“

Ich sollte später erst herausfinden, dass so gut wie alle Männer mittleren Alters mal in Deutschland stationiert waren. 

Buc Ee’s, Texas
Die Buc-Ee’s-Raststätten in Texas sind größer als unsere Supermärkte. Es gibt hier einfach alles! Foto: Landmeeedchen

Wir unterhalten uns ein paar Minuten über Deutschland und was ihm dort am besten gefallen hat, bevor wir uns lächelnd voneinander verabschieden. An der Kasse sehen wir uns wieder. Er grinst mich von der Seite an und sagt zur Kassiererin: „Danke, das wäre alles. Der Kaffee von der Lady kommt aber noch dazu.“

Ich bin ganz entzückt, dass mich direkt der erste Texaner auf einen Kaffee einlädt. Noch ganz perplex ob dieser spontanen Nettigkeit, winke ich ihm kurz zum Abschied. Dann trennen sich unsere Wege.

Country Hill: Home of the Cowboys

Ich fahre weiter nach Texas hinein. Irgendwann verlasse ich den großen Highway und biege auf eine kleinere Landstraße ab, die mich mitten durch Country Hill führt.

Die Landschaft ist einfach unfassbar schön. Ich fahre sanfte Hügel auf und ab. Grüne Büsche wechseln sich mit trockenem Sandboden ab. Irgendwann erkenne ich, dass es sich um riesengroße Ranches handeln muss, denn zwischen den Sträuchern grasen oft Longhorn-Rinder. Auf den Hügeln schimmern manchmal hochherrschaftliche Farmhäuser, teilweise mit großen weißen Säulen vor dem Eingang.  

Pretty cool #sunset over #laketravis #texashillcountry

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Im Herzen von Hill Country liegt die Kleinstadt Bandera. Eine typisch amerikanische Kleinstadt, deren Hauptstraße von Saloons, Geschäften und Lebensmittelläden gesäumt wird. An der Hauptkreuzung biege ich ab und verlasse Bandera. Mein Ziel liegt direkt dahinter: die Mayan Ranch, eine Dude Ranch. 

So heißen die Farmen, auf denen man auch Urlaub machen kann – Urlaub auf dem Bauernhof quasi. Es sind häufig Farmen, die seit vielen Generationen ein und derselben Familie gehören. Es gibt ganz unterschiedliche Farmen. Auf einigen packst du richtig mit an, auf anderen erhältst du einen kleinen Einblick in das Leben im Wilden Westen.

Einblick in das Leben im Wilden Westen

Als ich auf das Anwesen einbiege, fahre ich an großen Wiesen vorbei, auf denen Pferde und Longhorn-Rinder grasen. Auf einem kleinen Hügel sehe ich die Häuser der Farm stehen. Ich parke auf dem Schotterparkplatz und laufe zur Rezeption.

Longhorn-Rind
Die Hörner von den Longhorn-Rindern sind riesig. Zum Glück hat meine Kamera einen guten Zoom. Zu nah hätte ich mich nicht heran gewagt Foto: Landmeedchen

Eine adrett gekleidete Frau mit Cowboyhut und besticktem Hemd zu Jeans und Cowboystiefeln empfängt mich herzlich. Mary Ellen erklärt mir, wie mein Tagesablauf aussehen wird. Ich höre ab und zu das Wort Essen, aber vor allem bleiben die Worte „Pferd“ und „Ausritt“ hängen. Ich muss sagen, da schlottern mir ein bisschen die Knie.

Erst mal hole ich meinen Rucksack aus dem Auto und beziehe meinen kleinen Bungalow. Es sieht genauso aus, wie ich es mir in meinem Wild-West-Traum vorgestellt habe: Ein großes Bett aus groben Holz, ein Kamin in der Ecke und bunt gemusterte Decken. Die Wände sind mit Holz vertäfelt und der Kronleuchter besteht aus einem alten Wagenrad.

Zimmer auf der Mayan Ranch.
Das Zimmer meines Bungalows auf der Mayan Ranch. Foto: Landmeedchen

Meine Tasche werfe ich nur schnell aufs Bett, um mich direkt auf der Farm umzusehen. Überall zwischen den kleinen Häuschen wachsen Bäume, hinter denen ich ab und zu einen jungen Hirsch entdecke. Auf dem Gelände befindet sich eine große überdachte Terrasse, ein riesiger Pool und verschiedene Stallungen für die Pferde.

Hinter der Rezeption im Haupthaus befindet sich ein kleines Gemeinschaftszimmer mit Brettspielen und einem Fernseher. Die nächste Tür führt mich in ein Kaminzimmer, hinter dem sich der kleine Saloon mit einer urigen Holzbar und gemütlichen Bänken und Tischen versteckt.

Wild-West-Feeling auf der Mayan Ranch

Mary Ellen ruft rüber, ich solle mich beeilen, wenn ich den Nachmittagsausritt noch mitmachen möchte. Ich eile zur Koppel runter. Die Pferde warten schon gesattelt am Stall auf uns. Sandra reitet ebenfalls mit aus. Sie kommt aus Holland und ist auch zum ersten Mal auf einer Dude Ranch. Sie scheint aber vorher shoppen gewesen zu sein, denn sie trägt zu ihrem Cowboyhut passende Boots. 

Paul, einer der Cowboys, hilft mir in die Steigbügel und aufs Pferd rauf. Langsam trotten wir auf den Pferden durch die Landschaft. Es ist gar nicht so schlimm, wie ich befürchtet habe. Nein. Es macht sogar Spaß. 

Ausritt in Texas.
Aufs Pferd habe ich es schon mal geschafft. Nun darf es mich nur nicht abwerfen. Foto: Landmeedchen

Auf schmalen Pfaden geht es durch einen Wald und schließlich einen doch recht steilen Hügel hinauf. Es wackelt ganz schön. Aber ich muss gestehen, dass das nur noch mehr Euphorie in mir auslöst.

Als wir von unserem Ausritt zurückkehren, wartet bereits Pete auf uns. Er hat gerade ein Longhorn-Rind gesattelt. Da sollen wir rauf? Schon eines der Hörner ist so groß wie ich. Aber ich habe Vertrauen in Pete und bin übermütig vom Reiten, sodass ich direkt aufs Longhorn hüpfe. 

Longhorn-Rind auf der Mayan Ranch.
Ich möchte nächstes Mal doch lieber wieder aufs Pferd. Die Longhorns sind mir nicht geheuer. Für's Foto lächle ich noch schnell. Foto: Landmeedchen

Nachdem ich für ein lustiges Foto auf dem Rind gepost habe, bekomme ich einen kleinen Lehrgang im Lassowerfen. Super! Ich war schon immer fasziniert von Cowboys und Indianern. Und es sieht immer so cool und lässig aus, wenn sie das Lasso werfen.

Zum Glück muss ich heute noch keine Rinder einfangen. Ich soll einfach versuchen, auf das Mini-Metallrind zu zielen. Easy, das kann ja nicht weglaufen. Ich hab mich verschätzt. Ich dachte, ich würde den richtigen Moment zum Abwerfen direkt fühlen, aber irgendwie tüdelt sich das Lasso immer um meine Hand. Nach ein paar Versuchen schaffe ich es doch, das Eisenrind einzufangen.

Tom, der vor Begeisterung in die Hände klatscht, bittet mich um das Lasso. Mühelos und locker aus dem Handgelenk lässt er das Seil in Wellen über dem Boden tanzen. Mit einem Ruck fliegt es in die Luft und er schwingt es akrobatisch um seinen Kopfe herum, um es dann zielgewiss um den Hals des Metallrinds zu werfen. Gut, ich hole mir lieber einen Drink. Mit dem und ein paar Jahrzehnten Übung schaffe ich das vielleicht auch.

Cowboy Lasso
Beim Cowboy sieht das Lassowerfen einfach nur lässig aus. Foto: Landmeedchen

Am Abend gibt es BBQ. Auf dem Tisch neben dem Grill stehen zahlreiche Salate, Gemüse, Brot, Soßen und Kartoffeln. An der Bar und hinterm Grill stehen Cowboys. Ich finde die wahnsinnig faszinierend. Ihre Stiefel glänzen und die Jeans ist gebügelt. Einige haben sogar mittig vom Bein eine Bügelfalte. Auch das karierte Hemd ist faltenfrei und auf dem Kopf tragen ausnahmslos alle einen großen Hut, den sie am Tisch beim Essen zur Seite legen, so wie es sich gehört.

Neben der Holländerin und mir ist noch eine Gruppe aus Austin auf der Farm. Nach dem Essen gehen wir alle zusammen in den Saloon. Cowboy Kurt (ich übertreibe keineswegs, wenn ich behaupte, er gäbe einen fantastischen Cowboy bei den Chippendales ab) steht lässig an der Jukebox und winkt mich zu sich rüber.

Ein Tanz mit dem Cowboy

„Was willst du hören?“, fragt er. „Dass du dich unsterblich in mich verliebt hast und mich für immer auf der Ranch behalten möchtest.“ Kleiner Witz, das spielt sich in meinem Kopf ab. Ich stammle eher, dass man mit Johnny Cash nie etwas falsch machen kann. „Johnny Cash, Klassiker. Mag’ ich auch total. Möchtest du tanzen?“ Möchte ich bitte was? 

Um Himmels willen, ich habe 1997 bei meinem Austauschjahr in den USA schon Engtanz gehasst. Aber einen properen Cowboy möchte ich auch nicht von dannen ziehen lassen, und aus dem Augenwinkel sehe ich, dass bereits andere Paare auf der Tanzfläche sind. Also wiege ich mich in Kurts starken Armen zu Johnny über die Tanzfläche. Das ist wohl der so hochgelobte siebte Himmel.

Das Cowboy-Frühstück unter freiem Himmel

Der Morgentau glitzert noch auf den Blättern, da gehe ich schon zur Pferdekoppel hinunter. Das Frühstück wird nicht im Speisesaal eingenommen, sondern wir reiten zu einem Picknickplatz, wo die Cowboys ein Frühstück vorbereitet haben. Ich bin mir unsicher, ob es Schmetterlinge oder Wodka-Reste sind, die in meinem Bauch ihr Unwesen treiben. 

Schon fast gekonnt schwinge ich mich bei diesem zweiten Ausritt auf das Pferd. Wir reiten an einem Flusslauf entlang, über eine große Wiese und in einen Wald hinein. Hinter einer Biegung kommen wir auf eine Wiese, auf der ein großer gemauerter Barbecue-Grill steht. Auf dem Rost brutzeln schon Rühreier und Speck. Auf einem Campingtisch stehen Säfte, Kaffee, Brot und alles, was dazugehört.

Cowboys beim Frühstück.
Eier und Speck im Freien mit Cowboys und Countrymusik. Ich bin im Cowgirl-Himmel! Foto: Landmeedchen

Die anderen Cowboys und Cowgirls warten schon auf uns, einer hat sich eine Gitarre geschnappt und spielt Countrymusik. Die Sonne scheint durch die Bäume und wärmt den Platz mit den Tischen und Bänken.

Ich unterhalte mich mit Mary Ellen. Sie erzählt mir die Geschichte der Ranch; dass die Dürre ihnen gerade zu schaffe macht und sie Angst haben, ob die Rinder nicht genug Gras bekommen. Wie ihre Ranch früher mal überschwemmt wurde und sie geholfen hat, die Pferde zu retten. Dabei zeigt sie mir eine große Narbe am Arm. „Natürlich streiten wir auch mal, aber es ist toll, wie wir hier alle zusammen anpacken. Jeder hat seinen Platz auf der Farm und jeder liebt ihn.“

Das Gefühl habe ich auch, und als wir zurück zur Ranch reiten, habe ich das wohlige Gefühl, nicht das letzte Mal hier gewesen zu sein.

Mein Herz ist schwer, ich komme wieder

Wehmütig packe ich meinen Rucksack, checke aus und verabschiede mich von allen Leuten, die ich auf dem Weg zum Parkplatz noch treffe. Gerade als ich ins Auto steige, kommt ein Pick-up die Straße entlanggefahren. Ich sehe drei Cowboyhüte durch die Frontscheibe schimmern. Auf der Ladefläche liegen Heuballen, auf denen auch zwei Cowboys sitzen. Einer von ihnen ist Kurt.

Alle winken mir zum Abschied. „Gute Reise und pass gut auf dich auf“, tönt es aus der Fahrerkabine. Kurt zwinkert mir zu und lächelt noch mal sein unfassbar schönes Cowboy-Lächeln für mich. 

Cowboy-Boots
Wie viele Leute wohl ihre Boots für den Zaun gespendet haben? Foto: Landmeedchen

Spätestens nun steht fest: In diesem Leben schaffe ich es vielleicht nicht mehr, aber in meinem nächsten werde ich Cowgirl!

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