So cool ist ein Roadtrip durch Österreich | reisereporter.de

So cool kann ein Roadtrip durch Österreich sein

Meine Freundin Tini und ich hatten mal wieder Lust auf einen Roadtrip. Kanada oder Alaska wäre schön! Unser Geldbeutel sagte aber: Nee! So entschieden wir uns für Österreich. Und siehe da, es war der Hammer.

Landmeedchen
Wenn du von Kanada träumst, probier es doch mal mit Österreich.

Foto: Landmeedchen

Unsere Tour de l’Autriche beginnt gerade mal sechs Kilometer hinter der deutsch-österreichischen Grenze, in Vorarlberg. Und es ist genau so, wie wir es uns vorgestellt haben. Überall stehen knuffige Häuser mit blumenbewachsenen Holzbalkonen. Wälder und Berge, so weit das Auge reicht. Es ist total schön und total urig.

Hinter einer Kurve entdecken wir plötzlich einen ganz eigentümlichen Garten mit einem hutzeligen Häuschen. An der Straße steht ein Typ Marke Skater (wohl eher Snowboarder, wir sind in Österreich) und raucht, mit Kaffeetasse in der Hand, genüsslich eine Zigarette.

Wir halten an. „Moin, ist das dein Garten?“ Moin?! Was hab’ ich mir denn dabei gedacht? „Servus! Ja, Vollgas! Wollt ihr mal reinschauen?“ Das Vollgas verwirrt uns im ersten Moment extrem, bis wir später herausfinden, dass er das Wort als Ersatz für „geil“ oder „super“ oder „ja, total“ verwendet. 

Andi, der Aussteiger mit Selbstversorgergarten

Andi heißt der junge Herr und ist eine Art Aussteiger. Ein Selbstversorger. Oder Permakulti, wie er selbst sagt. Andi war tatsächlich früher Skater und Snowboarder. Er ackerte viel und verprasste sein ganzes Geld „für irgendeinen Scheiß“. Vollgas, quasi. Irgendwann fragte er seine Oma, ob er ein Stück von ihrem Land haben könnte, er wolle nicht mehr von der Gesellschaft abhängig sein und sich selbst versorgen. „Kind, geh doch in den Supermarkt“, meinte die Oma, die offenbar Andis Bestreben nicht ganz verstanden hatte. 

Andi, Kleinwalsertal
Andi in seinem Selbstversorgergarten. Foto: Landmeedchen

Andi pflanzte Bäume und legte Beete für Gemüse, Kräuterpflanzen und Früchte an. Über’s Internet holte er sich Tipps von anderen Permakultis. „Da gibt’s riesengroße Communitys im Netz. Die Australier sind ganz weit vorn. Ich erwirtschafte hier viel mehr, als ich essen kann. Mit dem Überschuss gehe ich zu anderen Bauern und tausche das Grünzeug gegen Milch, Käse oder Fleisch ein.“ Ich finde Andi stark und bin mir sicher, dass die ganzen Berliner, die neuerdings in Läden ohne Verpackungen einkaufen und sich Deos selbst mixen, ihn wie einen König feiern würden. 

Wir fahren zu unserer Unterkunft weiter und kommen am späten Nachmittag in der Walserstuba im Kleinwalsertal an. Wir werden herzlich begrüßt und alles ist so putzig österreichisch: Die Empfangsstube ist vertäfelt und an der Wand prangt ein großer Kamin. 

Österreichische Küche: Spätzle, Nämmes und Allgäuer Hähnchen

Zum Abendessen dürfen wir am Chuche-Tisch Platz nehmen. Der steht nicht in der vertäfelten Stube, sondern mitten in der Küche. Wir können dabei zusehen, wie Jeremias, der Koch und Besitzer der Walserstuba, mit seinem Team das Essen zubereitet. Immer wieder bringt er uns, zwischen unseren eigentlich Menügängen, Kleinigkeiten zum Probieren an den Tisch. 

Wenn du bisher glaubtest, dass die österreichische Küche nur aus Schnitzel, Spätzle, Knödel und Kaiserschmarrn besteht, hast du dich getäuscht. Bei Jeremias gibt es Speisen wie Gebratenes vom Allgäuer Hähnchen mit Mandelbrokkoli, Schwarzkirschen und gebratener Bramata-Polenta oder Nämmes uusm Walser Bergwald, dazu Halbgefrorenes von Fichte, Latschenkiefer und Wacholder mit Beerenmus und zum Schluss ein selbst gebrannter Stamperl-Schnaps, der uns nach dem ganzen Essen vollends bettfertig macht. 

Weiter geht’s ins Örtchen Krumbach, das bei Architekten in aller Welt bekannt ist. Sieben internationale Architektenbüros wurden eingeladen, entlang der Landstraßen um Krumbach herum individuelle Bushaltestellen zu designen. Renommierte Architekten aus Russland, Norwegen, Belgien, Spanien, Chile, Japan und China entwarfen und bauten ganz spezielle Haltestellen. 

Bushaltestelle Krumbach
Die japanische Bushaltestelle mit ihren weißen Stäbchen und der Treppe zum Hinaufklettern fand ich am besten. Foto: Landmeedchen

Pubcrawl à la Österreich

Was in der Großstadt ein Pubcrawl ist, ist in Österreich eine Brennereibesichtigung. So eine solltest du dir wahrlich nicht entgehen lassen. Wir machen eine in der Bergbrennerei Löwen in Au.

Siegfried, der Wirt des Hauses, führt uns auf einer Tour durch die heiligen Schnapshallen. Der Mann hat das Zeug zum Entertainer und erzählt uns, neben den Fakten über Schnapsbrennerei, lustige Geschichte über das ehemalige Kuppelhaus, durch das wir gerade gehen. Genau, hier wurde ordentlich verkuppelt. Das kann nicht schwer gewesen sein, wenn die Herrschaften damals auch nur halb so viel Schnaps bekommen haben wie wir auf unserer Tour. Bergheu-Schnaps, Enzian-Geist und hauseigener Gin fließen unsere Kehlen hinunter. 

Als wir schließlich im Hausladen ankommen, klärt uns Siegfried über die goldenen Regeln der Löwen-Brennerei auf:

  • Außer Möbel und Mitarbeiter kannst du fast alles kaufen.
  • Spätestens 90 Sekunden nach Betreten der Apotheke (vulgo Schnapsladen) solltest du ein Glas in der Hand haben, sonst läufst du Gefahr, ignoriert, überlaufen oder rausgeworfen zu werden.
  • Es ist nicht erlaubt, in der Apotheke etwas zu kaufen, was du nicht vorher probiert hast.
  • Wenn du eine Einkaufstüte hast, nimmst du diese in die rechte Hand; die linke Hand ist frei. Dann gehst du eine halbe Runde um die Apotheke bis zu dem Kästchen mit der Schublade, in der eine ganze Menge kleiner Fläschchen steht. Du fährst vorsichtig links und rechts drüber, und wo es in der Hand kitzelt, greifst du zu.
Löwen-Brennerei Au
Drei Schnapsdrosseln in der Löwen-Brennerei Au. Foto: Landmeedchen

Die Weltrekordbrücke „highline179“ in Österreich

Leicht verkatert fahren wir am nächsten Morgen nach Tirol in die Naturregion Reutte, wo ein Weltrekord auf uns wartet. Kein Witz! 

Als die „highline179“ im Jahr 2004 eröffnet wurde, erhielt sie direkt einen Eintrag im Guinnessbuch der Rekorde: als die längste Fußgängerbrücke der Welt im Tibet-Stil. Auf einer Länge von 406 Metern verbindet sie die Ruine Ehrenberg und das Fort Claudia. 

Ich bin eigentlich guter Dinge, auch wenn die Brücke an windigen Tagen ordentlich schaukeln soll. Heute ist es aber recht windstill, und bis auf ein paar Menschen mit komischer Gesichtsfarbe kommen mir nur Grinsebacken entgegen.

 

Ich hatte noch nie Höhenangst, aber als ich die Brücke betrete, wackeln meine Knie, obwohl ich ganz genau weiß, dass selbst eines der vier dicken Tragseile mit je 60 Milimetern Durchmesser so stark ist, dass es einen Jumbojet aufhalten könnten. Der Boden ist nicht blickdicht, sondern besteht aus einem Eisengitter, sodass ich in 114 Metern Tiefe die Autos auf der Fernpassstraße B 179 unter mir durchdüsen sehe. Nach ein paar Schritten und anfänglichem Festkrallen am Geländer fange ich mich und kann die Aussicht genießen.

Alberta in Kanada versus Tirol in Österreich

Schon auf unserer ersten Wanderung im Kleinwalsertal sind Tini und ich aus dem Schwärmen nicht mehr herausgekommen. Der Ausblick auf die Berge ist einfach atemberaubend schön. „Warum sind wir nicht schon viel früher mal hergekommen?“, haben wir uns immer wieder gefragt. 

Seebensee Tirol
Wandern ist ganz sicher nicht nur was für alte Leute. Foto: Landmeedchen

Heute gönnen wir uns eine Extraportion schöne Aussicht. Wir wollen zum Seebensee wandern.

Mit der Ehrwaldbahn fahren wir zur Alm hinauf, wo die ungefähr anderthalbstündige Wanderung zum See beginnt. Es geht über bunte Blumenwiesen, durch dichte Wälder und über holprige Steinpfade immer weiter nach oben. Wir kommen ganz schön aus der Puste und unsere Köpfe sind knallrot von der Hitze, als wir am Bergsee ankommen.

Warum meinten wir, für so ein Panorama nach Kanada zu müssen? 

Wir hieven uns über die letzte Kuppe, und plötzlich liegt er vor uns: der Seebensee. Umgeben von schroffen Gipfeln, auf denen Schnee liegt, und türkis gefärbt durch die Mineralien der Gletscherschmelze.

Wir reißen uns die Schuhe und Socken von den Füßen, um uns abzukühlen. Funktioniert. Das Wasser ist klirrend kalt. Eine Gruppe junger Engländer traut sich juchzend sogar ganz in das kalte Nass. 

Warum meinten wir, für so ein Panorama nach Kanada zu müssen? 

Seebensee Tirol
Der Seebensee: fast zu schön, um wahr zu sein. Foto: Landmeedchen

Paragliding am Hahnenkamm

Wo Berge sind, sind auch Gleitschirme. Es geht für mich noch höher hinaus: Ich möchte am Hahnenkamm paragliden gehen. Yvonne vom Fly Team wartet bereits an der Bergbahn auf uns. Bepackt mit zwei riesengroßen Rucksäcken, die das ganze Gleitschirmgeschirr beinhalten, fahren wir zum Gipfel hinauf.

Yvonne legt den großen Schirm aus, entknotet Bänder und hakt unsere Sitze ein. Wir stehen direkt hintereinander und Yvonne erklärt mir, ich müsse einfach nur laufen. Klar, einfach nur in Richtung Abhang laufen, gar kein Problem. Beim ersten Startversuch geben tatsächlich meine Beine nach und knicken ein. Ich reiße Yvonne mit zu Boden.

Peinlich! Aber ich will es schaffen, und so begeben wir uns wieder in Position. Dieses Mal laufe und laufe und laufe ich, bis ich merke, dass ich gar keinen Boden mehr unter den Füßen habe. Wir schweben! Es fühlt sich großartig an, wie wir hier oben mit der Aussicht auf den knapp 2.000 Meter hohen Hahnenkamm umherfliegen. 

Flyteam Tirol
Ich hab’s getan! Paragliding wird mein neues Hobby. Foto: Landmeedchen

Der Nicht-Friedhof ohne Gräber

Solltest du Sarkasmus in Schrift und Form beherrschen und ein Faible für schwarzen Humor haben, ist der Nicht-Friedhof in Kramsach genau das Richtige. Auf dem Museumsfriedhof stehen Grabschilder, die seinerzeit wirklich Gräber der Verstorbenen geschmückt haben. Mit unverhohlener Ehrlichkeit erzählen sie Geschichten über die Toten. 

Tini und ich wissen erst nicht, ob wir unser Prusten unterdrücken sollen, aber manche der Grabtafeln sind einfach zu lustig. Es gibt Sprüche wie diesen: 

„Hier liegt mein Weib, Gott sei’s gedankt, oft hat sie mit mir gezankt. O lieber Wanderer, geh’ gleich fort von hier – sonst steht sie auf und zankt mit dir.“

Museumsfriedhof Kramsach
Man muss schon über eine gute Portion schwarzen Humor verfügen, um über die Grabschilder auf dem Museumsfriedhof lachen zu können. Foto: Landmeedchen

Bad Gastein: die Geisterstadt von Österreich

Hast du den Wes-Anderson-Film „Grand Budapest Hotel“ gesehen? Das war schon eine skurrile Filmkulisse, oder? Auf unserem Weg nach Westen kommen wir durch einen Ort, in dem viele Grand-Budapest-Hotels stehen: Bad Gastein.

Dieser Ort ist irgendwie anders. Statt vieler kleiner Hotels stehen dort massive, mehrstöckige Prunkbauten um den Ortskern herum, durch den ein tosender Wasserfall fließt. Wir sehen hochherrschaftliche Gebäude. Sie alle sind leer. Verlassen. Sie stehen dort wie Geisterhäuser. 

Bad Gastein: ein bisschen wie Grand Budapest Hotel

In früheren Zeiten hat die High Society in Bad Gastein Urlaub gemacht. Blaublüter, Schauspieler und Regierungsmitglieder aus aller Welt kamen zum Skifahren her. Nach dem zweiten Weltkrieg standen viele Gebäude leer, und die Käufer der fünf großen „Dorfwolkenkratzer“ im Zentrum Bad Gasteins haben trotz Zusage bis heute keine Sanierung durchgeführt.

Als wir abends durch den Ort laufen, bekommen wir Gänsehaut. Die großen Gebäude auf beiden Seiten der Straßen sind stockdunkel, und ich stelle mir vor, wie wir kreischend davonliefen, würde sich hier plötzlich irgendwo ein Fenster oder eine Tür wie von Geisterhand öffnen. 

Badeschloss Bad Gastein
Das alte Badeschloss ist nur eines der großen, leer stehenden Häuser mitten im Zentrum von Bad Gastein. Foto: Landmeedchen

Obwohl die Gebäude im Zentrum verlassen sind, ist Bad Gastein ein beliebter Urlaubsort. Besonders um den Bahnhof herum, wo die Bergbahnstation und die Felsentherme liegen, spielt sich das Leben ab. Hier gibt es hippe Cafés und Smoothie-Läden, tolle Bars und erstklassige Restaurants. 

Tini und ich mögen es lieber ruhiger, daher haben wir unser Quartier auf der anderen Seite des Ortes bezogen. Dorthin gibt es eine tolle Abkürzung. Die Schlucht, die der Wasserfall durch den Ortskern zieht, überqueren wir heute mit der Seilbahn Flying Fox und düsen damit fast bis direkt vor dir Haustür unserer Ferienwohnung.

KWP Bad Gastein
In unserer muckeligen Bude gibt es sogar ein Bett über dem Kamin. Das wäre im Winter wohl mein Lieblingsplatz. Foto: Landmeedchen

Wien: Letzte Station auf dem Roadtrip

Unsere letzte Station auf unserem Roadtrip ist die Hauptstadt Wien. Wenn ich an Wien denke, denke ich direkt an klassische Musik und verschnörkelte Paläste. Auf so ein goldverziertes Hotelzimmer im barocken Stil haben wir keine Lust. Wir suchen etwas Außergewöhnliches und werden in Favoriten, dem 10. Gemeindebezirk, fündig.

Hier liegt das Wiener Gästezimmer der Familie Gegenbauer. Bei dem Gebäude handelt es sich um eine Essigbrauerei, im ersten Stock sind fünf Gästezimmer mit Industriecharme. Die roten Backsteine der Wände wurden freigelegt, die Einrichtung wurde aus Holzpaletten zusammengebaut. Die Toilette steht frei im Raum. Man sollte sich also gut kennen, wenn man das Zimmer miteinander teilt. Die Steckdosen hängen in langen Kabeln von der Decke, und die Fensterläden lassen sich an einer großen gußeisernen Stange hin und her schieben. 

Gästezimmer Wien
Die coolste Unterkunft in Wien: das Wiener Gästezimmer! Foto: Landmeedchen

Die Wiener Instant-Tour

Wenn du auf die klassischen Stadtrundfahrten und Rundgänge keine Lust hast, solltest du auf Wiener Instant-Tour gehen. Was sich nach Tütensuppe anhört, ist ein Stadtrundgang mit einem kleinen Lehrgang in Sachen Sofortbildfotografie.

Sophort Wien
Klick! Bei der Instant-Tour Wien lernst du nicht nur etwas über die Stadt, sondern auch über die Sofortbildfotografie. Foto: Landmeedchen

Wir schlendern vom Otto-Wagner-Pavillon aus zur Wiener Staatsoper und zur Hofburg. Danach machen wir ein paar Bilder und ein Päuschen im Volksgarten und verpulvern unsere letzten Motive in der hübschen alten Schreyvogelgasse, bevor wir bei einer Wiener Melange unsere Bilder auswerten.

Ganz fantastische Fotos sind dabei, und wir freuen uns riesig, dass wir nicht nur eine außergewöhnliche Stadttour, sondern auch so schöne Andenken bekommen haben. 

Zurückdenken werden Tini und ich an diese Reise bestimmt noch sehr oft; und an den Irrglauben, Österreich sei nur was für alte Menschen und Familien. So ein Schmarrn!

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