Dieser erste Anblick wird wohl für immer im Gedächtnis bleiben. In der Nacht sind wir auf Sansibar angekommen, und nach wenigen Stunden Schlaf suche ich bei Sonnenaufgang den Weg ans Meer. Und da ist es – Wahnsinn: Der Sand so weiß und leicht wie Mehl, das Wasser so hypnotisch blau wie Lapislazuli. Es ist Ebbe, das Meer bricht sich erst an einem Korallenriff in einigen Hundert Metern.

Vorn am Strand wiegen sich Palmen, ein altes Holzboot knarrt, irgendwo in der Ferne macht sich ein Massai auf den Weg, um Touristen in seinen Souvenirshop zu locken. Kurz eingetaucht ins weiche Wasser, begleiten einen schon bald bunte Fische, getupft, gestreift, gefleckt. Hier willst du nicht mehr raus.

Sansibar: Tansanias Insel der Sehnsüchte

Ach, Sansibar. Du Insel der Seefahrerromantik, Insel der Träume und Sehnsüchte. Insel der Mythen und Legenden, Insel der Düfte und Gewürze. Schon der Name erweckt Fernweh. Wie etwa bei Schriftsteller Alfred Andersch, der einen Jungen aus dem tristen Hafenort Rerik auf die Suche nach dem letzten Grund schickte. Der träumte sich an die weißen Strände von Sansibar – ohne jemals gewusst zu haben, wo diese liegen. Sansibar inspirierte auch die Namensgeber des Edel-Treffs auf Sylt und Sänger Achim Reichel, der der ostafrikanischen Insel seinen Sehnsuchts-Shanty „Aloha Heja He“ gewidmet hat. 

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Wir fahren mit dem Minibus nach Sansibar-Stadt, der Hauptstadt der Inseln Unguja (Sansibar) und Pemba sowie rund 50 weiteren kleineren Inseln des Archipels. Wir sehen Kokosnusspalmen, Aloepflanzen, Mandel-, Mango- und Papayabäume, es gibt Gewürzplantagen, Reisfelder und einige gewaltige Affenbrotbäume. Und Bananenstauden, überall. „Ja, bei uns wächst und gedeiht alles, was man in die Erde steckt“, sagt Mohammed, unser Reiseführer, und lächelt beseelt. Der Kleinbus stoppt an einer Gewürzplantage.

Der Junge, der Mohammed zur Hand geht, heißt Lukas und hat ein scharfes Messer. Er kann gleichzeitig auf hohe Bäume klettern, und aus Bananenblättern Kronen und Krawatten für die Gäste flechten. Lukas gräbt Ingwerwurzeln aus, schnitzt Zimtstangen, knackt Kardamomkapseln und reibt Zitronengras auf unsere Hände. Wir schnuppern und probieren, und am Ende kaufen wir die Öle und Seifen aus dem Bauchladen eines Händlers.

Die meisten Sansibarer sind Moslems

Die meisten der 1,3 Millionen Sansibarer sind Fischer, Landwirte und Händler, sagt Mohammed. Schon an den Straßenrändern der Vororte Bububu und Mtoni wimmelt es von Ständen mit Obst und Gemüse. Die Auslagen sind so bunt wie die Kopftücher der Frauen, die ihre langen schwarzen Umhänge, die Buibuis, damit auffrischen. Einige tragen schwere Kühlboxen auf dem Kopf, während sie ihr Handy am Ohr haben. Auch Männer zeigen sich in traditioneller Tracht, lange weiße Hemden und verzierte Kappen.

Die Einwohner, eine bunte Mischung aus Afrikanern, Indern, Persern und Arabern, sind zu 98 Prozent Moslems, so erklärt uns Mohammed. „Aber die Jungen tragen keine Trachten mehr, lieber sind ihnen Trikots.“ Es ist nicht zu übersehen: Die Sansibarer lieben ihre Fußballnationalmannschaft, auch wenn diese ihren ersten und bisher letzten Titel bei der Ost- und Mittelafrikameisterschaft 1995 holte. In Deutschland wurde das Team bekannt, als Oliver Pocher sich 2005 für seine Sendung „Rent a Pocher“ als Trainer mieten ließ. Immerhin endete ein Freundschaftsspiel in Hannover gegen eine deutsche Auswahl mit 3:0 für Sansibar, Pocher schoss das dritte Tor selbst.

Stone Town ist UNESCO-Weltkulturerbe

Auf dem Markt von Stone Town, dem historischen Kern der Inselhauptstadt und seit 1992 Weltkulturerbe, schlägt uns der Geruch von Nelken und Zimt, von überreifen Früchten, von Fisch und frisch geschlachteten Tieren entgegen. Mohammed führt uns durch die verwinkelte Altstadt, die einem Labyrinth gleicht. 37 Grad im Schatten, 80 Prozent Luftfeuchtigkeit, Händler, die selbst gebrannte „Best-of-Africa-CDs“ verkaufen wollen, singen uns immerzu den kenianischen Achtziger-Jahre-Gassenhauer „Jambo Bwana“ ins Ohr. 

Und auf einmal haben wir unseren Führer im Gewimmel verloren. „Hakuna Matata!“, beruhigen uns die Einheimischen. Das ist Swahili und bedeutet: „Es gibt keine Probleme!“ Das Lebensmotto, das als Lied durch den Walt-Disney-Film „König der Löwen“ bekannt wurde, versprühen die Insulaner immerzu unter den Touristen – obwohl die Armut in großen Teilen des Eilandes offensichtlich ist.

Tatsächlich treffen wir Mohammed wieder, gleich vor der Geburtsstätte von Freddie Mercury. Dort verbrachte Mercury alias Farrokh Bulsara seine Kindheit, bevor ihn seine Eltern zwecks höherer Bildung nach Indien schickten. An dem Geburtshaus des "Queen"-Stars zeugen nur noch ein paar Bilder von dem früheren Bewohner. Die Sansibarer erinnern nicht gern an den berühmten Sänger – sein Lebensstil passte nicht zu den islamischen Sitten der Insel, aber immerhin wird Homosexualität dort heute geduldet.

Sansibar: Erholung von Safaris

Ähnlich vom Verfall gezeichnet wie das Mercury-Haus sind die Gebäude und Paläste, die einst die Araber in der Altstadt errichtet hatten. Im Jahr 1698 war es den Arabern aus dem Oman gelungen, die portugiesischen Besatzer von Sansibar zu vertreiben und nach und nach die gesamte ostafrikanische Küste unter ihre Kontrolle zu bringen. 1840 verlegte der Sultan von Oman, Sayyid Said, sogar seinen Sitz von Maskat nach Sansibar, um von hier aus (in einem Palast mit zwei Ehefrauen und 75 Konkubinen) den Sklavenhandel strategisch noch günstiger auszubauen.

Von Tansania aus kommen heute viele Touristen auf die Insel, um nach ihren Safari-Abenteuern auf dem Festland noch ein paar Tage in der Sonne zu brutzeln. Inzwischen haben die weißen Sandstrände der Ostküste viele Hotelmanager gelockt. Wer Abwechslung, aber keine Safari will, kann seine Reise auch mit einem Zwischenstopp im Oman verbringen und sehen, was aus der einstigen Kolonialmacht Sansibars geworden ist. Im Wüstenstaat Oman stieß man nach einer langen Durststrecke auf gewaltige Ölvorräte – und unter Sultan Qabus ibn Saids Herrschaft wächst seitdem ein zweites Dubai heran. Doch so mancher Omaner, der seine Wurzeln im 5.000 Kilometer weiten Sansibar hat, sehnt sich nach dem grünen Eiland zurück.

Am Abend, als die Hitze nachlässt, versammeln sich die Jugendlichen am Stadtstrand von Stone Town. Sie messen sich mit gekonnten Salti im Sand, während die Touristen einen Sundowner auf der Terrasse der Strandbar Livingstone nehmen. Von dort blicken sie auf die Dauen, die Holzschiffe der Fischer, die ihnen als perfekte Fotokulisse dienen, wenn am Horizont die Sonne ins Meer plumpst. Für viele Urlauber sind es die letzten Bilder, bevor es am nächsten Tag zurück in die Heimat geht. Und da geht einem Achim Reichels Liedzeile durch den Kopf: „Wenn ihr mich fragt, wo’s am schönsten war, dann sag ich: Sansibar!“