Der Lärm der Rollkoffer auf dem alten Kopfsteinpflaster dringt wohl nur aus einem Grund so ungestüm ins Ohr: Sonst gibt es nichts zu hören. Die Katze schläft vor dem Scheunentor. Windstill ist es, während wir zum Haus der Stille unterwegs sind. Kein Blatt an der knapp 300 Jahre alten Linde vor dem barocken Äbtissinnenhaus im ehemaligen Benediktinerinnenkloster Drübeck raschelt.

Hier befinden sich die Gästezimmer. Die Koffer der Neuankömmlinge sind ausgerollt. Doch die nächste Geräuschkulisse wartet schon: ein tumultartiges „das geht aber nicht“ und „ich muss …“ zu Hause, den Chef, den Mann, die Kinder anrufen, macht die Runde, als Pfarrerin Brigitte Seifert den Vorschlag macht, während des 24-stündigen Aufenthalts im Haus der Stille die Handys auszuschalten.

Erst als sich die Aufregung nicht legen will, macht Seifert die achtköpfige Schar, alle zwischen plus 30 und plus 60 Jahren, milde lächelnd darauf aufmerksam, dass niemand uns kontrollieren werde. Die Erleichterung ist hör- und spürbar: Die Handys gehen aus, und manches später wieder an. „Alles darf sein, und dann wird geschaut, was es mir zu sagen hat“, sagt zu späterer Stunde Seiferts Kollegin Irene Sonnabend.

Unter der Ägide der beiden Frauen bietet das Evangelische Zentrum Kloster Drübeck eine Form der persönlichen Einkehr an, die „weniger von Diskussion geprägt ist als von Leiberfahrung“, sagt Seifert. Was genau darunter zu verstehen ist, erfahren wir hinter der knapp 1.000 Jahre alten romanischen Klosterkirche in den vor mehr als zehn Jahren nach einem Entwurf von 1737 rekonstruierten „Gärten der Stiftsdamen“: Schuhe ausziehen, lautet die Herausforderung, die Seele mit den Fußsohlen suchen, im frisch gemähten Gras, in der geruhsamen Landschaft des nördlichen Vorharzes.

Sehnsucht nach innerer Ruhe im Vorharz

Irene Sonnabend hat noch etliche Fühl-, Hör-, Riech- und Schmeck-Übungen in petto. Und wir, die wir vergessen haben, dass kein Handy uns aufschrecken kann, proben den Ausnahmezustand vom Alltag in verschärfter Form – denn wir schweigen obendrein: „Schweigen, um vertieft wahrzunehmen“ sei der Sinn dieser Übung, und: „um etwas zu lassen, was ich gewohnt bin“. Schweigen als eine Art von Lot, das uns ins Innere führen soll. Seifert und Sonnabend erweisen sich als geduldige und einfühlsame Lehrerinnen.

Gut für Bruder Nikolaus im Benediktinerkloster Huysburg, den die Gruppe im Anschluss an die 24 Stunden im Kloster Drübeck aufsucht. Er hat leichtes Spiel mit uns termingeplagten Menschen, die während eines Schnellkurses entlang der Straße der Romanik erfahren möchten, ob und wie wir unsere Sehnsucht nach innerer Ruhe stillen können.

Die Huysburg, auch sie in Teilen ein romanisches Kleinod wie die Drübecker Klosterkirche, liegt kaum 45 Autominuten entfernt. Bei einer Führung durch die Klosteranlage auf dem Huy, einem bewaldeten Höhenrücken nahe Halberstadt, steht der Romanische Saal obenan; Bruder Nikolaus, 46 Jahre alt, studierter Kunstwissenschaftler und seit 23 Jahren Mönch im Benediktinerorden, zeigt uns die Kapitelle, auf denen noch Reste der originalen Bemalung zu erkennen sind. Und erzählt, dass die Huysburg zum Jakobusweg gehört.

Dass während des Essens Schweigen angesagt ist – nur für uns, nicht für die ebenfalls dort weilenden Tagungs- oder Tagesgäste, die in der Sonne vor dem Klostercafé ihren Cappuccino genießen –, empfinden wir inzwischen als Ehrensache. Und als Bruder Nikolaus zum „Meditativen Waldgang“ einlädt, folgen wir gehorsamen Schafen gleich seinem forschen Schritt: erst den Berg hoch, dann über Astwerk stolpernd und irgendwo den Berg wieder hinunter. Zwischendurch lassen wir uns von der phänomenalen Aussicht entzücken. Der Vergleich liegt auf der Hand: ein Weg wie das eigene Leben – manchmal rauf, manchmal runter, manchmal beschwerlich und manchmal wunderschön.

1,6 Millionen Touristen jährlich

Drübeck und Huysburg sind zwei romanische Zeugnisse von insgesamt 80, die verteilt über 65 sachsen-anhaltinische Orte an der Straße der Romantik liegen. Vor gut 20 Jahren wurde die 1.000 Kilometer lange Route zum 1.020. Todestag von Otto dem Großen eröffnet. Besucht wird sie von jährlich 1,6 Millionen Touristen. Mancher von ihnen macht auch noch einen Abstecher in die Saale-Unstrut-Region mit ihrer 1.000-jährigen Weinbautradition.

Nicht nur die Klöster in Drübeck und Huysburg bieten entlang der Straße der Romanik eine Auszeit vom Alltag an. Auch das Zisterzienserinnenkloster St. Marien zu Helfta, einem Stadtteil der Lutherstadt Eisleben, und die Brudercommunität auf dem Petersberg bei Halle gehören dazu. Auch sie, wie die Huysburg, sind veritable Klöster. Ursprünglich war die Klosteranlage Petersberg ein Domizil von Augustiner-Chorherren.

Beide Mönchsorden, Zisterzienser wie Augustiner, gehören – genau wie die Benediktiner aus Drübeck – dem romanischen Zeitraum an, der ganz grob ab dem Jahr 1.000 beginnt und ab Mitte des 13. Jahrhunderts von der Gotik abgelöst wurde. Doch für Anfänger in Architekturgeschichte genügt: Romanik ist der Architekturstil mit festungsartigen, wuchtigen Bauten, mit Rundbögen und -fenstern und blockartigen Kapitellen.

Wissen muss das allerdings niemand, der heute ein Kloster als „Gasthaus“ nutzt, mit Gastgebern, Gastgeberinnen, die einen von Gebeten gegliederten Tag leben. Im besten Fall hört an solchen Tagen das Plappern auf, und das Gespräch beginnt. Aber, warnt Pfarrerin Seifert allzu Ehrgeizige, „man kann das nicht machen. Man muss es geschehen lassen.“ Dabei muss wohl der Heilige Geist helfen. Rollkoffer gelten nicht als Störfaktoren.