Weltreise: Leo Bartsch in Nicaragua | reisereporter.de

Weltreise-Tagebuch: Vulkan und Wellen in Nicaragua

Sie ist Sängerin, Songwriterin – und jetzt auch reisereporterin: Leonore „Leo“ Bartsch (28), bekannt unter anderem als Mitglied der Girl-Group „Queensberry“, ist auf Weltreise. Hier der sechste Teil ihres persönlichen Reise-Tagebuchs.

Leo Bartsch am Pool in Nicaragua
In Popoyo entspannt Leo eine Woche lang am Pool und beim Surfen.

Foto: Leo Bartsch

Seit fast genau drei Wochen treibe ich mich nun in Nicaragua rum und ärgere mich seitdem darüber, dass ich in der Oberstufe nicht freiwillig den Spanisch-Kurs belegt habe. Dafür habe ich mich bestens an den dauerhaften ‚Despasito‘-Ohrwurm gewöhnt und, nach meinem Ausflug in den Englischen „Sommer“, wieder an die tropischen Temperaturen gewöhnt. Abgesehen von leichten Kommunikationsproblemen geht es mir also wirklich nicht schlecht...

Heiß ist mir trotzdem, denn das Reisefieber lässt sich derzeit nicht unter Kontrolle bringen. Ganz langsam aber sicher neigt sich meine Weltreise nämlich dem Ende zu. In ein paar Tagen feiere ich fünfmonatiges Reisejubiläum und das heißt, es bleibt nur noch ein Monat übrig. Hilfe!

Die Wände rücken näher, und ehrlich gesagt bricht bei dem Gedanken leichte Panik in mir aus. Der Druck wird größer, jetzt noch mal das Beste daraus zu machen, das Meiste heraus zu holen und es irgendwie zu schaffen, trotzdem jeden Moment zu genießen. Das ist fast unmöglich und es drängt sich mir eine erste Wahrheit über das Reisen auf: Egal, wie lange man unterwegs ist, es ist immer zu kurz!

Anstatt jetzt also meine Reisefrequenz zu erhöhen und überstürzt und übermotiviert durch das Land zu hetzen, mache ich genau das Gegenteil: Ich verkrieche mich eine Woche lang nach Popoyo, eine kleine Surfer-Enklave an der Pazifikküste, und mache nichts – außer Surfen natürlich.

Es tut verdammt gut, morgens früh aufzustehen, am Strand lang zu laufen, die Wellen zu checken, sich hineinzustürzen (oder auch nicht), dann ein bisschen zu ruhen, Ananas mit Maracuja zum Mittag zu essen, ein Buch zu lesen. Dann am späten Nachmittag noch mal das Board zu schnappen und zum Sunset-Surf raus zu paddeln, auf dem Board zu sitzen, vom Wasser aus den wundervollen Sonnenuntergang zu beobachten. Und dann, ganz egal wie die Wellen waren, zufrieden nach Hause zu gehen, vielleicht noch eine Runde Karten zu spielen und mit dem Meeresrauschen einzuschlafen.

Das Einzige, was meinen Frieden in Popoyo trügt, sind die Straßenhunde, von denen ich gerne jeden einzelnen adoptieren würde, und die Armut der Menschen in Nicaragua, die für mich wirklich nur schwer zu ertragen ist. Trotz all meiner tropischen Trägheit, darf ich nicht vergessen, dass Nicaragua eins der zwanzig ärmsten Länder der Welt ist.

In diesem Land bezahlst du ganze fünfundzwanzig Dollar (ein Fünftel des monatlichen Durchschnittseinkommens im Land) für ein Bett im Mehrbettzimmer, in einer schicken Surflodge mit Pool direkt am Strand, die einem Italiener gehört. Und zweihundert Meter weiter wohnt eine Großfamilie in einer Wellblechhütte unter einem Dach mit den Schweinen, ohne Elektrizität und richtiger Wasserversorgung. Da muss man sich schon fragen, ob man den Menschen hilft, indem man hier reist, oder ob man doch eher auf ihre Kosten lebt.

Das ist eine unbequeme Reise-Wahrheit, vor der ich nach all den Monaten unterwegs aber einfach nicht mehr die Augen verschließen kann oder will.

Ein anderes Bild zeigt sich dann in Léon, mit 150.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt in Nicaragua, ehemals Sitz der Revolution, Wohnsitz des Dichters Rubén Darío, der hier wie ein Nationalheld verehrt wird. Inzwischen ist es eine lebendige Studentenstadt, welche die größte und älteste Kathetrale Mittelamerikas beheimatet.

Jeder, der nicht mehr emotional berührt von Sonnenuntergängen ist, sollte sein Leben auf der Stelle überdenken.

Hier zeigt sich die mittelamerikanische Kultur in ihrem ganzen Charme: Das Kunstmuseum Ortiz Gurdían stellt eine der größten Sammlungen Lateinamerikanischer und internationaler Kunst (unter anderem ein paar Picassos und Werke von Andy Warhol) aus, die zahlreichen Kirchen werden liebevoll restauriert, es gibt köstliches Essen an jeder Ecke und junge Nicaraguaner gründen hier Klamottenlabel oder Tourismusunternehmen mit nachhaltigem Ansatz.

Mit einem von diesen buche ich eine Tagestour, es verschlägt mich wieder auf einen aktiven Vulkan. Die Wanderung ist kurz und schmerzvoll, aber lohnt sich voll und ganz. Vom Vulkan Telica habe ich einen eindrucksvollen Blick über die gesamte Vulkankette Nicaraguas – übrigens eine der aktivsten der Welt, wenn dieser nicht gerade durch den aufsteigenden Qualm aus dem Krater vernebelt wird.

Mit Schwefelgeruch in der Nase beobachte ich dann den Sonnenuntergang und das ist, ohne zu übertreiben, wirklich episch. Und hier kommt die letzte Reise- und Lebens-Wahrheit für heute: Jeder, der nicht mehr emotional berührt von Sonnenuntergängen ist, sollte sein Leben auf der Stelle überdenken.

Nicaragua mag zwar laut Statistik arm sein, aber es ist in Wirklichkeit auf anderen Ebenen so reich. Reich an einer Vulkanlandschaft, die nicht von dieser Welt ist, reich an einigen der besten Wellen der Welt, reich an Kultur und Stolz, an Kunst und Poesie.

Nicaragua schmeckt nach Gallo Pinto, klingt nach Latino Dancehall, riecht nach tropischen Früchten und lächelt einen breit an. Und ich lächele zurück!

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