Versteckt sich dahinter eine hinterhältige Warnung, doch bitte im Urlaub aufs Gewicht zu achten? Nötig wäre das für die 60 Teilnehmer im  "Running Camp Mallorca" jedenfalls nicht. Acht Läufe an sechs Tagen rund um die Touristenhochburg Alcúdia stehen auf dem Programm, dazu Dehnungsübungen und Koordinationstraining am Strand, Vorträge über Wettkampfvorbereitung und Herzfrequenz, Muskeln und warum diese manchmal schmerzen.

Das alles tun die Teilnehmer freiwillig – und liegen damit voll im Trend. Ähnliche Laufurlaube gibt es beispielsweise in Portugal oder Andalusien. Nach Umfragen rennen bis zu 20 Millionen Deutsche, also ein Viertel der Gesamtbevölkerung. 4.000 Wettkämpfe werden jährlich bundesweit gestartet, vom Berlin-Marathon bis zum Benefiz-Dorflauf. Ein mallorquinischer Praxistest mit Gleichgesinnten kann helfen, den viel zitierten inneren Schweinehund in Schach zu halten.

Am ersten Morgen stehen die Läufer – etwa gleich viele Männer und Frauen, Altersdurchschnitt irgendwo um die 45 – pünktlich auf die Minute vor dem Hotel. Sie lockern die Oberschenkel, checken ihre Pulsuhren, einige haben Getränkeflaschen auf dem Rücken festgezurrt, andere Tapes an den Waden. Wahnsinnig professionell sieht das alles aus.

Trainer ist der ehemalige Profi Carsten Eich, einer der erfolgreichsten deutschen Straßenläufer und seit mehr als zwei Jahrzehnten Rekordhalter im Halbmarathon (60:34 Minuten). Für den 44-Jährigen ist das Laufen auch nach Beendigung seiner Karriere 2007 Beruf geblieben. Ein siebenköpfiges Team begleitet den hageren 1,90-Meter-Mann nach Mallorca, zwei Physiotherapeuten genauso wie Firmenabgesandte, die ihre Hightechprodukte vorstellen. Die Laufindustrie boomt – und ist ein Riesengeschäft.

Spaß am Laufen im spanischen Idyll

Und dann geht es los, eingeteilt in Grüppchen, je nach Tempo. Jeder weiß hier, was für ihn eine angemessene Geschwindigkeit pro Kilometer ist. Manche brauchen viereinhalb Minuten, andere sieben. Es geht durch Pinienhaine, über die Strandpromenade, quer durch Apartmentviertel und auch an der Hauptstraße entlang, insgesamt knapp zehn Kilometer. 

Der Blick auf die GPS-gestützte Uhr am Handgelenk ist für viele so selbstverständlich wie für Nichtläufer der aufs Handy. Viele tragen Brustgurte mit Elektroden, die permanent die Herzfrequenz messen. Das Mantra für diese Woche lautet: Es kommt nicht auf Rekorde an, sondern aufs Dauerlaufen. Niemand muss an seine Grenze gehen. „Jeder soll genug Sauerstoff haben, um sich mit seinem Nachbarn zu unterhalten“, sagt Eich. Übermäßigen Ehrgeiz bremst er: Will jemand pausieren und sich lieber Palma anschauen? Gerne doch.

Genauso wenig wird Eich jedoch müde, die Vorzüge des Laufens anzupreisen: Immer und überall könnest du deine Sportschuhe auspacken, der Zeitaufwand sei viel geringer als etwa bei dem im Frühjahr auf Mallorca so beliebten Radsport. Zwei, besser drei Läufe pro Woche seien sinnvoll für den Körper, jeweils mindestens 45 Minuten lang, damit der Energiestoffwechsel so richtig in Schwung kommt. Und: Ein Ziel solltest du dir schon setzen, egal ob es darin besteht, zwei Kilogramm abzunehmen, eine Stunde durchzuhalten oder beim Halbmarathon ins Ziel zu kommen.

Schwitzend, aber bester Dinge trudeln die Läufer nach und nach wieder am Hotel ein und genehmigen sich ein Energiegetränk. An der guten Laune wird sich auch in den nächsten Tagen nichts ändern, aber bald schon spüren manche ihre Beine. Am Ende wird sich die gelaufene Gesamtdistanz auf rund 80 Kilometer summiert haben, so viel rennt sonst kaum einer zu Hause – auch wenn manche stolz ihre T-Shirts vom letzten Marathon tragen.

Trainingstipps und Glücksmomente in Alcúdia

Aber irgendwann zwickt hier die Achillessehne, dort verhärtet sich die Wade – und dabei stehen die Tempoläufe und die Bezwingung von Alcúdias knapp 300 Meter hohem Hausberg noch aus. Einige verschwinden zur Regeneration in die Sauna, andere zum Wassertreten an den Strand. 

Die Massagetermine bei den beiden Physiotheraupeuten sind schon Mitte der Woche ausgebucht. Dazwischen bleibt jede Menge Zeit fürs Fachsimpeln. Es werden Zeiten verglichen, Trainingstricks verraten, Erinnerungen an Glücksmomente beim Zieleinlauf ausgetauscht. Das Nudelbüfett mittags ist schnell abgeräumt, der Nachtisch am Abend gefragt. Denn wie hat der Trainer gesagt? Du sollst dich belohnen.

Nicht nur auf Eich ist beim Loben Verlass, sondern auch auf die (geliehene) Pulsuhr. Ein Schriftzug wird auf dem Display sichtbar: „Sehr gutes Tempo in einer langen Einheit! Sie haben Ihre aerobe Fitness, Geschwindigkeit und Toleranz gegen lange, intensive Belastungen verbessert.“

Den Satz würde ich auch gern der hinterhältigen Waage neben dem Speiseraum vorlesen. Ein genauerer Blick hat allerdings gezeigt: Das Ding ist zum Wiegen der Koffer vor dem Rückflug da.