Overtourism: Das Maß ist voll | reisereporter.de

Overtourism in Venedig: Das Maß ist endgültig voll

Stundenlanges Anstehen vor dem Notre Dame in Paris, dichtes Gedränge auf der Rialto Brücke in Venedig und verstopfte Gassen in Barcelona – die Liste der europäischen Städte, die in der Hochsaison an gnadenloser Überfüllung leiden, wächst stetig.

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Mit den Schiffen kommen die Massen in die Stadt: Venedig wird von den Touristen überrannt.

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Die britische Zeitung Daily Mail urteilte schon 2014, dass Barcelona seinen Charme verliert und immer mehr zu einem Freizeitpark verkommt. Der Guardian bezeichnet das einst so romantische Venedig als Italiens Disney Land. 
 
Das Problem des Massentourismus ist so gravierend, dass es mittlerweile ein Wort dafür gibt: Overtourism. Es beschreibt unter anderem das Gefühl der Anwohner, wenn sie sich in ihrer eigenen Stadt nicht mehr wohlfühlen, weil diese von Touristen überlaufen ist.

Overtourism in Venedig

Seit jeher schreiben Medien über die langsam versinkende Stadt. Was sich bisher auf den steigenden Meeresspiegel bezog, zielt heute auf die Touristenmassen ab, die das ganze Jahr über in Venedig einfallen.

Vor zwei Jahren warnte der Abteilungsleiter des Italian Environment Fund, Andrea Carandini, dass Venedig am Tourismus ersticken werde. „Die Stadt hat nur noch 50.000 Einwohner. Das ist nur ein Drittel Einwohner im Vergleich zum 18. Jahrhundert. Stattdessen muss Venedig heute mit jährlich 30 Millionen Touristen klar kommen.“ Die urbane Infrastruktur schwindet immer mehr. Lebensmittelläden, Schlachtereien und kleine Bäckereien müssen schließen und werden durch Souvenirshops ersetzt.

Immer wieder versuchen die Venezianer, Maßnahmen zu entwickeln, um die Situation zu entspannen. Im Jahr 2015 forderte die Umweltbehörde, die Kreuzfahrtschiffe aus dem Giudecca Canal zu verbannen. Dabei ging es ihnen nicht nur um die physische Zerstörung, die beim Einfahren der großen Schiffe an den Kanälen und Häfen passiert, sondern auch um die Verschandelung des Stadtbilds. Außerdem speisen und schlafen die 10.000 Menschen, die sich bei Landgang plötzlich durch die engen Gassen schieben, meist auf dem Schiff und lassen somit kaum Geld in der lokalen Wirtschaft.  

Vor wenigen Wochen wurde ein Rettungs-Projekt für den meist vollkommen überlaufenen Markusplatz vorgestellt. Der Platz soll abgesperrt werden und die Besucher sollen Eintrittskarten erwerben. Der Stadtrat stimmte zunächst einer Erhebung der Besucherzahlen zu, um zu sehen, ob das Projekt wirklich von Nöten ist. Dieses Mal sind es aber die Anwohner, die sich gegen das Projekt wehren, weil sie Einbußen in den Einnahmen ihrer kleineren Betriebe fürchten. 


Bisher wurde noch kein konkreter Plan im Kampf gegen den Overtourism umgesetzt. Aber vielleicht muss es auch gar nicht so radikal sein, dass man Schiffe komplett verbietet oder Eintrittskarten zum Markusplatz einführt? Die meisten Touristen kommen an den Wochenenden zwischen Mai und September. Die Kreuzfahrtschiffe legen ebenfalls am Wochenende an. Statt Kreuzfahrtschiffe zu verbieten, könnten sie an einem Wochentag vor Anker gehen. Und vielleicht investiert man die Gelder lieber in Werbemaßnahmen, die Reisende dazu bewegt, eher in der Woche oder in den weniger frequentierten Monaten von Oktober bis April nach Venedig zu kommen? 

Dann ist es sicherlich sogar günstiger, aber definitiv entspannter...

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