Am Morgen, gegen 8.30 Uhr auf der Piazza del Popolo. Ein paar Augenblicke noch, dann füllt sich der Empfangssalon am nördlichen Tor der Altstadt. Die Piazza wird zur Bühne für Flaneure und Touristen am Fuß der eleganten Terrasse des Pincio.

Als Martin Luther vor 500 Jahren nach Rom kam, glich der Pincio-Hügel einem verwilderten Garten. Den Obelisken im Zentrum des Platzes hat der junge Augustinermönch auch nicht gesehen, der lag damals noch unbeachtet im Circus Maximus. Erst Jahrzehnte später ließen die Päpste die antiken Steinriesen an markanten Punkten „ihrer“ Stadt errichten – als „Finger Gottes“, sagt der italienische Kunsthistoriker Alessandro Canestrini.

Spezial-Stadtführungen für Touristen

Der gebürtige Südtiroler ist der Gründer des Kulturvereins Roma Culta, der sich auf individuelle Themenführungen für deutsche Touristen spezialisiert hat. Ein Angebot nicht nur für Goethe-Pilger; seit vielen Jahren bieten Canestrini und sein Team aus deutschsprachigen Kunsthistorikern und Archäologen auch Touren auf den Spuren des Wittenberger Reformators an.

Ein Spaziergang, der im Kopf beginnt. Denn das heutige Rom ist das Rom der Barockzeit und des 19. Jahrhunderts. „Da braucht man schon ein wenig Phantasie, um sich die Stadt zur Luther-Zeit vorzustellen“, betont der Stadtführer.

Kaum zu glauben, dass das imposante Stadttor, die Porta del Popolo, damals ein antiker Trümmerhaufen war. Gleich neben der Porta del Popolo lag Luthers Quartier, der Augustinerkonvent. An der Renaissancefassade der Kirche Santa Maria del Popolo ließ sich Papst Sixtus IV. della Rovere mit seinem Wappen als Sponsor verewigen. In dieser Kirche feierte der Priester Luther regelmäßig seine Messen – mit deutlich größerer Sorgfalt als seine italienischen Amtsbrüder: „Denn ehe ich zum Evangelium kam, hatte mein Nebenpfaffe schon eine Messe zu Ende gebracht und schrie mir zu: ,Passa passa, immer weg, mach Schluss.‘“

Eine Antwort auf die Reformation

In der rechten Seitenkapelle der Kirche liegen die Kardinalsgräber der einflussreichen Papstfamilie della Rovere, ausgestattet mit Kunstwerken der Renaissance. Nackte kleine Eroten halten das Familienwappen, für den jungen Augustinermönch muss diese italienische Sinnlichkeit ein Kulturschock gewesen sein.

Auf dem Weg in die Innenstadt lenkt der Kunsthistoriker den Blick auf die barocken Zwillingskirchen am historischen „Dreistrahl“, dem Eingang zur Via del Corso. Canestrini spricht vom „Muskelspiel“ der Päpste, die ihre Macht zur Schau stellen wollten, eine Antwort auf die Reformation, die 1517 mit dem Thesenanschlag in Wittenberg begann.

Wenige Jahre vorher war Martin Luther in Rom. Er kam zu Fuß über die Alpen, um Streitigkeiten innerhalb des Augustinerordens zu schlichten. Eine anstrengende Reise. Doch Luther nutzte den Rom-Aufenthalt auch für sein Seelenheil und besuchte als frommer Pilger die sieben Hauptkirchen. Erst in der Rückschau verdunkelte sich sein Blick auf die Ewige Stadt: „Gibt es eine Hölle, so steht Rom darauf.“

Luthers Rom war eine Stadt im Umbruch, Papst Julius II. hatte Stars wie Bramante, Raffael und Michelangelo verpflichtet, das Petrusgrab am Vatikan glich damals einer Großbaustelle. Erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts sollte die mächtige Kuppel des Petersdoms das Rom-Bild beherrschen. Zur Finanzierung dieses gigantischen Prestigeprojekts der Päpste wurde schließlich auch ein spezieller Ablass eingeführt – der sogenannte Peterspfenning, einer der Auslöser für die Reformation.

So wurde aus Roms Pantheon die Marienkirche

Die antike Metropole war um 1500 zu einer mittleren Kleinstadt geschrumpft, einzelne Viertel waren menschenleer, reine Trümmerwüsten. Das Forum Romanum – heute ein Touristenmagnet – diente damals noch als Steinbruch, in den antiken Trümmern weidete das Vieh. Ein Anziehungspunkt aber war das antike Pantheon. Anfang des 7. Jahrhunderts verwandelten römische Christen den heidnischen Tempel in eine Marienkirche und bestückten den Rundbau mit Märtyrerreliquien aus den Katakomben. „Ideologisches Recycling“, sagt Canestrini. Die benachbarte Dominikanerkirche Santa Maria sopra Minerva, die einzige gotische Kirche Roms, wurde später zu einer Schaltstelle der Gegenreformation.

Luther ging durch die engen, feuchten Gassen in der Tiber-Niederung. In der „Nationalkirche“ der Deutschen, Santa Maria dell' Anima, in der Nähe der Piazza Navona, fühlte er sich zu Hause. Am Rand des spätmittelalterlichen Zentrums liegt auch das Kloster Sant’ Agostino, damals Sitz des Ordensgenerals. Dort hatte der junge Mönch zu tun.

Am Kapitol musste Luther die mittelalterliche Treppe emporsteigen, später schuf Michelangelo seine berühmte Freitreppe, die Himmelsleiter, und ordnete den Kapitolsplatz neu – mit der Statue Marc Aurels im Zentrum.

Noch stand das Reiterstandbild am Lateran – am südöstlichen Stadtrand hatte Kaiser Konstantin dem Christengott die erste große Kirche erbauen lassen: die Lateranbasilika. Im Lauf der Jahrhunderte entwickelte sich hier ein gewaltiger Komplex von Palast- und Klosterbauten. Eine Attraktion für Rom-Pilger zur Luther-Zeit war die Scala Santa. Diese heilige Treppe, auf der angeblich Jesus zu Pilatus geführt wurde, soll aus Jerusalem stammen. Um seinen Vater aus dem Fegefeuer zu befreien, betete Luther auf jeder der 28 Stufen ein Vaterunser. Kurz vor seinem Tod erinnert er sich an diese Station: „Aber als ich oben ankam, dachte ich: Wer weiß, ob es wahr ist.“

Vermutlich eine späte Stilisierung. Ob ihn diese Zweifel schon damals plagten, lässt sich nicht rekonstruieren. Doch fand der junge Theologe in der Stadt der Päpste offenbar nicht das, was er suchte.

Heute käme der Wittenberger Reformator sicher gern wieder, vermutet Jens-Martin Kruse, Gemeindepastor der evangelisch-lutherischen Christuskirche in Rom. Jeden Sonntag um 10 Uhr wird in der Via Toscana ein evangelischer Gottesdienst in deutscher Sprache gefeiert. Auch der Papst war schon zu Gast – eine besondere Geste der Ökumene. Und nicht die einzige: Demnächst soll im katholischen Rom sogar eine Straße nach dem Reformator benannt werden.