Die Wellen am Neptune Beach türmen sich auf, nehmen die auf ihren Brettern liegenden Touristen mit. Und brechen. „Drückt euch hoch, dann springt einfach, und los geht es“, hatte Carmel Laserna vorher gesagt. Doch mit dem Brechen der Wellen kommt in diesem Fall zuverlässig auch der Sturz in die Fluten. Surfen? Muss eben doch geübt sein.

Laserna ist Trainerin bei der Surfschule Jax Surf and Paddle in Jacksonville, Florida. In einem Bundesstaat, der von drei Seiten von Wasser umgeben ist, gilt das Surfbrett nicht nur als Sportgerät – sondern als Teil einer Lebenseinstellung. Die Sommer sind heiß und schwül, auch die Winter werden nur selten so kalt, dass Wellengang bei Menschen wie Laserna kein Kribbeln verursacht. Etwas, das sie den Touristen, die surfen lernen wollen, gern vermittelt. Zumal sie die Erfahrung der Laien teilt: „Als ich mit 13 anfing, war ich schrecklich. Falsches Board, falsche Technik.“ Kaum hatte es ihr jemand vernünftig erklärt, lief es.

Surflehrerin Carmel Laserna fing schon mit 13 Jahren an zu surfen.
Surflehrerin Carmel Laserna fing schon mit 13 Jahren das Surfen an. Foto: Scherer

Jacksonville, wo Laserna geboren und aufgewachsen ist, ist die flächenmäßig größte Stadt der USA. Zwar leben hier weniger als 900 000 Menschen, die aber eben weit verteilt. Wer bei einem Roadtrip durch den Sunshine State mehr sehen will als die Klassiker wie Miami, Orlando und Key West, für den ist die Stadt im Nordosten ein perfekter Ausgangspunkt. Nicht nur sportlich, auch kulinarisch und kulturell. Der St. John River teilt die Stadt, Wassertaxis und Brücken vereinen sie wieder. In Downtown gibt es eine lebendige Szene mit Künstlern und kreativen Gastronomen in klassischem Florida-Setting. Viel über die Geschichte erfährt man auf Fort George Island, einer kleinen Insel, auf der sich die Überreste der Kingsley-Plantage befinden. Die wechselhafte Geschichte Floridas – mal in spanischem Besitz, dann in britischem, ab Mitte des 19. Jahrhunderts vollständig Teil der Staaten – wird hier zur Geschichte der Sklaven, die, je nach vorherrschender Macht, mehr oder weniger Rechte genossen.

Etwa eine Autostunde südlich von Jacksonville in St. Augustine visualisiert sich die Vergangenheit ebenso deutlich. An der langen Promenade fällt sofort das Castillo de San Marcos auf. Nach der Gründung der Stadt 1565 – sie ist die älteste von Europäern gegründete Stadt der USA – brauchte es Festungen zur Verteidigung. 1672 begannen die Arbeiten am heutigen Castillo. Trotz britischer Belagerung und heftiger Kämpfe, bei denen die ganze Stadt abgebrannt wurde, blieb die Festung stehen. Heute ist St. Augustine das Juwel der „Historic Coast“, der historischen Küste, von der es so viele Geschichten zu erzählen gibt. Etwa die des spanischen Entdeckers Juan Ponce de León, der Anfang des 16. Jahrhunderts Florida von Puerto Rico aus kommend entdeckte – angeblich auf der Suche nach der „Fountain of Youth“, der Quelle ewiger Jugend. Aus der kann man heute trinken, eingebettet in einen Park, in dem man zwischen der Geschichte der Ureinwohner und Pfauen alles über León und die Anfänge St. Augustines erfährt.

Das St. Augustine College liegt etwa eine Stunde südlich von Jacksonville.
Das St. Augustine College liegt etwa eine Stunde südlich von Jacksonville. Foto: Scherer

Besonders sehenswert ist auch der Stadtkern, in der spanischer Kolonialismus auf griechische Renaissance trifft, viktorianische Villen auf zweckmäßige Gebäude. Hässliche Standardbauten fehlen hier völlig – Franchise-Ketten sind unerwünscht. Entsprechend wichtig ist in St. Augustine die Individualität. Egal ob bei einer Spuk-Pub-Tour, bei der Teilnehmer allerlei verwunschene Gebäude besuchen (und dabei Cocktails trinken), oder einer Food-Führung, die über verschiedene Küchen von französischer bis italienischer die vielen europäischen Einflüsse auf Florida zeigt. Stolz ist man hier auf die eigene Gin-Distillery ebenso wie auf die vielen liebevoll eingerichteten Bed and Breakfasts und inhabergeführten Häuser fernab des Hotelketten-Einerleis.

Auf die Gin-Distillery sind die Einwohner von St. Augustine besonders stolz.
Auf die Gin-Distillery sind die Einwohner von St. Augustine besonders stolz. Foto: Scherer

Im Bayfront Marin House Inn arbeitet Claudia Tavaris, eigentlich Tänzerin aus Rio, dann nach Deutschland ausgewandert. Irgendwann kam die Liebe dazwischen, nach 20 Jahren in Berlin ging es 2006 nach St. Augustine. Eine Freundin war diesen Weg gegangen, Tavaris besuchte sie – und war mäßig begeistert. Bis sie jemanden kennenlernte. Der Kontakt blieb bestehen, sie zog zu ihm. „Alles ist so ernst in Deutschland, das ist hier einfach anders“, erklärt sie. Sie liebe die Sonne, den Himmel, das Meer. „Die Ausstrahlung ist so besonders.“

Diese Atmosphäre zurückzulassen fällt schwer, doch es lohnt sich auch, von der Historic weiter zur Space Coast zu fahren, die etwa eine Fahrstunde südlich liegt. Die Gegend ist berühmt für das Kennedy Space Center, das an die Air-Force-Station Cape Canaveral grenzt. Von Ende der Sechzigerjahre bis 2011 starteten hier alle bemannten Raumflüge der USA. Inzwischen ist die Raumfahrt in Nordamerika privatisiert. Trotzdem ist das Space Center noch immer ein Publikumsmagnet. Außer der aufgestellten berühmten Raumfähre „Atlantis“ findet sich hier für Interessierte eine Art Disneyland der Raumfahrt – Raketenstartsimulator und Lunch mit einem Astronauten (gegen Aufpreis) inklusive. Auch die Gegend um das Center ist durchaus erkundenswert, nicht nur für die Tausenden Besucher, die fast täglich im Hafen mit Kreuzfahrtschiffen ankommen. Die beeindruckende Tierwelt lässt sich hier in der künstlich vertieften Lagune Thousand Islands (hat nichts mit dem Dressing zu tun) erleben, an der wohlhabende Amerikaner protzige Häuser mit passenden Bootanlegern gebaut haben. Kaum hat man mit einem der Ponton-Boote abgelegt und ist in das seichte Weser gefahren, bilden die ersten Delfine das Begleitkomitee. Die behäbigen Rundschwanzseekühe, hier bekannt als Manatis, tauchen auf, um Pflanzen am Uferrand zu futtern. Und zahllose Vögel – von Reihern bis Fischfalken – ziehen über dem Boot ihre Runden. Karen Bible, die solche Bootstouren leitet, wurde in den USA geboren, ging dann mit ihren Eltern nach Deutschland und zog volljährig allein zurück. Sie liebt das Leben in dieser Ecke der Vereinigten Staaten. „Ich stehe morgens früh auf, sehe die Sonne, gehe Gassi mit dem Hund – und bin jeden Tag wieder überwältigt davon, wie schön das Leben hier ist.“ Der Einklang von Mensch und Natur, die Vielfalt, aber auch das „easy going“ – das schätze sie sehr.

Das Kennedy-Space-Center liegt an der Space Coast. Inzwischen ist die Raumfahrt in Nordamerika privatisiert.
Das Kennedy-Space-Center liegt an der Space Coast. Inzwischen ist die Raumfahrt in Nordamerika privatisiert. Foto: Scherer

Das ist etwas, das für Besucher der Space-Coast-Region schnell nachvollziehbar wird. Wenn sie hier vom Boot aus in die Ferne sehen. Durch die Historic Old Town Melbournes in der Nähe schlendern. Auf der Suche nach Alligatoren mit dem Air-Boat durch die Sümpfe rasen. Oder am Cocoa Beach vielleicht doch noch einmal versuchen, das mit dem Surfen hinzubekommen. Irgendwann wird es schon klappen.