Auf dem Fraser River kämpfen sich Schlauchboote durch die Wellen. Sie nähern sich wild wirbelnden Stromschnellen, weiße Gischt spritzt auf, ihre Fahrt wird rasanter. „Gleich kommt die gefährlichste Stelle, deswegen trägt sie auch den Namen Schwiegermutter“, sagt Zac ins Mikrofon und grinst. Er kann diese Anekdote entspannt erzählen, denn er sitzt im Trockenen – so wie seine Zuhörer.

Durch Panoramascheiben verfolgen sie den Kampf Mensch gegen Wasser. Sicher steuern die Bootsinsassen ihre Gefährte durch die wilden Wasser des Flusses. Sie haben sogar noch Zeit, den Passagieren in dem mehrere Hundert Meter langen Zug, dem Rocky Mountaineer, zu winken. Der Zug fährt in einen Tunnel, die Boote sind nicht mehr zu sehen. 

Einen Tag zuvor drängen sich früh morgens rund 700 Menschen an einem winzigen Bahnhof in den kanadischen Rocky Mountains. Sie warten auf ihren Zug, den Rocky Mountaineer. Eine Lok mit 3.000 PS, dahinter 26 Waggons, Durchschnittsgeschwindigkeit etwa 40 km/h.

Der Reiseplan: vom kleinen Touristenstädtchen Banff im Bundesstaat Alberta bis nach Vancouver, British Columbia; rund 1.000 Kilometer in zwei Tagen. Vor den Passagieren liegt eine Zugfahrt durch die kanadischen Rockies auf der historischen Bahnroute „First Passage to the West“, die die Großstädte im Osten Kanadas – Montreal, Toronto, Ottawa – mit der Westküste verbindet.

Zehntausende Arbeiter waren vor rund 125 Jahren mit dem Bau beschäftigt, nicht wenige kamen bei Unfällen ums Leben. Noch heute zeugen zahlreiche Friedhöfe entlang den Gleisen von den lebensgefährlichen Arbeitsbedingungen. Ihr Anblick sorgt für die stillen Momente der ansonsten ausgelassenen Reise.

Zug fährt durch tiefe Canyons

Abseits menschlicher Behausungen und Wege wirkt die Landschaft, als habe sie sich seit 125 oder mehr Jahren nicht verändert. Während es zu Beginn vor allem durch grüne, von Flüssen und Seen durchzogene Täler und vorbei an hohen, schneebedeckten Gipfeln geht, zeigt sich später ein ganz anderes Bild. Eng an zerklüftete Felswände geschmiegt, passiert der Zug trockenes, wüstenähnliches Gelände.
 
Kakteen säumen die Strecke, und es geht durch tiefe Canyons, die vom Wasser über Jahrtausende in den Felsen gegraben wurden. Immer wieder muss der Zug über zerbrechlich anmutende Brücken tiefe Schluchten und den darin entlang fließenden Fraser River überqueren, um einer unüberwindlichen Felswand auszuweichen. Kaum einer der Reisenden wagt ein Nickerchen – er könnte ja etwas verpassen.
 
Ein älteres australisches Paar hat die Fahrt als Teil seiner Weltreise gebucht, die es in den nächsten Wochen noch nach Russland, China und Japan führen wird. Allen Reisenden gemein ist der Wunsch nach komfortablem Reisen in einer einzigartigen Umgebung. 

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Annehmlichkeiten und hohen Komfort bietet der Rocky Mountaineer reichlich – wenn du dich für die erste Klasse, den sogenannten Golden Leaf Service, entscheidest. Die zweistöckigen Panoramawagen verfügen über ein Bordrestaurant, darüber liegt das Großraumabteil. Überall ist viel Platz, sodass du dich zu keiner Zeit eingeengt fühlt. Und dann das Servicepersonal: Zac und seine Kollegen sind viel mehr als Kellner – sie sind Entertainer, die die Passagiere mit wissenswerten und witzigen Anekdoten unterhalten.

Kanadische Spezialitäten im Bordrestaurant

An Bord des Rocky Mountaineer ist man jedoch zu jeder Zeit in der Rolle des passiven Beobachters. Zwischendurch aussteigen, an einem Ort verweilen, spektakuläre Canyons etwas näher erkunden  – das ist im „Rocky“ nicht möglich. Er fährt zwar langsam, aber beständig. Und wenn der Zug dann doch mal an einer Stelle etwas länger steht – etwa, weil ein anderer Zug vorbeigelassen werden muss –, so gilt jederzeit: Aussteigen verboten.
 
Dafür kannst du im Bordrestaurant kanadische Spezialitäten wie Lachs und Pfannkuchen genießen, während draußen weiter ein Fotomotiv nach dem anderen vorbeirauscht. Die Kombination kulinarischer und topografischer Höhepunkte ist denn auch eines der erklärten Ziele an Bord des Rocky Mountaineer.
 
Frische Luft und Fotos ohne Fensterspiegelungen gibt es dagegen nur auf den Plattformen zwischen den Wagen. Die Plätze dort sind dementsprechend heiß begehrt. Geraucht werden darf aber dort wie auch im restlichen Zug nicht. Dafür kannst du dir den Fahrtwind um die Ohren wehen lassen und die klare kanadische Luft genießen. Und natürlich Ausschau halten nach Bären, Elchen oder anderen Wildtieren. 
 
Vancouver kommt näher, das Gelände wird zusehends flacher. Der Zug passiert Farmen mit riesigen Ländereien, der Blick scheint unendlich weit zu reichen. Neben den Gleisen verläuft der Highway, auf ihm fahren Pick-ups und große Trucks. Wüsste man es nicht besser, man könnte sich auch im Mittleren Westen der USA wähnen. 

Überrascht stellst du am Ende der Reise fest, wie anstrengend zwei Tage voller Sitzen, Schauen, Staunen und Essen sein können. Bei der Ankunft in Vancouver ist es bereits dunkel, der Zug hat rund drei Stunden Verspätung. Doch die gesammelten Eindrücke entschädigen dafür reichlich.