Wie Mallorca mein Herz eroberte | Reisereporter.de

Mehr als Party, Brüste & Sangria: Malle mal anders

Kaum haben die Sommerferien begonnen, flimmern in den einschlägigen Boulevard-Magazinen wieder Berichte von Schnapsleichen über den Fernsehbildschirm. Ich bekomme Angst, denn ich habe eine Reise nach Mallorca gebucht.

Zwei Urlauber am Strand von Mallorca
Zwei Urlauber am Strand von Mallorca. Doch die Insel bietet mehr als Sauftourismus.

Foto: imago/localpic

Ich will es wissen: Malle - ja oder nein?

Kürzlich fand das traditionelle Bienenstich-Kuchen-Essen mit meiner Großfamilie statt. Der Cousin meiner Oma und seine Frau erzählten freudig, dass es nun bald für sie wieder nach Malle geht. Alleine bei dieser irgendwie platt klingenden Abkürzung stellen sich meine Nackenhaare hoch. Seit mehr als 30 Jahren reisen sie jedes Jahr wieder nach Malle. 

Ich bezweifel, dass sie sich mit ihren Freunden, die auch jedes Jahr mitkommen, Team-Shirts in Neonfarben anziehen und betrunken grölend die Platja de Palma entlang laufen, aber so richtig glauben kann ich nicht, dass Mallorca mein Herz im Sturm erobern wird. 

Warum ich mir so viele Gedanken darüber mache? Ich habe gebucht: fast eine ganze Woche Mallorca. Ich wage mich in die Höhle des Löwen, um zu sehen, was diese Urlaubsinsel, die jedes Jahr mehrere Millionen Deutsche anlockt, außer Partyexzesse noch zu bieten hat. 

„Lach mal, is’ Malle, Alter!“

An einem sonnigen Dienstagmorgen gehe ich am Flughafen Schönefeld direkt zum Security Check. Schon länger reise ich nur mit Handgepäck. Als ich am Check-In-Schalter 34 vorbei gehe, bekomme ich einen Vorgeschmack auf meine Mitreisenden. Neben vereinzelten Familien und Pärchen stehen dort einige größere Gruppen. Um diese Uhrzeit
verschütten sie bereits Bier und Prosecco und erzählen sich derbe Witze, während sie sich die Bäuche beim Lachen halten. 

Am Gate treffe ich sie alle wieder. „Ey, lach’ mal, biste müde, oder was? Is Malle, Alter!“ schreit ein Hawaii-Hemd tragender Mitvierziger zu mir herüber, den ich offenbar ganz fassungslos angestarrt habe. Ich lächle schüchtern zurück und halte den Daumen hoch. 

Im Flieger stelle ich mich schlafend, damit ich nicht angesprochen werde.

Im Flieger stelle ich mich schlafend, damit ich nicht angesprochen werde. Als wir am Flughafen von Mallorca landen, klatschen die Menschen. Das habe ich auch schon lange nicht mehr erlebt. Es muss die Urlaubs-Euphorie sein.

Meine kleine Ruhe-Oase in Palma

Als ich aus dem Flieger steige, weht mir die warme Sommerluft ins Gesicht; die die schon so schön nach Urlaub riecht. Ich habe mir ein Airbnb-Zimmer in Palma direkt gebucht und gönne mir einen Mietwagen für meinen Aufenthalt auf Mallorca, um die Insel richtig erkunden zu können. 

Die Wohnung liegt auf einem Hügel direkt in der Stadt. Mein Gastgeber Frank, ein Deutscher, führt mich durch seine helle und wunderschön eingerichtete Wohnung. Ich bin begeistert. Da ich der einzige Gast bin, darf mir sogar ein Zimmer aussuchen. Frank vermietet mehrere Zimmer. 

Die Wohnung hat eine riesengroße Terrasse mit Blick über die Stadt und sogar bis zum Meer. Eine leichte Brise weht mir um die Ohren und ich komme ganz entspannt an. Frank gesellt sich mit einem Rotwein zu mir und gibt mir noch ein paar Ausflugtipps. 

Die Altstadt von Palma

An meinem ersten Tag erkunde ich die Hauptstadt der Baleareninsel. Ich gehe den Hügel in Richtung Hafen hinunter. Es ist noch früh am Morgen. Die Ladenbesitzer räumen Regale ein und Stühle nach draußen. Ich gehe weiter am Wasser entlang und erreiche noch in der sanften Morgensonne das Herzstück der Insel, die beeindruckende Kathedrale La Seu, deren heller Sandstein mich schon aus der Ferne anstrahlt.

Kathedrale La Seu
Das Herzstück Mallorcas ist die Kathedrale La Seu. Foto: Landmeedchen

Nördlich der Kathedrale liegt die Altstadt. Ich schlendere gemächlich durch die Gassen. An einer Bäckerei mit Stühlen davor mache ich eine Pause und frühstücke Pasteis de Nata und Espresso. 

Bäckerei Palma de Mallorca
Bei so viel leckerer Auswahl fällt die Entscheidung schwer. Foto: Landmeedchen

Hier gefällt es mir so gut, dass ich die Pracht-Avenue mit ihrer Shopping-Meile gänzlich missachte und lieber den ganzen Tag durch die Altstadt bummel. Es gibt unzählige ruhige Innenhöfe, hübsche Geschäfte, Galerien, Straßencafés und geschäftige Markthallen, in denen man ganz hervorragend essen kann. 

Galerie: Evelyns Urlaubseindrücke

Eigentlich wollte sie gar nicht auf die Insel. Eigentlich war ihr das zuwider. Und eigentlich wollte sie dann gar nicht mehr weg.

Buchten-Hopping in Mallorcas Westen

An meinem ersten Mallorca-Erkundungstag fahre ich in Richtung Westen aus Palma raus und einfach drauf los. Bis Peguera bleibe ich auf der Hauptstrasse, aber ab dann möchte ich immer so weit wie möglich am Meer entlang fahren. An der Küste gibt es eine wunderschöne Bucht nach der nächsten; zum Glück habe ich meine Badesachen eingepackt. Gleich bei der ersten steige ich aus und klettere das kleine steile Stück Steinküste hinunter. Unten sind bereits ein paar wenige Menschen, die ihre Badetücher auf den Felsen ausgebreitet haben. Es ist zwar kein gemütlicher Sandstrand, aber das Wasser ist dadurch umso klarer. Man kann bis auf den Grund gucken. 

Dieses Buchten-Hopping wiederhole ich einige Male. Ich springe ins Wasser, schwimme ein paar Runden, lese ein Buch und mittags breite ich mein Picknick im Schatten aus. 

Zum Glück hab’ ich mich verfahren 

Zum Abendessen möchte ich gerne in das Bergdorf Valdemossa, aber zunächst genieße ich meinen Weg am Meer entlang, der mich weiter durch malerische kleine Fischerdörfer führt. Mit meinem Kleinwagen schlängele ich mich durch enge Serpentinen. Manchmal verjüngt sich die Straße zu nur noch einer Spur und es ist ein bisschen wie beim Glücksspiel: Soll ich einfach drauf losfahren oder warte ich lieber noch ein bisschen, ob ein entgegenkommendes Auto kommt? Die Straße wird immer enger und nur, weil ich mich so stark konzentrieren muss bei den Serpentinen, wird mir nicht schlecht. 

Die Straße wird immer enger und nur, weil ich mich so stark konzentrieren muss bei den Serpentinen, wird mir nicht schlecht. 

Irgendwann schwant mir nichts Gutes. Ich scheine irgendwo falsch abgebogen zu sein. Offenbar bin ich eine halbe Stunde Umweg gefahren. Nun stehe ich hier in einem Mini-Küsten-Örtchen in einer Sackgasse. Das Dorf ist so klein, dass es sogar schwer ist, überhaupt einen Parkplatz zu finden. Offensichtlich reisen die Menschen hier normalerweise mit ihren Booten an, denn der kleine Hafen ist komplett überfüllt. Eine weise Entscheidung, wenn ich an die engen Serpentinen zurückdenke. Mittlerweile weiß ich auch, was mich hierhin geführt hat: ein Irrglaube. Ich befinde mich nicht in dem Bergdorf Valdemossa, sondern in Port de Valdemossa. 

Sei es drum. Hier gibt es zwei hübsche kleine Restaurants und ich verlege mein im Bergdorf geplantes Abendessen einfach hierher ans Meer. So schnuckelig und klein die beiden Restaurants auch sind, die Auswahl an Speisen ist riesig und nur wenige Augenblicke später steht eine gigantische Paella vor mir auf dem Tisch. 

Zum Glück ist es nach dem Abendessen noch hell, denn die Strecke im Dunkeln zu fahren, wäre wirklich zu abenteuerlich gewesen. Ich schaffe es heil wieder nach oben und fahre auf dem Weg zurück nach Palma durch Valdemossa. Es ist ein wirklich hübsches Bergdorf, aber abenteuerlicher ist der Abstecher zum gleichnamigen Küstenort allemal. 

Zwischen Felsriesen wandern 

Als ich am nächsten Morgen ins Auto steige, weiß ich direkt, dass mein heutiger Tag nicht weniger spannend. Vielleicht weniger kurvenreich, aber sicher nicht weniger aufregend. Eine gute Stunde nördlich von Palma liegt der Torrent des Pareis. Torrent heißt Sturzbach und der frisst sich oben an der Nordwestküste von Mallorca durch eine Schlucht. Das hört sich dramatischer an als es ist, denn der Bach hat nicht immer Wasser, so dass man ganz fantastisch zwischen den hohen Felsen durch die Natur wandern kann. 

Auf der Bundesstraße Ma-11 fahre ich nach Sa Calobra, welches der Ausgangspunkt für eine Wanderung zur Schlucht ist. Die Strecke ist wunderschön. Mein kleiner Wagen schnauft an einigen Stellen die Berge hoch, aber ich bin mir sicher, oben angekommen genießt er die weite Aussicht auf das Meer genauso wie ich. Wenn ich gerade noch gedacht habe, dass die Strecke heute weniger kurvenreich wird, habe ich mich getäuscht. Es ist ein einziges auf und ab, Linkskurve, Rechtskurve; nichts für einen schwachen Magen. Die Serpentinenstrecke ist 14 Kilometer lang und hat eine Höhendifferenz von 800 Metern. 

Am Ende der Straße befindet sich ein Parkplatz. Ich schnüre meine Wanderschuhe und werfe meinen Rucksack auf den Rücken. Ich gehe durch zwei kleine Tunnel und gelange an einen, durch die hohen Felsen windgeschützten Kieselstrand, auf dem sich auch jetzt in der Mittagshitze ein paar Sonnenanbeter räkeln. 

Erfahrene Wanderer können eine Kletterwanderung durch die Schlucht machen, für die man, je nach Kondition, vier bis sechs Stunden braucht. Neben kleinen Steinhaufen und ausgeblichenen Pfeilen, säumen eine Vielzahl von Warnschildern den Weg. Das ist mir zu abenteuerlich. Ich gehe einfach hier an der Bucht in die Schlucht hinein und spaziere im Schatten der Felsen eine Weile am ausgetrockneten Bach entlang, bis ich schließlich kehrt mache, um auch noch schnell in der Bucht ins Wasser zu springen. 

Das Künstlerdorf Deià

Von Sa Calobra aus fahre ich die Küste nach Westen entlang. Nach ungefähr anderthalb Stunden Fahrt erreiche ich Deià, das eines der hinreißendsten und niedlichsten Örtchen ist, die ich je gesehen habe. Seine ockerfarbenen Steinhäuser liegen fast alle an Berghängen. Zwischen ihnen ragen meterhohe Zypressen empor. Riesige Rhododendron-Büsche sorgen für lilane Farbtupfer. Überall riecht es nach Lavendel. 

Im Jahre 1932 zog der britische Schriftsteller und Poet Robert von Ranke-Graves nach Deià. Ihm folgten im Laufe der Zeit weitere Literaten, Musiker, Maler und Schauspieler. Das romantische Bergdorf entwickelte sich zu einer Künstlerkolonie. 

Ich fühle mich hier sofort wohl. Alles ist so wunderbar entspannt. Ich suche mir ein kleines Restaurant, wo ich zu Abend esse und mir einen Wein gönne. Mehr nicht, denn ich bin mir nun fast sicher, dass irgendwo wieder Serpentinen lauern 
werden. 

Ballermann – alle ballaballa!

Nach Klippenspringen und Kiesstränden (ich glaube, ich habe die empfindlichsten Füße der Welt) muss ich zugeben, dass ich nun doch Lust auf ein paar Stunden faul am Sandstrand rumliegen habe. Und weil ich noch gar nicht im Osten der Insel war, fahre ich für mein Sonnenbad nach Cala Mondrago. 

Auf dem Weg dorthin, gebe ich einem spontanen Impuls nach, kurz am Ballermann zu halten. So früh morgens ist es hier noch idyllisch. Die Massen scheinen noch ihren Rausch auszuschlafen. Ich kann mir kaum ausmalen, wie es hier zugeht, wenn die Strandliegen, die hier wie Sardinen in einer Dose aufgereiht im Sand liegen, alle belegt sind. Ich hüpfe lieber schnell wieder in mein Auto. Es ist ein wahnsinnig heißer Tag, so dass ich kaum das schwarze Lenkrad anfassen kann. 

Ballermann
So früh am Morgen habe ich den Ballermann noch fast für mich allein. Foto: Landmeedchen

Noch bevor ich die Chance bekomme, kühlen Fahrtwind ins Auto wehen zu lassen, werde ich an einem Zebrastreifen von eine Gruppe junger Männer gestoppt. Offenbar haben sie es noch nicht nach Hause geschafft. Einer von ihnen eilt auf die Straße und stellt sich mitten drauf. Ich halte an. Er trägt eine Spaßbrille mit Penis als Nase. Ich verdrehe die Augen und versuche, ruhig zu bleiben. Lächeln und winken, einfach lächeln und winken. Bloß weg hier!

Strand, Meer und eine Menge Salz

Als ich in Cala Mondrago ankomme, atme ich erstmal tief durch. Obwohl Hochsaison ist, ist der Strand nicht überfüllt. Ich suche mir ein lauschiges Plätzchen weiter hinten im Schatten der Pinien, wo ich meine Sachen deponiere und sogleich ins glasklare Wasser springe. Nach dem morgendlichen Schock brauche ich die Abkühlung. Mein weiterer Tag besteht aus einem Kreislauf von dösen, lesen, snacken und planschen.  

Auf dem Rückweg nach Palma mache ich einen kleinen Abstecher zu den Salinas de Llevant. Als ich von der Hauptstraße abbiege, sehe ich schon einen riesigen weißen Haufen Salz in der Sonne glitzern. Jährlich werden hier 8.000 Tonnen Speisesalz gewonnen. Die Saline ist Teil des Feuchtlands von Es Solobrar. Am Eingang befindet sich ein kleiner Laden, vor dem ich halte, um ein paar Mitbringsel zu kaufen.

Der Flohmarkt in Consell

Mein Flieger nach Hause geht erst am Abend, so dass ich heute noch eine Ausflug nach Consell machen kann. Der Ort liegt etwa eine halbe Stunde nordöstlich von Palma. Sonntags findet hier der größte Flohmarkt der Insel statt. Bis vor wenigen Jahren war Flohmarkt noch gar kein Thema auf Mallorca, bis ein australischer Bursche den Markt hier in Consell ins Leben rief. Inzwischen beleben Hunderte von Ständen wöchentlich das Industriegebiet mit ihren lebendigen Farben. Ich schlendere von einem Marktstand zum anderen und kaufe noch ein paar Souvenirs. 

Mallorca – du hast mein Herz erobert

Als ich am späten Nachmittag den Mietwagen abgebe, einchecke und am Gate auf meinen Flieger nach Hause warte, blicke ich lächelnd auf die letzten Tage zurück. Es tut mir fast leid, wie viele Vorurteile ich Mallorca gegenüber hatte, 
denn tatsächlich ist die Insel unglaublich vielseitig. Weiße Strände, einsame Buchten, romantische Bergdörfer, abenteuerliche Wanderwege; es gibt hier einfach alles. Und ich komme bestimmt wieder!

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
Die Autorin
Evelyn träumte schon als Landkind von der großen weiten Welt. Sie wollte sie bereisen, Geschichten sammeln und den Menschen davon erzählen. 2012 begann sie ihren Blog Landmeedchen ... mehr
#Trending
Zur
Startseite