Wir sind eine typische Großstadtfamilie. Mama, Papa und zwei Kinder. Natur vertragen wir nur gut dosiert. Und echte Kräuter kennen wir höchstens vom Balkon, aus Opas Garten oder dem heimischen Tiefkühlfach. Dabei soll sie ja so wunderbar sein, diese Natur. Ein echtes Wundermittel für kleine Rabauken. Nirgendwo sonst soll das so wichtige Urvertrauen besser ausgebildet werden können als dort: draußen, in der Natur. Also rauf auf den Berg und rein ins Abenteuer.

Naturpark Nagelfluhkette: Die Welt der Wildkräuter

Petra Natterer kam 1982 auf den Allgäuer Berghof in Gunzesried. „Die Petra war meine Kinderfrau“, erzählt Christian Neusch, der das Familienhotel bereits in vierter Generation führt. Inzwischen ist der Chef selbst Vater von drei Kindern. Natterer ist trotzdem geblieben. Die gebürtige Allgäuerin leitet die Kinderbetreuung, das Herzstück des Hotels. „Und auf mich passt sie auch bis heute noch auf“, sagt Neusch. Petra Natterer versteht sich aber nicht nur mit Kindern, auch in der Welt der Wildkräuter kennt sie sich aus. In den Sommermonaten leitet sie Kräuterwanderungen durch den Naturpark Nagelfluhkette, der sich am Fuße des Berghofs erstreckt. Und macht dabei sogar lauffaulen Kindern richtig Beine. „Keine Blumen unterwegs pflücken. Einige stehen unter Naturschutz und bis wir zurück sind, wären sie sowieso verblüht. Damit ist keinem geholfen“, klärt sie auf, bevor es losgeht über Stock und Stein. 

Der Blick von oben in die Täler ist atemberaubend und erdet einen in Sekundenschnelle. Hier ist die Großstadt ganz fern. Die Lust auf Natur dafür ganz nah. Wir biegen links ab von der sporadisch befahrenen Straße, rein in ein Waldstück, das uns Eltern sofort an die Ronja-Räubertochter-Wälder erinnert. Dichtes Moos und nasser Waldboden unten, die Spitzen meterhoher Nadelgehölze über unseren Köpfen. Die Kinder balancieren auf rutschigen Baumstämmen, sammeln Stöcke, Blätter, beobachten ausdauernd Käfer. Hinter dem Wald stehen wir in Petra Natterers Revier: Eine Wiese reiht sich an die nächste. Dahinter thronen majestätisch die Alpen. Doch Natterer hat nicht den Gipfel im Visier. Was sie sucht, findet sie hier am Wegesrand: Kräuter. 

Johanniskraut, Blutwurz, Rotklee und Löwenzahn

Sie hält plötzlich an. Die Kinder scharen sich um sie, hängen an ihren Lippen. Vorsichtig zupft sie eine gelbe Blüte ab. „Johanniskraut ist das. Dessen Saft geht zwar nicht mehr aus der Kleidung, hilft aber bei Herzproblemen und Nervenleiden“, erklärt sie. Die Kräuterexpertin greift zur nächsten Pflanze: Blutwurz. „Ein Schluck Blutwurzschnaps und die Magenbeschwerden sind weg. Bei Kindern hilft die Pflanze übrigens gegen Magen-Darm. Den Schnaps sollte man ihnen aber besser nicht geben.“ Vom Rotklee, der daneben im Gras steht, esse sie jeden Tag eine Blüte. „Dadurch habe ich absolut keine Wechseljahresbeschwerden.“

Schon als kleines Kind interessierte sich die Allgäuerin für Kräuter. „Das liegt einfach in meinen Genen.“ Dabei dachte sie früher noch, Löwenzahn sei „sehr giftig“. Natterer: „Meine Mama sagte uns, dass wir die Milch des Löwenzahns niemals anfassen dürfen. Ich habe das ganz schön lange für bare Münze gehalten. Heute weiß ich, sie hatte nur Angst vor Flecken auf unserer Kleidung.“ Dass Löwenzahn vielmehr den Körper reinigt, lernte Petra Natterer in einer einjährigen Wildkräuterausbildung. 

Sie schwört auf ihre Kräuter, weiß um ihre Kraft. In ihren Führungen will sie dieses Wissen an Erwachsene und Kinder weitergeben – und liegt damit voll im Öko-Bio-Gesund-Trend. „Sogar mein dreijähriger Enkel erkennt schon Arnika“, erzählt sie stolz. „Wir haben diese ganzen tollen Kräuter direkt vor der Haustür, da wäre es doch dumm, sie nicht zu nutzen.“ Also ausschließlich Kräuter vom Wegesrand nutzen, statt im überfülltem Wartezimmer auf den Termin beim Arzt zu warten? „Ich will die Schulmedizin nicht verteufeln. Doch wenn es im Bauch zwickt, muss ich nicht zum Arzt rennen, da greife ich zu meinen Kräutern. Wenn mein Bein aber gebrochen ist, dann hilft da auch kein Kraut“, spricht die Expertin und läuft auch schon weiter zum nächsten Alpenkraut.

Zum Alpenurlaub gehört zünftige Musik, so wie sie diese Dreierkombo beherrscht.
Zum Alpenurlaub gehört zünftige Musik, so wie sie diese Dreierkombo beherrscht. Foto: Britta Lüers

Anreise, Reisezeit und Unterkunft

Anreise
Nach Gunzesried kommen Autofahrer, die auf der A 7 in Kempten abfahren und dann auf der B 19 die Fahrt fortsetzen (Ausfahrt Blaichach) und kurz nach Blaichach abbiegen. Bahnreisende fahren nach Immenstadt oder Sonthofen und von dort weiter mit dem Taxi. Der nächstgelegen Flughafen ist der Allgäu Airport in Memmingen. 

Beste Reisezeit
Ein Urlaub im Allgäu lohnt sich das ganze Jahr über. Im Sommer kann man ausgedehnte Wanderungen unternehmen, im Winter Ski fahren. 

Unterkunft
Das inhabergeführte Familienhotel Allgäuer Berghof liegt auf 1.200 Metern Höhe – und hat damit die perfekte Lage für richtig viel Entspannung. Eine Woche im Herbst für zwei Erwachsene und ein Kind kostet rund 2.200 Euro. Der Allgäuer Berghof gehört zum Hotelverbund Familotel, das aktuell 54 Hotels in Deutschland, Österreich, Italien, Ungarn und der Schweiz umfasst.