Italien: Tischgemeinschaft in der Toskana

Immer mehr Italien-Reisende entscheiden sich für einen Aufenthalt in einem Agriturismo. Nicht selten fühlen sie sich bei dieser italienischen Art von „Ferien auf dem Bauernhof“ wie in einer Familie aufgenommen.

Toskana wie im Bilderbuch: Von der Terrasse fällt der weite Blick über die typisch hügelige Landschaft ins  Arnotal.
Toskana wie im Bilderbuch: Von der Terrasse fällt der weite Blick über die typisch hügelige Landschaft ins Arnotal.

Foto: Birgit

Die Weingläser stehen bereit, das Besteck ist ebenfalls eingedeckt. Ein klares Signal für die ersten Gäste, schon mal an der langen Tafel, die vor dem Gutshaus aufgebaut ist, Platz zu nehmen. Im Minutentakt folgen die anderen Urlauber ihrem Beispiel. Denn gegessen wird abends pünktlich im „Podere Picciolo“ – und immer gemeinsam. 

Als Grazia mit den ersten Pastatellern aus der Küche erscheint, ist der Wein längst eingeschenkt und die Erlebnisse des Tages sind ausgetauscht: Die Familie aus München hat heute mit den beiden Töchtern einen Streifzug durch die zahlreichen Designer-Outlets in der Umgebung unternommen. Die vier Sachsen waren wie fast jeden Tag auf Schlössertour. Das erst gestern spätabends angereiste italienische Paar hat eine ausgiebige Wanderung eingelegt, und die beiden Norddeutschen haben die Stunden am Pool verbracht. 

Schlemmen im Agriturismo-Betrieb

Nach dem vierten köstlichen Menügang ist die Stimmung heiter und gelöst. Leonarda und Lorenzo aus Padua, die auf Durchreise für nur zwei Tage in dem kleinen Agriturismo-Betrieb Station machen, sind längst in die Tischgemeinschaft integriert und diskutieren gestenreich mit ihren Mitessern. Dass sie kein Wort Deutsch sprechen und die anderen kein Wort Italienisch, ist dabei völlig unerheblich. 

Das gesellige und je nach Gästeherkunft oft internationale Beisammensein bei den Mahlzeiten gehört zum Konzept im „Podere Picciolo“, einem kleinen Agriturismo in San Donato bei Reggello hoch über dem Arnotal in der Toskana. Dieses Konzept hat durchaus seinen Reiz: An der langen Tafel fühlen sich auch Neuankömmlinge sofort herzlich aufgenommen. Und ganz gleich, woher die Gäste kommen, wie alt sie sind und welch unterschiedliche Berufe sie daheim auch ausüben mögen – hier kommen sie schnell und unkompliziert ins Gespräch. Das liegt an den Gastgebern Riccardo und Grazia Busso, die ihren Besuchern das Gefühl vermitteln, Teil der Familie zu sein – und an Grazias Kochkünsten.

Fröhliche Tischgemeinschaft: Wenn die Gäste  nach ihren Ausflügen in der Umgebung zur abendlichen Mahlzeit eintrudeln, gibt es viel zu erzählen.
Fröhliche Tischgemeinschaft: Wenn die Gäste nach ihren Ausflügen in der Umgebung zur abendlichen Mahlzeit eintrudeln, gibt es viel zu erzählen. Foto: Birgit Jungke

Die 55-jährige Italienerin, die einst in der PR-Branche tätig war, liebt es, ihre Gäste kulinarisch mit bodenständiger toskanischer Küche zu verwöhnen. Dafür steht sie schon frühmorgens in der Küche, backt Brot, knetet Pasta, kocht die dazu passende Tomatensoße ein, füllt den Kaninchenbraten oder setzt den Limoncello, den typischen süß-fruchtigen Zitronenlikör dieser Gegend, an. Fast alle Zutaten stammen aus dem heimischen Garten.

Direkt hinter dem großen Pool mit dem grandiosen Ausblick ins Tal gedeihen auf zehn Hektar Auberginen und Tomaten, Zucchini und Zwiebeln, Beeren, Feigen, zahllose Kräuter und Salat. Und dann sind da noch die mehr als 800 Olivenbäume, deren Öl in bester Bioqualität die Speisen verfeinert. Es ist Grazias Anspruch, die Lebensmittel nach ursprünglicher Handwerks- und Kochkunst auf höchstem Niveau zuzubereiten und ein besonderes Geschmackserlebnis zu schaffen. 

Rund 2500 Agriturismo-Betriebe gibt es in der ländlich geprägten Gegend der Toskana. Sie bieten „Urlaub auf dem Bauernhof auf italienische Art“ und richten sich an Gäste, die in den Ferien ein persönliches Umfeld der Anonymität eines Hotels vorziehen. Die Idee wurde Mitte der Sechzigerjahre geboren, um der drohenden Entvölkerung auf dem Land entgegenzuwirken. Zunehmend wurde sie auch ein Erfolgsmodell für junge Leute, die einst der Heimat den Rücken kehrten und die nun wieder im Einklang mit der Natur leben wollen.

Das „Podere Picciolo“ ist ein Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert. Es liegt etwas abseits des kleinen Örtchens San Donato in Fronzano, das zur Gemeinde Reggello gehört.
Das „Podere Picciolo“ ist ein Herrenhaus aus dem 16. Jahrhundert. Es liegt etwas abseits des kleinen Örtchens San Donato in Fronzano, das zur Gemeinde Reggello gehört. Foto: Birgit Jungke

Das „Podere Picciolo“ kann sich mit der Höchstzahl von drei Ähren schmücken. Das Herrenhaus aus dem Jahr 1563 hat sechs mit antiken Möbeln und viel Liebe zum Detail eingerichtete Zimmer im toskanischen Stil. Mit dem Erwerb des Hauses haben sich die Bussos einen Lebenstraum erfüllt. Das Paar, das aus der angrenzenden Emilia-Romagna stammt und mehr als 30 Jahre in Köln gelebt hat, hat in Rekordzeit und mit vielen fleißigen Helfern das einst arg renovierungsbedürftige Haus in ein Kleinod verwandelt.

Tür an Tür mit Sting, Gucci oder auch Prinz Charles

Es waren die herrliche Lage und die wunderbare Aussicht, die den neuen Hausherrn zum Spontankauf des Anwesens verleitete. Inmitten der Natur, aber nur eine knappe Autostunde von so attraktiven Zielen wie den kulturträchtigen Städten Florenz, Siena oder Arezzo entfernt – diese Vorteile wissen auch die international prominenten Nachbarn zu schätzen, die hier in der Gegend ein Domizil haben: Rockstar Sting besitzt eine Villa in Dudda auf dem Weg in Richtung Chianti, die Gucci-Familie wohnt in den Sommermonaten gleich um die Ecke in Cappello und die Trussardis haben die zehn Kilometer entfernt liegende Villa des Herzogs von Aosta gekauft. Prinz Charles besitzt hier zwar kein eigenes Domizil, hat aber auf Schloss Nipozzano in Pelago, rund 20 Fahrtminuten entfernt, mit seiner Frau Camilla seine Flitterwochen verbracht. Das Schloss gehört der berühmten Winzerdynastie Frescobaldi, die weitläufig mit dem britischen Königshaus verwandt ist. 

Burgen, Herrenhäuser und Schlösser, die es zu besichtigen lohnt, gibt es hier im nordöstlichen Teil der Toskana viele, einige von ihnen wie das Castello del Trebbio bieten geführte Weinverkostungen an. Das Castello di Sammezzano in Regello, inmitten eines riesigen Schlossparks gelegen, wird mitunter sogar als das „Neuschwanstein der Toskana“ bezeichnet. Oder die Benediktinerabtei von Vallombrosa: Das Kloster liegt im Herzen eines großen Waldgebietes in Acquabella bei Reggello – in 1.000 Metern Höhe sorgt ein Streifzug durch die großzügige Anlage gerade im Hochsommer für angenehme Abkühlung.

Die Familie aus Sachsen hat sie natürlich alle längst besichtigt: Silke und Andreas nebst Schwiegermutter Ulla und deren Freundin Maxi sind schließlich bereits zum neunten Mal bei Grazia und Riccardo zu Gast. Längst hat sich zwischen den Chemnitzern und den Gastgebern eine tiefe Freundschaft entwickelt. Natürlich kann man sich hier rundum verwöhnen lassen – aber die Stammgäste machen gern kleine Hilfsangebote – vom Grillen bis zum Kräuterpflücken. Als „ältestes Familienmitglied“ der Runde hat der Chemnitzer Andreas ein Privileg, das die anderen Gäste zu schätzen wissen: Wenn Grazia und Riccardo sich am späten Abend schon zurückgezogen haben, weiß er, wo im Vorrat der Weinnachschub steht, und darf sich daran bedienen.

Toskana: Tipps zur Anreise und Unterkunft 

Anreise
Wer nicht mit dem eigenen Auto anreist, aber flexibel sein will, ist mit Flug und Mietwagen gut beraten, denn die Unterkünfte befinden sich oft in Alleinlage. Günstige Flüge zum Beispiel mit Eurowings gibt es nach Florenz, Pisa oder Bologna, Mietwagenstationen befinden sich an den Flughäfen.
Das Agriturismo „Podere Picciolo“ liegt in der kleinen Ortschaft San Donato in Frinzano in der Gemeinde Reggello im Herzen der Toskana. Florenz, Siena, Arezzo und das Chiantigebiet sind mit dem Auto oder der Bahn schnell zu erreichen. 

Unterkünfte
Agriturismo-Betriebe gibt es in ganz Italien, fast jede Provinz bietet Urlaubsmöglichkeiten dieser Art. Viele italienische Agriturismi befinden sich in liebevoll restaurierten Landhäusern aus früheren Jahrhunderten. Die eher ländlich gelegenen und familiär geführten Unterkünfte bieten verschiedene Verpflegungsmöglichkeiten. 
Eine Übernachtung mit Frühstück im „Podere Picciolo“ ist ab 41 Euro pro Person buchbar, Halbpension (Vier-Gang-Abendmenü) kostet 26 Euro zusätzlich. Für größere Gruppen kann das Landhaus auch komplett wöchentlich gemietet werden. Auf Anfrage werden auch Kochkurse oder Weinverkostungen organisiert. 

Weitere Informationen
Broschüren über die jeweiligen Regionen können bei der Italienischen Zentrale für Tourismus ENIT unter Telefon 069/237434 angefordert werden.

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Die Autorin
Birgit Jungke, Redakteurin, schreibt seit nunmehr fast zwei Jahrzehnten leidenschaftlich gerne Reportagen für den Reiseteil. Lieblingsziel? Kein bestimmtes - es kommt ganz auf die ... mehr
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