Rund zehn Kilometer und 730 Höhenmeter liegen vor mir, verteilt auf schier unzählige Serpentinen. Aber es hilft nichts – ich bin hinunter gefahren, jetzt muss ich auch wieder hoch. Eine Alternative gibt es nicht. Der Weg ist in diesem Winkel Mallorcas sprichwörtlich das Ziel. Denn die Bucht von Port de Sa Calobra ist völlig unspektakulär: ein paar Häuschen, ein paar Bäume – sonst nichts.

Und zur nahe gelegenen beliebten Badestelle, dem Torrent de Pareis, gelangt man mit dem Fahrrad nicht. Aber dieser Weg! Atemberaubend windet sich die Straße die steilen Hänge hinauf, mal in scharfen Kurven, mal in langgezogenen Geraden, mal durch schroffen Fels, dann durch Pinienwäldchen. Gebaut wurde sie unter dem damaligen spanischen Diktator Franco. Wozu, weiß niemand so genau.

110.000 Radsportfans kommen jährlich

Die Straße hat im Schnitt zehn Prozent Steigung, eine giftige Kehre nach der anderen zermürbt meine Moral. Bei 600 Höhenmetern kommt die sogenannte Krawattenkurve – die Straße schlingt sich an dieser Stelle einmal um sich selbst. Schließlich ist der höchste Punkt erreicht.

Angaben der Inselregierung zufolge suchen jährlich rund 110.000 Radsportbegeisterte die sportliche Herausforderung auf Mallorca. Marcel Iseli, Sportdirektor bei Huerzeler Bicycle Holidays, geht sogar davon aus, dass es deutlich mehr sind. Das Schweizer Unternehmen ist der Platzhirsch in Sachen Radfahren auf Mallorca und betreibt allein elf Stationen, die über die verschiedenen Küstenabschnitte verteilt sind. Mehr als 5.000 Räder hat der Anbieter im Verleih.

Mallorcas Straßen waren lange miserabel

Das Radeln hat auf Mallorca in den vergangenen Jahren einen enormen Boom erfahren. Ende der 1980er-Jahre schien das noch undenkbar: „Damals waren viele Straßen in einem miserablen Zustand“, erzählt Iseli. Der ehemalige Schweizer Radprofi Max Hürzeler brachte dennoch die ersten Radsportgäste auf die Insel. Die Nachfrage stieg deutlich, sodass die Inselregierung reagierte und nach und nach das Straßennetz ausbaute. Im Radsport auf der Insel steckt großes wirtschaftliches Potenzial: Dadurch verlängert sich die Saison im Winter, Frühjahr und Herbst für einige Hotels um mehrere Monate, viele Arbeitskräfte können länger beschäftigt werden, Restaurants und Cafés profitieren ebenfalls. 

„Im Januar und Februar kommen die Profis, die hier ihre Form holen für die Frühjahrsklassiker“, erzählt Iseli. Sie werden abgelöst von ambitionierten Hobbysportlern, die für Wettkämpfe im Frühsommer trainieren. Ab Mai seien eher gesundheitsbewusste Radler unterwegs – und Wintersportler, sagt der Sportdirektor: „Ob Alpinski, Biathlon oder Langlauf – mehrere Nationalmannschaften legen dann auf dem Rad Grundlagen für die kommende Wintersaison.“

Ideales Radfahrwetter auch im Winter

Im Juli und August ist es auf Mallorca zu heiß, um sportlich Rad zu fahren. Doch auch in dieser Zeit leihen sich immer mehr Badeurlauber Räder, um Ausflüge damit zu unternehmen. In den übrigen Monaten sind die Bedingungen meist hervorragend: Selbst im Winter ist es warm genug zum Radfahren, früh beginnt die Blütezeit, bereits im Februar reifen Zitrusfrüchte an den Bäumen. Ein weiterer Vorteil der Nebensaison: Die Insel ist nicht so überlaufen – vor allem in den Urlauberorten herrscht Ruhe, die weitläufigen Strände sind menschenleer, vor den beliebten Ausflugszielen stauen sich keine Reisebusse.
 
Zumindest auf den Nebenstrecken herrscht dann auch wenig Verkehr. Die meisten Straßen sind gut ausgebaut, manche verfügen über separate Radfahrstreifen, und immer mehr Fahrradrouten werden ausgeschildert. Auf beliebten Strecken weisen Schilder darauf hin, dass hier auch in Zweierreihe gefahren werden darf. Hinzu kommt, dass das Radfahren von den sportbegeisterten Spaniern respektiert wird. Inzwischen sind sogar viele Mallorquiner selbst mit dem Zweirad unterwegs.
 
Radfahrern steht auf Mallorca ein Straßen- und Wegenetz zur Verfügung, das Hunderte von Kilometern umfasst – von flachen Passagen über welliges Profil bis hin zu steilen Bergpässen. Mountainbiker sind vor allem auf alten Pilgerpfaden unterwegs. In der Ebene müssen die Radler oft gegen den starken Wind ankämpfen, im Gebirge kann es auch im späten Frühjahr noch empfindlich kalt werden. Wer das ständige Auf- und Ab sucht, ist im Westen der Insel gut aufgehoben. Wer lieber weniger anspruchsvolle Routen wählt, sollte sich für einen Standort im Süden entscheiden. Die Bucht von Alcudia im Nordosten ist ein guter Ausgangspunkt sowohl für hügelige als auch für bergige Touren.

Beliebtes Etappenziel: das Cap de Formentor

Beliebte Routen führen durchs grüne Inselinnere, vorbei an großen Fincas, Plantagen, Schafherden und malerisch auf kleinen Anhöhen gelegenen Städtchen. Auch die Südostküste mit ihren vielen Buchten bietet große Abwechslung. Wer das Cap de Formentor im Nordosten ansteuert, genießt dort ebenso atemberaubende Ausblicke auf die zerklüftete Küste mit ihren Schluchten und das türkisblaue Meer wie im Tramuntana-Gebirge, das sich einmal von Nordosten bis Südwesten zieht. Die Landschaft dort ist rau und karg, etliche Steigungen verlangen der Kondition alles ab. Trotzdem: Die Königsetappe, der sogenannte Küstenklassiker, der fast durchs gesamte Gebirge führt, ist für die meisten sportlichen Radler Pflicht.
 
Mallorca kannst du gut auf eigene Faust erkunden. Allein bist du als Radfahrer auf Mallorcas Straßen allerdings fast nie: Immer wieder triffst du auf kleinere und größere Grüppchen. Sogar Handbiker sind unterwegs. Viele Radler schließen sich einem Guide an. Diese gehören zu einem der Anbieter, die das Rundum-sorglos-Paket im Programm haben: vom Flug über das Hotel und die Werkstatt bis zum Fachvortrag.
 
Wer in der Gruppe mitrollt, muss selten im Wind fahren, nicht auf den Weg achten und kann entspannt mit seinem Nebenmann plaudern. Die Guides kennen außerdem die besten Routen und Einkehrmöglichkeiten. Der Nachteil am Gruppenfahren ist jedoch, dass du meist auf das Hinterrad seines Vordermanns starrst. Von der Landschaft bekommst du dann wenig mit. Den Küstenklassiker bin ich deshalb wieder allein gefahren – 4.400 Höhenmeter und 150 Kilometer in gut sechs Stunden. Und falls mich jemand fragen sollte, warum ich mir das antue: Weil es tatsächlich Spaß macht!

Mallorca-Challenge für Profis

Viele Anbieter von Radreisen offerieren spezielle Events auf Mallorca: So werden im Hotel Playa de Muro in der Bucht von Alcudia Triathlon-Trainingscamps durchgeführt – unter anderem mit prominenten Sportlern wie dem mehrfachen Ironman-Gewinner Lothar Leder. Veranstalter sind Huerzeler Bicycle Holidays und das Fachmagazin Roadbike. Regelmäßig werden auf Mallorca auch Firmenveranstaltungen und Fortbildungen organisiert, die Radfahren im Programm haben.
 
Außerdem gibt es auf der Insel im Laufe des Jahres viele sportliche Highlights für Radfahrer: Die Mallorca-Challenge im Januar lockt jedes Jahr Profis und radsportbegeisterte Zuschauer an. Beim Sigma-Roadbike Festival im April können Interessierte neuestes Material testen, Ausfahrten mit Promis unternehmen und an Workshops teilnehmen. Ende April wird das Jedermann-Rennen „Mallorca 312“ ausgetragen. Und wem die 312-Kilometer-Distanz noch zu kurz ist, der kann im Frühjahr 2017 an der „Tortour“ teilnehmen: Dann geht‘s nonstop über 500 Kilometer – die können allerdings auch auf zwei oder drei Fahrer eines Teams aufgeteilt werden.