Sie wird doch nicht – oh mein Gott sie macht es wirklich. Die Schneiderin von Kimmy Custom Tailor misst gerade wirklich den Abstand meiner Brustwarzen. Ich schaue runter, schaue wieder hoch, lächle meinem kreislaufgeschwächten Spiegelbild zu und fahre zusammen – noch ein Mückenstich. Während ich mich schüttle, fängt die junge Schneiderin das Tier und entschuldigt sich umständlich. Nicht so tragisch, sage ich. Leiden für die Schönheit.

Ich bin in Hoi An, bekannt als Stadt der Lampions, der Backpacker, für das Nudelgericht Cao Lau und als Schneiderstadt Vietnams. Alle Klischees sind wahr und das ist schön. Die Menschen Hoi Ans haben das beste aus dem Tourismus gemacht: Sie haben den Ort verschönert. Über den zentralen Straßen hängen Lampions, das Essen ist lecker und sicher, die Toiletten sauber, die Preise okay.

Ganze Straßenzüge lang reihen sich Schneider an Schneider. Hier Sommerkleider, dort Abendroben, Taschen, Schuhe, Anzüge, Röcke. Klassisch schwarz, mit Nadelstreifen, bunt-verrückt mit großen Blumen. Ja, auch Hawaii-Hemden gibt’s hier maßgeschneidert.

 

Lunar New Years is right around the corner! Come join us and celebrate the new beginning! #hoian #vietnam #clothing #tailor

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Unsere Wünsche sind bescheidener: Mein Freund braucht einen Anzug, Schuhe und zwei Hemden, ich einen warmen Winterblazer. Die Rangliste verschiebt sich immer mal, als wir da sind, liegt Kimmy Custom Tailor auf Platz eins bei Tripadvisor. Wir testen das mal – und machen große Augen.

Der Laden ist gerammelt voll. Rund um einen L-förmigen Verkaufsraum bedecken Regale aus dunklem Holz die Wände, es riecht dezent nach Yasmin und Touristenschweiß, die Klimaanlage lässt mich frösteln. In den Regalen: Stoffe, vom Boden bis zur Decke. Stoffe mit Blumenmuster und Ornamenten neben den Flügeltüren im Eingang, dann
starke Farben, hinten eine Wand mit Schwarz-Tönen, dicken Nadelstreifen und dünnen.

An einem Fenster steht eine Holzpuppe mit umgedrehtem Anzug, die Nähte schon eingezeichnet. Über den Schultern hängen Maßbänder.

 

The hard working team at Kimmy's #kimmycustomtailor

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Die Schneiderinnen tragen rosafarbene Ao Dai, die der Verkäuferinnen sind in Türkis gehalten. Die Verkäufer tragen Anzüge, die sie auch als Muster für die eigenen Wünsche zeigen. Einzig die Chef-Schneiderin hat sich einen schwarzen Rollkragen-Pullover übergezogen, er sitzt wie aufgemalt. Jeder hier spricht fließend Englisch. Im Raum stehen Tische und Bänke, daran sitzen Menschen, viele Menschen in kurzen Hosen, Wandersandalen und Sonnenbrand. Und alle starren auf iPads. Tradition und Moderne treffen sich für mehr Effizienz.

Auf den iPads zeigen die Verkäufer gängige Schnitte. Alle haben Internet-Zugang, wir sind eingeladen, ein fremdes Design rauszusuchen, die Schneider von Hoi An würden es für uns kopieren. Darauf verzichten wir, zu groß ist das Problem der billigen Plagiate. Stattdessen entscheiden wir uns für eigene Modelle von Kimmy Tailor.

 

Es folgen: vier dicke Kataloge mit Stoffmustern. Sie sind nur etwas größer als meine Hand, das macht es mir schwer, die Optik zu bewerten. Mit einer kleinen Vorauswahl können wir uns die meisten Stoffe direkt am Körper anhalten. Für Jackets, Smokings und Blazer geht das sogar mit angelegtem Revers. Aufmarsch der Maßbänder, wir werden vermessen. Von Kopf bis Fuß, Schulter zu Schulter zu Handgelenk, zu Fingerspitze, Bauch, Taille, Brust und ja, das mit dem Abstand der Nippel war auch wirklich kein Scherz.

Mir wird schwummerig und die Mückenstiche machen mich ein bisschen fertig. Schneiderin Duong misst noch die Länge meiner Jacke zum Vergleich, gibt mir eine kleine Flasche Wasser und setzt mich auf eine Bank. Durchatmen.

Maßnehmen dauert lange und vielleicht hatten wir beide an diesem Tag zu viel gegessen, vielleicht schneidern die Vietnamesen auch einfach vorsichtig. Jedenfalls sind alle Sachen zu groß, Schneiderin Nole stemmt irritiert die Arme in die Hüften und holt die Nadeln hervor. Mein Blazer (dunkle Beere, schwerer Stoff, weiches Innenfutter) sitzt beim zweiten
Fitting absolut perfekt.

Auch mein Freund lässt sich überzeugen – Rückblickend betrachtet waren wir da etwas voreilig: Die Hemden sind zu
groß, die Stoffe nicht edel genug. Hose und Anzug sitzen aber perfekt, inklusive sehr asiatischem Innenfutter, über das ich noch immer etwas kichern muss. Aber hey, wer kann schon seinem Lieblingsmann mit maßgeschneidertem Anzug widerstehen?

Ein paar Fakten für euch:

Blazer: 90 Euro
Hemd: 40 Euro
Anzug: 180 Euro

Samstag waren wir zum Abmessen da, Dienstag zum ersten Fitting, Mittwoch zum zweiten. Ein dritter Termin am Donnerstag war uns angeboten worden, den brauchten wir aber nicht. Wer kürzer bleibt, bekommt auch schnellere Lieferfristen. Bezahlt wird in Dollar oder vietnamesichen Dong, zum Transport gibt es unfassbar praktische faltbare Kleidersäcke. Die meisten Schneider Hoi Ans verschicken auch. Größere Anschaffungen müssen übrigens verzollt werden. Für Kleider aus den USA habe ich mal 100 Euro bezahlt, Bekannte von mir berichten von 200 Euro Gebühren für geschneiderte Waren aus Vietnam. Stand Juni 2017 beträgt die Zollgrenze 450 Euro Warenwert pro Erwachsenem bei Flugreisen. Das gilt übrigens pro Reise, nicht pro Paket.