Es kann uns niemand vorwerfen, dass wir uns nicht vorbereitet hätten. Trotzdem: Aus irgendeinem Grund ist es gerade 18.30 Uhr, die Sonne hat sich schon hinterm nächsten Berg verkrochen und wir laufen noch immer über weite Bergwiesen auf die kleine Stadt zu. Weit hinten leuchten Straßenlaternen auf. Das ist gut, dann sind wir nämlich bald da. Aber es ist auch ein Problem, denn wir haben bestenfalls noch für 15 Minuten Tageslicht.

Drei Tage vorher packen wir zwei orangefarbene Rucksäcke, schnüren unsere Schuhe und laufen in Hannover zum Bahnhof. In Thale startet unsere Route, eigentlich endet hier der Harzer-Hexen-Stieg. Doch meine Begleiterin und ich haben beide eine besondere Verbindung zu Altenau, deshalb laufen wir den Pfad rückwärts, von Thale über Altenbrak nach Drei Annen Hohne, von dort aus über den Brocken nach Torfhaus und weiter nach Altenau. Wäre uns nur nicht die heiße Schokolade mit Baileys dazwischengeraten. Aber der Reihe nach.

Rentnerparadies. Hexen. Nazis. Schierker Feuerstein. Ein paar Hügel. Das haben mir die Leute gesagt, die ich gefragt habe, was sie mit dem Harz verbinden. Ich bin natürlich gekränkt, geradezu persönlich beleidigt. Der Harz ist das Gebirge meiner Kindheit. Hier sammelte ich erste Wandererfahrung, jede Menge bunte Steine und Kienäppel. Hier wollte ich wieder hin. Zu Fuß.

Vier Tage Ruhe, weite Wege, eine Herausforderung für den Körper, irgendwas in diese Richtung suchten wir. Der Hexenstieg ist dafür perfekt. Eigentlich ist er knapp 100 Kilometer lang, unsere Strecke hatte am Ende etwa 80.
In Thale steigen wir aus dem Zug.

Der Hexenstieg ist leicht zu finden, er beginnt im Zentrum des Ortes, da wo das Bodetal das Land zerfurcht und der Harz im Osten bald endet. Heute steht nur eine kleine Etappe an, 17 Kilometer bis Altenbrak. Da bietet sich der Ausflug auf die Roßtrappe an. Wir laufen rauf, das dauert nicht lange. Oben erwartet uns der sagenumwobene Hexentanzplatz und eine einschüchternde Aussicht über das Bodetal. Da geht es für uns gleich hinein.

Mit der Seilbahn ist der Abstieg von der Roßtrappe etwas komfortabler: Die rundum gläsernen Gondeln erlauben einen tollen Panoramablick.
Von der Roßtrappe herunter über das Bodetal: Die komplett gläsernen Gondeln gewähren einen Rundum-Panoramablick. Foto: Isabell Prophet

Runter fahren wir mit der Seilbahn, ich will mein ewig mäkeliges Knie noch schonen. Die Seilbahn hat einen Glasboden – Hallo, Höhenangst. Aber die Aussicht ist es wert. Ich tröste mich mit Honigwaffeln, einem niedersächsischen Original und für mich Punkt eins auf jeder Packliste.

Wir schlafen im Hotel Weißes Ross in Altenbrak, und essen ausgezeichnete Forelle Müllerin Art im Harzer Jodlermeister. Hier wird am Abend wirklich noch gejodelt, aber ohne uns. Wir werfen uns um 21 Uhr in die Betten. Morgen wird ein langer Tag und ich will um 9 Uhr spätestens wieder auf dem Weg sein.

29 Kilometer an einem Tag? Kein Problem, sagt ihr jetzt, und so bergig ist der Harz doch gar nicht. Tjaja… Das dachten wir uns auch. Doch 29 Kilometer können sehr lang werden. Wir wählen die nördliche Routenalternative über Rübeland, ihr Auf und Ab erscheint uns reizvoller. Hier kann an alten Köhlerhütten gerastet werden, der Herbstwald hält uns warm.

In Rübewald essen wir für sehr wenig Geld sehr einfache Nudeln mit Tomatensauce. Glücklicherweise schmeckt nichts so gut wie das Mahl des Wanderers. Ich verteile großzügig Blasenpflaster und knabbere Schmerztabletten als Wandersnack; mein Knie und meine neuen Wanderschuhe sind noch keine Freunde geworden. Aber Hauptsache, die Socken sind gut.

An so gut wie jeder Straße des Harzes teilen wir unser Gasthaus mit Motorradfahrern, Rennmaschinen röhren vorbei, Menschen in Lederkleidung trinken Apfelschorle. Ein Herz für die Sportskollegen, aber wir sind trotzdem froh, als die Berge uns wieder vor dem Lärm abschirmen.

Ab 15, 16 Uhr treffen wir in der Regel niemanden mehr. Die Harzer Wandergäste sitzen in ihren Gaststuben und essen Kuchen. Ich hätte jetzt auch gern Kuchen, aber unser Weg ist noch weit. Und steil.

This hurt. and felt so good. #brocken #hexenstieg #harz #torfhaus with @isc_77

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Bei Drei Annen Hohne erreichen wir endlich den Nationalpark Harz. Funfact: Der Ort heißt so, weil die Bahnstation hier eigens für das Gasthaus Drei Annen und das Forsthaus Hohne aufgebaut wurde. Viel mehr gibt es hier heute auch nicht.

Wir schlafen im Kräuterhof, einem schicken, aber vergleichsweise teurem Hotel. Aber hey, es gibt Kräuterspätzle und die sind wirklich nicht mehr steigerbar <3.

Am dritten Tag besteigen wir den Brocken, vorbei an Wäldern, die eines Tages wieder deutsche Wildnis sein sollen. Zurzeit wütet hier nur der Borkenkäfer in den Fichten. Für den Wald ist das ganz gut. In den niedrigen Lagen können sich wieder die eigentlich heimischen Buchen ansiedeln, weiter oben darf es auch mal eine Fichte sein. Aber eben nicht nur Fichten.

1.142 Meter ist der Berg hoch, früher trennte er die DDR von der Bundesrepublik. Vom Gipfel aus konspirierte die Stasi mit ihren Spionen im Westen. Heute gibt es dort oben mittelmäßige Erbsensuppe und ausgezeichnete Schnäpse. Ich renne als erstes zur Toilette, ziehe meine durchgeschwitzten Sachen aus und alles andere in vielen Schichten an.

Unten war es schon herbstlich kühl, oben auf dem Brocken ist es an diesem Tag vier Grad kalt. Gut verpackt setzen wir uns zu anderen Wanderern an den Tisch, lästern über die Brockenbahn-Passagiere und schlürfen unseren „Schierker Feuerstein“. Noch besser als die Aussicht vom Brocken ist übrigens die Aussicht beim Abstieg. Wo alle anderen vorbei eilen, ist in einer Kurve ein Felshang, auf dem wir entspannt sitzen und uns von der Sonne wärmen lassen.

Wir wollen nur noch bis Torfhaus, so beschließen wir es beim Abstieg. Viel wichtiger als die sportliche Vollendung unserer Tour ist uns der kleine eisige Bach, der unseren Weg nach unten begleitet. Wir halten die Füße hinein und lassen uns ein wenig von den anderen Wanderern feiern. Das muss doch jetzt gegen die Schmerzen helfen, oder? Oder???

Kurzfristig ändert sich der Schmerz nur, aber wir genießen die Ruhepause und die Leichtigkeit, das Gepäck von den Schultern gleiten zu lassen. Erst als wir eine Stunde später über Torf in Richtung Torfhaus wandern, spüren wir die Erleichterung. Der Torf ist übrigens ein kleines Heiligtum im Harz; über das Torfhausmoor führen Planken, gestochen werden darf hier nichts.

Am Nachmittag erreichen wir Torfhaus und legen uns in die Sonne. Heiße Schokolade mit Baileys, so soll dieser Tag für uns enden; wir lassen uns alle Zeit der Bergwelt. Die verbleibenden sechs Kilometer überbrücken wir mit dem Bus.
Doof: Da fährt gar kein Bus.

Fast zwei Stunden ist man unterwegs, muss drei mal umsteigen und fährt in einem riesigen Bogen mit Bus und Zug und – okay, lassen wir das. Es ist 17 Uhr, die letzten Meter überbrücken wir auch noch.

Das Licht bricht durch die Blätterdecke: Es ist herbstlich kühl, aber sonnig. Das Wetter bietet sich an für eine lange Wanderung.
Das Licht bricht durch die Blätterdecke: Es ist herbstlich kühl, aber sonnig. Das Wetter bietet sich an für eine lange Wanderung. Foto: Isabell Prophet

Der Hexenstieg führt hier an steilen Wänden vorbei – einige Monate später sehe ich sie vereist und hangle mich mit all meinen Kletterkünsten über den Abhang. Heute ist es eher ein Hetzen als ein Wandern, schon scheint die Sonne auf Augenhöhe zwischen den Bergen hindurch und bald ist sie weg. Am Ende holt uns der Chef der Pension Quellenhof mit dem Auto am Ortsrand ab, es ist einfach zu dunkel. Unsere 32 Kilometer Tagesetappe spüren wir in jeder Faser, Eisbad hin oder her.

Biker in  Nachbars’ Garten lassen uns an ihrer Grillparty teilhaben und der Wirt setzt uns einen Harzer Schnaps nach dem anderen vor. Irgendwann sinken wir ohnmächtig in die Betten. Danke, Harz, das war gut.

PS: Vier Tage waren wir im Harz hatte ich gesagt, stimmt, guter Punkt. Den vierten verbrachten wir flach auf dem Rücken in der Kristalltherme, mit kurzen Unterbrechungen in den Saunen oder Solebecken. Bei zehn Grad Außentemperatur nackt mit Blick auf den Brocken in der Sonne liegen? Mehr geht nicht.