Alle sitzen auf einem Stamm: der Harley-Davidson-Biker aus Düsseldorf, der Pfarrer aus dem Nachbardorf, die Drei-Generationen-Familie mit Oma, Opa, Sohn, Schwiegertochter samt drei Kindern aus Kronach, die fünf Kegelschwestern aus Bamberg und die Journalistin aus Hannover. Und alle wollen nur eins: nicht nass werden. Das werden sie alle aber so sicher wie das Amen in der Kirche, wenn sie bei der „Rodach in Flammen“ mit auf dem Floß sitzen. Nass, klatschnass, triefend nass. Und sie werden noch etwas – heiser. Denn lauthalses Kreischen lässt sich nicht vermeiden, wenn die Flößer die Staubretter an der ersten Schleuse ziehen und die bunt zusammengewürfelte Runde mit Karacho auf der Wilden Rodach startet.
 
„Rodach in Flammen“, so heißt die Mordsgaudi, die an der „Floßlände“ in Schnappenhammer beginnt, einer Ortschaft mit wenigen Häusern und drei Holzhandlungen, und in Wallenfels endet, einem knapp 3000-Seelen-Städtchen. „Rodach in Flammen“ gibt es allerdings nur zur Kirchweih, immer am ersten Wochenende im August, und das seit alters her. Weitere Floßfahrten ohne Flammen finden jeden Sonnabend zwischen Ende Mai und Mitte September statt.

Eine Maß Bier nach der Floßfahrt

Rund 20 Freiwillige steigen dann, wenn’s dämmert, auf eines der Flöße an der Ablegestelle in Schnappenhammer, um nach knapp 45-minütiger Flussfahrt durch Brückenwehre – Kopf einziehen, nicht vergessen –, Engen und kleinere Untiefen bestens gelaunt beim Festzelt in Wallenstein wieder vom Floß zu steigen. Längst sind dann die Flammen ausgegangen, die brennenden Fackeln, die einigen Gästen beim Start in die Hände gedrückt wurden. Auf dem Festplatz spielt schon die örtliche Blaskapelle, während sich die Floßfahrtteilnehmer auf der Toilette im Flößerhaus notdürftig abtrocknen. Nach einer Maß lokalem Gampertbräu („seit 1514“) befindet sich der Adrenalinspiegel zu diesem Zeitpunkt wieder in beruhigtem Fahrwasser.
 
Und gebannt hört man den Flößern zu, wie sie von Vätern und Großvätern berichten, als die noch ihre Familien mit diesem Knochenjob ernährten. Und wie Andreas Müller, Jahrgang 1935, als 13-Jähriger, noch selbst mitfahren durfte, vom Bamberger Hafen bis nach Mainz. Nicht jedes Detail in seinem Erzählstrang ist zu verstehen, im Oberfränkischen geht man beispielsweise nicht auf Treppen, sondern auf „Stäffela“. Aber so viel ist klar, obwohl die wochenlange Arbeit auf dem Floß hart war, gilt für den alten Herrn immer noch: „Das war die schönste Zeit meines Lebens.“ Natürlich nur zur sommerlichen Schulferienzeit.
 
Nicht immer hätten die 15, 16 selbst gebackenen Brote gereicht, die die Rodacher Flößer mit auf ihre Hütte auf dem Floß lagerten, dazu das gepökelte Fleisch, der Kochkäse, alles in Tonkrügen, damit das Essen für die Tage auf den Flüssen frisch erhalten blieb. „Manchmal mussten wir nachkaufen“, erinnert sich Andreas Müller am Stammtisch im Flößerhaus im Kreis seiner Mitstreiter, während diese wissend im Takt nicken. Am Tag die Kärrnerarbeit des Flößens, in der Nacht schliefen die Männer in ihren hölzernen Hütten auf den zusammengenagelten Holzstämmen.
 
Wie man sich das vorzustellen hat, davon zeugen die vielen historischen Fotos im Flößermuseum in Unterrodach. Die Hütten konnten nämlich erst auf dem Main zusammengezimmert werden, nachdem der Fluss breit genug war und die einzelnen Böden, acht bis zehn Stämme bildeten einen Boden, bis zu einer Länge von 75 Metern hintereinander zum „Hallstadter Stück“ gebunden wurden. Im Jahr 1829 verzeichnete die Chronik im Flößerdorf Unterrodach von den 159 berufstätigen Männern 148 Flößer.

Aus alter Tradition wird ein Touristen-Spektakel

Vor mehr als einem halben Jahrhundert endete die Flößerei als Gewerbe. Doch die Erinnerung daran wurde aufrechterhalten. Schon 1968 haben die einstigen Flößer das Museum gegründet, 1981 den bereits 1864 gegründeten Floßverein wieder ins Leben gerufen. Im selben Jahr zog das Museum um in ein ehemaliges Floßherrenhaus aus dem 17. Jahrhundert. Von denen sind noch etliche erhalten und leicht zu unterscheiden; es sind immer die größeren, stattlicheren Häuser in den Flößerdörfern. Die Floßherren, die mit dem Holz handelten, es kauften und verkauften, lebten in durchweg noblen Anwesen, während die Flößer, die Arbeitnehmer sozusagen, mit einfachen Unterkünften Vorlieb nehmen mussten.

Was sich heute in den Sommerwochen als Spektakel für Touristen und Einheimische zeigt, fußt also auf einer 800 Jahre alten Tradition.

Flößern standen fünf Maß Bier pro Tag zu

Vor zwei Jahrzehnten haben die alten Flößer, ihre Söhne und Enkel mit ihren Floßfahrten wieder begonnen. Zunächst nur für sich und als nostalgischen Zeitvertreib, dann wollten immer öfter auch Freunde und Bekannte mitfahren, und inzwischen ist aus der Floßfahrt zur Kirchweih ein touristisches Vergnügen geworden. Immer noch wird es ausschließlich von Ehrenamtlichen organisiert. Wie auch zahlreiche Elemente der Frankenwälder Flößerei von historisch interessierten Ehrenamtlichen erhalten werden: hier ein Floßteich (eine Stauanlage, die bei Trockenheit einen ausreichenden Wasserstand garantiert), dort Holzschwellen (im Wasser, die die Fließgeschwindigkeit erhöhen) oder eine Steinpflasterung (im Wasser, über die das Floß besser rutschen kann).
 
Flößer sind starke Männer. Unser Flößer, der uns mit seinem Flößhaken sicher in Wallenfels landen ließ, heißt Chris, ist kaum 30 und Kfz-Mechatroniker. Als wir ihn vor dem Festzelt wiedertreffen, prostet er gerade, den Bierkrug in der rechten Hand, seinem Cousin zu, Mitflößer André. Natürlich wissen die beiden, dass ihren Ururahnen auf dem Floß fünf Liter Bier zustanden. Pro Tag. Allerdings auch erst nach Feierabend.