Österreich: Wandern am Welterbesteig | reisereporter.de

Welterbesteig: Wandern zwischen Marillen und Wein

Die Wachau zwischen Krems und Melk an der Donau gilt als eines der schönsten Flusstäler Europas. Die abwechslungsreiche Landschaft lässt sich wunderbar durchwandern.

Das Bild zeigt die Gemeinde Wachau in Niederöstereich von oben.
Das Bild zeigt die Gemeinde Wachau in Niederöstereich von oben.

Foto: Markus Haslinger

In der Wachau in Niederöstereich stehen viele eindrückliche Bauten. Das heimliche Wahrzeichen aber ist der Turm der Klosterkirche in Dürnstein, und zwar wegen seiner Farbe. Er ist in Blau und Weiß gestrichen. Das harmoniert nicht unbedingt mit dem Anstrich der Klostermauern und -fassaden in Grau und Braun.

Aber Susanne Draxler, Mitarbeiterin des Klosters, kann das erklären: „Man hat das während der Barockisierung des Klosters gemacht, weil die Turmfarben Himmel und Wolken symbolisieren und damit die Ewigkeit. Braun und Grau stehen für Erde und Asche, also Vergänglichkeit.“

Das Benediktinerkloster Stift Melk ist das Wahrzeichen der Wachau.
Das Benediktinerkloster Stift Melk ist das Wahrzeichen der Wachau. Foto: Markus Haslinger

Das spezielle Dürnsteiner Klosterkirchen-Farbspiel gehört nach Einschätzung von Draxler zu den beliebtesten Fotomotiven Österreichs. Es kommt besonders gut zur Geltung, wenn die Sonne scheint. Und das tut sie in der Wachau ziemlich oft.

Das sanft geschwungene Tal der Donau mit bewaldeten Felsenhängen, Weinterrassen, Obstgärten, geschichtsträchtigen Städten und den 20 Stiften, Burgen und Ruinen auf 33 Kilometern Länge zwischen Melk im Westen und Krems im Osten gilt als eine der schönsten und bekanntesten Flusslandschaften Europas. Es zählt seit dem Jahr 2000 zum Weltkulturerbe der Unesco.

Die Stadt Dürnstein mit ihrem blau-weiß gestrichenen Kirchturm ist bei Touristen sehr beliebt.
Die Stadt Dürnstein mit ihrem blau-weiß gestrichenen Kirchturm ist bei Touristen sehr beliebt. Foto: Markus Haslinger

Viele kennen die Wachau aus Talsicht, weil sie entweder mit einem der Donauschiffe unterwegs sind Radtouren entlang des Flusses machen. Seit einigen Jahren besteht als Alternative für Wanderer der Welterbesteig, ausgeschildert mit weißem, geschwungenem W. Er ist nichts für Leistungswanderer, sondern für solche, die ihre Freude an eher sanftem Auf und Ab und an den Reizen dieser Kulturlandschaft haben.

Wandertour auf dem Welterbesteig

Wir starten in Krems, dessen Altstadt am Hang liegt. „Sie ist beliebte Filmkulisse“, erzählt uns Fremdenführerin Helma Strizik. Weil die mehr als 1.000 Jahre alte Stadt seit dem Mittelalter keine größeren Zerstörungen erlebte, kann sie bauliches Erbe aus mehreren Jahrhunderten vorweisen. Zunächst promenieren wir oberhalb von Krems und genießen die Aussicht auf Stadt und Fluss. Die Donau ist hier nicht wie im Walzer blau, sondern bräunlich vom Lössboden, durch den sie geflossen ist.

Als wir die letzten Häuser hinter uns lassen, tauchen bald die ersten Rebstöcke auf. Terrassierte Weingärten, die in der Wachau Rieden genannt werden und mit Trockensteinmauern befestigt sind, prägen hier das Bild. „Verweile hier, Gott wird Dir Frieden schenken“, steht an einem Türmchen mit spitzer Kappe, an dessen Fuß üppig Schwertlilien und Lavendel wachsen. Wir nehmen gern an. Wenig später sehen wir auf einer Mauer zum ersten, aber bei weitem nicht zum letzten Mal eine Eidechse mit blauem Kopf und grünem Körper, die dort Wärme tankt.

„Es sind Smaragdeidechsen“, erklärt uns Martina Pöll, Marketingleiterin der Domäne Wachau. Die in Dürnstein ansässige Genossenschaft umfasst 400 Hektar Weingärten, die sich wiederum 250 Winzerfamilien teilen. Weinbau wird hier wie seit Jahrhunderten in Handarbeit erledigt. „Bau und Erhalt der Trockensteinmauern und die Lese sind wegen der steilen Lagen arbeitsintensiv“, sagt Pöll. Trotzdem oder gerade deshalb haben sich die Winzer der Wachau einen strengen Qualitätskodex gegeben.

Mit Erfolg: Der Grüne Veltliner, den sie vorrangig anbauen, wird längst in alle Welt exportiert. Für die höchste Qualitätskategorie der Wachau-Veltliner ist die Smaragdeidechse Namenspate. „Die Weine sind trocken, komplex und haben Finesse“, schwärmt Pöll. Bei einer Probe dürfen wir uns davon überzeugen.

Dürnstein ist ein kleines Städtchen mit deutlichen Betriebsschwankungen. Tagsüber, wenn die Donauschiffe und Reisebusse Ausflügler und Touristen bringen, ist es voll in den Gassen und den Geschäften. Gegen Abend brechen die meisten wieder auf. Die Läden mit ihren Andenken und kulinarischen Mitbringseln schließen dann recht schnell. „Man kann hier in jeder Nacht und in jedem Haus bei offenem Fenster schlafen“, sagt Johann Schendl, Chef des Hotels und Restaurants Sänger Blondel. Wir veredeln den Tag noch mit einem Smaragd im Heurigenlokal und prüfen dann, ob er recht hat. Hat er, zumindest für diese Nacht.

Burg Dürnstein: Auf den Spuren von Richard Löwenherz

Die nächste Etappe beginnen wir mit einem Geschichtsunterricht besonderer Art. Im Jahr 1192 wurde der englische König Richard Löwenherz auf dem Rückweg von einem Kreuzzug von Österreichs Herzog Leopold gefangen genommen und auf der Burg Dürnstein festgesetzt. Die Tat gehört zu einem Mittelalterkrimi mit vielen Wendungen, in dem fast alle maßgeblichen Herrscher der damaligen Zeit ihre Finger im Spiel hatten. Außer historisch Verbürgtem ranken sich auch jede Menge Sagen und Legenden um die Geschichte.

Auf dem steilen Weg hoch zur Burg, die nur noch eine Ruine ist, erzählen auf Schautafeln die Protagonisten wie Richard Löwenherz, seine Eltern, sein Bruder Johann Ohneland, Sultan Saladin, der König von Frankreich, Herzog Leopold, Robin Hood oder der Sänger Blondel in Ich-Form ihre Sicht der Dinge. Das ist ebenso schlicht wie packend.

Hinter der Burgruine ändert sich die Szenerie. Die Landschaft wird ursprünglicher und schroffer, wir befinden uns nun auf einer Waldwanderung. Nur noch selten erhaschen wir zwischen den Laubbäumen hindurch einen Blick auf die Donau, die sich zwischen Dürnstein und Weißenkirchen einen Bogen gönnt. Eine Senioren-Wandergruppe, die uns während einer Rast überholt, scheint sich hier besonders wohl zu fühlen und singt lauthals und vielstimmig vom Wandern, das des Müllers Lust sei, und vom Frühtau.

Beste Aussichten: Der Weitwanderweg Welterbesteig in der Wachau verläuft als Rundstrecke an beiden Ufern der Donau.
Beste Aussichten: Der Weitwanderweg Welterbesteig in der Wachau verläuft als Rundstrecke an beiden Ufern der Donau. Foto: Donau Niederösterreich/ Robert Herbst

Hinter einem Heurigen am Waldrand mit dem schönen Namen Pomassl tauchen bald wieder Rieden und dann der Turm von Weißenkirchen als Landmarke auf. Er gehört zur mächtigen Wehrkirche, die mit ihrem steilen Ziegeldach die schmucken Häuser und die alten Lesehöfe des Ortes überragt. Teil der Anlage ist der Teisenhoferhof, der einst als Armbrustschießstand erbaut wurde. Da Armbrustschießen mittlerweile ziemlich aus der Mode gekommen ist, hat man heute das Wachaumuseum in der Hofanlage untergebracht.

Wir quartieren uns beim Kirchenwirt ein und staunen über die vielen Schwalben, die hier an den Dächern der Häuserzeilen entlangflitzen. Noch erstaunter sind wir, als wir entdecken, dass sie ihre Nester direkt über dem Eingang des Restaurants vom Kirchenwirt gebaut haben und somit ein gewisses Risiko besteht, hier auf natürliche Art und Weise beschissen zu werden. „Das stört hier niemanden, ganz im Gegenteil“, sagt uns der Kirchenwirt. So gibt es zum Abendessen im Restaurantgarten eine natürliche Flugschau gratis dazu. Wir genießen die Dämmerstunde und freuen uns auf die nächste Etappe. Es erwartet uns Spitz.

Wachau: Tipps und Infos zur Reise

Anreise: Mit dem Auto über die Autobahn 3 bis Passau, weiter auf der Innkreis-Autobahn bis Wels und schließlich über die Autobahn 1 bis Melk, dem Westtor zur Wachau. Mit dem Zug geht es am bequemsten mit dem Euro-Night-Liner über Sankt Pölten nach Melk. Man kann auch nach Wien fliegen. Aus der Hauptstadt fahren im Stundentakt Züge nach Krems und sind in einer Stunde dort.
 
Reisezeit: Wer im April kommt, erlebt die Marillenblüte, im Herbst steht die Weinlese an. Im Sommer kann es vor allem in den Weingärten sehr heiß werden.
 
Wandern: Insgesamt sind unter dem Signet Welterbesteig 180 Kilometer Wanderwege ausgezeichnet, die auch ins bis zu 1.000 Meter hohe Hinterland führen, mit dem Naturpark um den Aussichtsberg Jauerling als Höhepunkt. Die flussnächste Route ist knapp 75 Kilometer lang. Dabei muss man in Spitz mit der Fähre das Ufer wechseln.
 
Mitbringsel: Die Wachau ist ein Paradies für Genießer. Wer davon etwas mit nach Hause nehmen will, sollte sich ansehen, was man so alles aus Marillen macht. So heißen hier die honiggelben Aprikosen, die zwischen Melk und Krems an rund 100.000 Bäumen wachsen. Brand, Likör, Konfitüre, Schokolade, längst auch Seifen oder Parfüm – die Wachauer machen recht viel aus ihren Marillen.

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