Nachdem wir fast eine Woche in einen grauen Himmel geguckt und den einen oder anderen Schauer abbekommen haben, beschließe ich, nicht länger auf freundlicheres Wetter zu warten und endlich das Science Museum in Kowloon zu besuchen.

Mit Regenschirmen und Regenjacken, nackten Beinen und Badelatschen, springen wir nach dem Frühstück in ein Taxi. Aus den Bindfäden von letzter Nacht ist ein kräftiger Niederschlag geworden. Wir haben nicht den Hauch einer Ahnung, wie gefährlich das Wetter heute noch wird... 

Black Rainstorm in Kowloon und Badespaß auf Lantau

10:35 Uhr: Luis und sind in der MTR Richtung Central unterwegs, der Weg in die Innenstadt ist uns inzwischen sehr vertraut. Von Central nehmen wir die Star Ferry nach Kowloon. Der Regen peitscht nur so vom Himmel, doch mein Sohn ist zum Glück fröhlich und entspannt: „Ach, Mama, so ein Sommerregen macht doch nichts!“ Es ist warm, sodass wir in unseren nassen Klamotten nicht frieren. 

Die Fährfahrt ist überraschend ruhig, ich hatte ein bisschen mehr Geschaukel erwartet. Als wir nach den gewohnten zehn Minuten Kowloon erreichen, scheint das Wasser inzwischen von allen Seiten zu kommen. Vor allem fließt es zentimeterhoch auf den Bürgersteigen. Dazu donnert es immer wieder kräftig. Ich hatte mir den relativ kurzen Weg zum Science Museum vorher auf der Karte angeguckt. Aber nachdem wir einen großen Teil des Fußwegs unterirdisch zurückgelegt haben (die MTR-Station Tsim Tsa Tsui ist so riesig, dass sie mehrere Fahrsteige hat), weiß ich nicht weiter.

Als ich bei einem italienischen Restaurant nachfrage, winkt die Dame nur ab: „Es gab vor ein paar Minuten im Radio eine Warnung vor ‚Black Rainstorm’. Ich denke nicht, dass das Museum öffnen wird.“ Auch das noch! „Black Rainstorm“ klingt nicht gut. Der Begriff sagt mir zwar (noch) nichts, aber das Museum darf jetzt bitte nicht geschlossen haben!

Als wir völlig durchnässt und inzwischen ohne Schuhe das Museum erreichen, hat es Gott sei dank geöffnet. Und da heute Donnerstag ist, erhalten wir sogar freien Eintritt. Doppeltes Glück! Leider ist ein stark klimatisiertes Gebäude wenig angenehm, wenn man seine Klamotten und Haare am liebsten auswringen möchte. Doch der wahre Schreck folgt nur Minuten später: Mein Smartphone, das ich in meinem Rucksack verstaut hatte, ist tot. Für einen kurzen Moment lässt es sich noch mal anschalten, dann wird das Display wieder schwarz. Der Akku war aber voll. Ich ahne, dass es einen Zusammenhang zwischen dem vielen Wasser und dem kaputten Telefon geben muss. 

Ich bin wirklich kein Angsthase oder Pessimist. Aber mit Kind und ohne Telefon in einer völlig fremden Stadt geht gar nicht! Erst recht nicht, wenn draußen gefühlt die Welt untergeht.

 

Die Laune ist im Keller. Ich kann keine Fotos machen und die vielen schönen Spiele, die dieses Museum für Kinder bereit hält – Kurbeln, bis die Glühbirne leuchtet oder Sand zum Klingen bringen – sind nur auf Kantonesisch und auf Englisch erklärt. Ich friere und mache mir Sorgen. Luis quengelt, weil er nichts lesen kann und seine Mutter nicht bei der Sache ist. 

Wenn man die Hände auf den Magic Plasma Ball legt, passieren wundersame Dinge. Das Science Museum ist sehr empfehlenswert – vor allem für Schulkinder mit guten Englischkenntnissen.
Wenn man die Hände auf den Magic Plasma Ball legt, passieren wundersame Dinge. Das Science Museum ist sehr empfehlenswert – vor allem für Schulkinder mit guten Englischkenntnissen. Foto: Julia Kloppe

Nach nur einer halben Stunde verlassen wir das Museum wieder auf der Suche nach einem Handyshop, der mein Telefon/Internet/Fotoapparat/Adressbuch wieder zum Leben erwecken kann. Im Museum gab es nichts zu essen und wir sind inzwischen nicht nur nass sondern auch akut unterzuckert.

Die Sturzbäche auf den Fußwegen nehmen wir nur beiläufig war, als wir durch Kowloon irren. Mein tapferer kleiner Begleiter weint inzwischen leise Tränen, die sich unter die Wassermassen mischen. 

Nach eineinhalb Stunden umherirren nimmt unser Katastrophentag dann aber doch noch ein gutes Ende: Ich bekomme mein Telefon ausgetauscht, sogar meine Fotos können gerettet werden. Mit einem Handtuch, das wir inzwischen gekauft haben, auf den Beinen lassen uns Luis und im Taxi nach Hause fahren. Es ist erst 15.30 Uhr. Aber wir sind klitschnass, erschöpft, hungrig und haben Heimweh. Unsere Gastfamilie ist sehr erleichtert, als wir heile zurückkommen und lässt uns eine warme Badewanne ein. Luis sagt: „Das war gar kein Sommergewitter, Mama. Das war viel doller als zu Hause!“ Ja, mein Schatz, und wir waren mittendrin. 

Tian Tan Buddha und Mavericks Beach Bar auf Lantau

Neuer Tag, neues Glück: „Mavericks“ ist der Name eines bekannten Surfspots an der kalifornischen Küste. Doch bevor wir die gleichnamige Beach Bar in der Stadt Pui O auf Lantau Island aufsuchen, besichtigen wir den berühmten Riesenbuddha Tian Tan. Nach dem schlimmen „Black Rainstorm“ ist das Wetter seit heute endlich sonnig, wir erhoffen uns 30 Grad, denn wir wollen auf Lantau später noch im Meer baden!

Luis könnte jeden Tag Fähre fahren. Ich auch. Der Victoria Harbour glänzt und glitzert in der Sonne.
Luis könnte jeden Tag Fähre fahren. Ich auch. Der Victoria Harbour glänzt und glitzert in der Sonne. Foto: Julia Kloppe

Auf Lantau Island erfolgt die Feinverteilung der Besucher komplett mit Bussen, nur die Einwohner fahren hier Auto. Vom Hafen (Mui Wo) fährt ein Bus direkt nach Ngong Ping (zum Buddha), unsere Gastfamilie hat jahrelang auf Lantau gelebt und kennt sich aus. Die Seilbahn ist leider seit ein paar Monaten außer Betrieb, sonst wären wir sicher damit gefahren.

Als wir nach 30 Minuten abenteuerlicher Busraserei eine der größten Touristenattraktionen Hongkongs erreichen, freue ich mich über den nur mittelmäßigen Andrang. Statt Menschenhorden laufen mehrere Rinder über den Platz, die Sonne brennt und die Kinder wollen lieber ein Eis essen als den Buddha erklimmen. Ich lasse mir den Ausblick nicht nehmen und freue mich nach 268 Stufen über den blauen Himmel über Hongkong.

Die riesige Bronzestatue Tian Tan ist das größte buddhistische Monument in Hongkong. Er ist 34 Meter hoch und wurde (erst) am 29. Dezember 1993 eingeweiht.
Die riesige Bronzestatue Tian Tan ist das größte buddhistische Monument in Hongkong. Er ist 34 Meter hoch und wurde (erst) am 29. Dezember 1993 eingeweiht. Foto: Julia Kloppe

Nach einem chinesischen Mittagessen mit Sesam-Dumplings und Bratnudeln machen wir uns auf Richtung Pui O Beach – dem schönsten Strand auf Lantau Island. Wie idyllisch es hier ist! Rechts und links vom Strandweg grasen Rinder auf sattem Grün, überall schwirren Schmetterlinge und Libellen herum. Inzwischen ist es wirklich sehr heiß und wir freuen uns alle auf eine Abkühlung!

Aber eine richtige Erfrischung ist das Südchinesische Meer gar nicht – zumindest nicht für uns Nordseekinder. Obwohl die heißen Sommermonate noch vor uns liegen, hat das Wasser bestimmt 27 Grad. Und Wellengang gibt es auch kaum. „Pipiwasser“ hätte mein Vater gesagt. Ich finde es großartig und halte mich sehr lange zwischen den kleinen, wild umher springenden Fischen auf. Wieder an Land, wird der Kinderwunsch nach Pommes langsam lauter und so setzen wir uns ins extrem populäre Mavericks. Bereits am Nachmittag wird hier schon für Clubatmosphäre gesorgt. 

Erinnert sehr an einen Strandtag in Kalifornien oder Australien – das Mavericks Hongkong.
Erinnert sehr an einen Strandtag in Kalifornien oder Australien – das Mavericks Hongkong. Foto: Julia Kloppe

Ich probiere zu den Pommes einen „Gunner“, eine leckere Mischung aus Ginger Ale und Ginger Beer und einem Schuss Limettensaft. Laut Wikipedia ist auch noch ein Spritzer Angostura Bitters dabei, hier läuft die Spezialbrause allerdings unter Softdrink und schmeckt auch den Kindern sehr gut.

Während wir hier sitzen und einmal mehr von Sandfliegen aufgefressen werden (unser Autanschutz ist im Meer geblieben), entdecken wir einen Bullen am Strand. Billy ist hier bestens bekannt, da er jeden Nachmittag seine Runde macht und nach Essbarem Ausschau hält. Rinder scheinen hier zwar nicht wirklich heilig, aber doch sehr viel näher am Haustier zu sein als bei uns. 

Tiere kommen in China nicht immer auf den Teller – auf Lantau Island laufen überall Rinder frei herum und manche sind schon sehr alt.
Tiere kommen in China nicht immer auf den Teller – auf Lantau Island laufen überall Rinder frei herum und manche sind schon sehr alt. Foto: Julia Kloppe

Wir bleiben natürlich (zu) lange und haben dann sehr viel Glück, dass wir nach wenigen Minuten Wartezeit einen Bus Richtung Fähre erwischen. Als wir mit Sand zwischen den Zehen nach Hause kommen, sind zwei von drei Kindern bereits eingeschlafen und auch Luis will am liebsten getragen werden. Übermorgen geht es schon wieder nach Hause, aber nach diesem fantastischen Tag behalte ich diesen Gedanken lieber für mich.

Abschied von Hongkong

Als ich unsere Koffer für die Heimreise packe, lasse ich die vergangenen zwei Wochen noch einmal Revue passieren. Was wir nicht vermissen werden: Die 24/7-Klimaanlagen, die vielen stechenden Viecher und das subtropische Schwitz-Klima. Was wir zu Hause auch gern hätten: Die Straßenbahnen, die schönen Strände und die pulsierende, spannende Innenstadt. Was wir nie vergessen werden: Den Black Rainstorm, die Aussicht vom Peak und die chaotischen Taxifahrten. 

Hongkong hat einen bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen – wir sind völlig zerstochen, aber trotzdem überglücklich, diese Reise gemacht zu haben und können diese faszinierende Metropole jedem empfehlen, der sich Komfort und Abenteuer in einem wünscht.

Fliegen, Mücken, Flöhe – in Hongkong sticht und beißt so ziemlich alles und vor allem uns.
Fliegen, Mücken, Flöhe – in Hongkong sticht und beißt so ziemlich alles und vor allem uns. Foto: Julia Kloppe