Reisen, um sich selbst zu finden | reisereporter.de

Selbstfindungstrip? Es gibt da ein paar Missverständnisse

reisereporterin Isabell Prophet ist sich suchen gegangen. Das wurde ein schöner Ausflug, doch leider hat sie sich selbst dabei zuhause vergessen. Mythen über Selbstfindungstrips – und wie es funktionieren kann.

Endlich Stille, Ruhe, Einsamkeit. Jetzt waren es nur noch die eigenen Gedanken, die reisereporterin Isabell Prophet belästigten.
Endlich Stille, Ruhe, Einsamkeit. Jetzt waren es nur noch die eigenen Gedanken, die reisereporterin Isabell Prophet belästigten.

Foto: Isabell Prophet

Eines Tages ging ich zu meinem Chef und sagte, dass ich nicht mehr kann und das ich jetzt ein paar Tage nicht komme. Er sagte: Okay, bis nächste Woche. 

Schon diese Szene erstaunt mich bis heute, aber manche Chefs können’s halt. Ich wollte allein sein, durch den Wald laufen, Ruhe finden, bitte einfach nur ein wenig Ruhe und nicht mehr ständig mit irgendjemandem reden oder mich rechtfertigen oder irgendwas. Ruhe. Stille. Federweißer. Elbsandsteingebirge. Das war der Plan. 

Wenn das ich bin, wäre ich gern jemand anderes

Das ging auch total gut auf. Ich lief tagelang durch den Wald, aß fantastisch, sprach maximal mit ein paar japanischen Touristen oder ließ Amerikaner an meiner amazing Ortskenntnis teilhaben. Die meiste Zeit des Tages war ich umringt von Bäumen. Mein Smartphone schaltete ich in den Flugmodus – man weiß ja nie. Meine Zeit vertrieb ich mir mit Fotos und einem nicht enden wollenden Gedankenkarussel. Im Kopf formulierte ich ganze Romane irrer Geschichten, löste jedes Problem, das ich je hatte, auch rückwirkend, und löste dann noch die, die ja irgendwann mal kommen könnten, wie gesagt, man weiß ja nie.

In der Regel ging mir gegen Mittag das Essen aus, etwas später dann das Wasser. Nur die Gedanken, die versiegten nicht. Selbstfindung? Also wenn das ich bin, dann wäre ich gern jemand anderes. 

Der Amerikaner Chris McCandless wurde mit seinem Selbstfindungstrip zum Helden mehrerer Generationen. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass er seine Reise nicht überlebte. Buch und Film zu „Into the Wild“ berichten eindrucksvoll, wie McCandless nach Alaska trampt, ein wildes unabhängiges Leben lebt. Und dabei ganz er selbst ist. Vielleicht war es so. Wir wissen es einfach nicht. Der Film und der grandiose Soundtrack von Eddie Vedder erzählen Geschichten von Freiheit und Selbstfindung. 

Hinterm Horizont nichts Neues

Thomas D. formuliert das mit der Selbstfindung in seinem Song Rückenwind so: 

„Folg mir nicht, ich bitt dich nicht mit mir zu geh’n, weiß das eine: Reisen ist gesund, ich hau ab und zieh Leine. Und ihr seht mich noch als Punkt am Horizont verschwinden. Um ein Stück weiter hinten mich selbst zu finden.“
Funfact: Der Horizont ist nicht ganz fünf Kilometer entfernt, jedenfalls wenn ihr gerade auf dem Boden steht und nicht größer als zwei Meter seid. Das nennt man Erdkrümmung. Wenn Selbstfindung so einfach ist, können wir auch einfach ein paar Stationen U-Bahn fahren. 

Und damit hat er natürlich vollkommen recht. Das reicht. Weiter wegfahren kann trotzdem sinnvoll sein, und auch allein, keine Frage. Doch hier kommt die Neuigkeit, und es tut mir leid, wenn das jetzt ein bisschen weh tut: 

Das, was ihr da sucht, das ist nicht da. Es gibt kein Selbst, keinen starken, unveränderlichen Charakter. Es gibt jeden von uns immer nur im Verhältnis zu den momentanen Situationen. Was immer wir tun, es verändert unser Gehirn. Ob wir nun in der Nase bohren oder die Blumen gießen. Neuroplastizität heißt dieses Phänomen. Wir verändern uns die ganze Zeit. Und deshalb auch unser Charakter. Im Film „Matrix“ sagt ein Kind zum Helden Neo: „Du kannst den Löffel nicht verbiegen. Das ist nämlich nicht möglich. Den Löffel gibt es nicht.“ So ist das mit diesem großen „Selbst“, das wir alle jagen, eben auch. Kaum haben wir eins gefunden, ist auch schon ein neues da. 

Schaffen müssen wir deshalb etwas anderes: Wir müssen unsere Handlungen wieder in Einklang mit unseren Bedürfnissen und Gefühlen bringen. Das erfordert Mut.

Wir sind soziale Wesen

Der Kern einer momentanen Persönlichkeit offenbart sich erst in der Interaktion mit anderen. Wir sind soziale Wesen. Wer sich selbst finden will, der braucht deshalb neue Menschen um sich. Das funktioniert so gut, weil wir ständig Erwartungen aneinander haben. Bitte versteht das als wertneutrale Aussage; die Erwartungen können schließlich warm und liebevoll sein. Doch sie bleiben Erwartungen. Spreche ich mit meinen engsten Freunden, dann weiß ich schon, wie sie etwas meinen. Ich setze es quasi voraus. Spreche ich mit meinem Lieblingsfeind aus dem Büro, unterstelle ich ihm das Schlimmste, auch wenn er mir nur die Post hinlegt.

Mit neuen Menschen ist das anders. Sie haben keine Erwartungen, sind bestenfalls ein wenig optimistisch, dass ich keine Trickbetrügerin bin. Das bringt eine enorme Freiheit mit sich: In Gruppen, die sich aus vielen Fremden zusammensetzen, kann jeder so sein, wie er mag. Ich kann diesen Totalausfall von der Party im vergangenen Sommer verschweigen, keiner wird mich nach dem Gang meines aktuellen Projekts fragen, niemand kennt meine Wohnung, mein Lieblingsessen oder weiß, dass ich nach meinem letzten Badeurlaub tödlich erkältet war. 

Sei, wer du sein willst – üb an Fremden

Das funktioniert am besten mit Menschen, die einander auch noch nicht so lang kennen. Oder gar nicht kennen, ich kann Surfcamps für diese Erfahrung nur empfehlen, oder Tauchschulen, Kletterkurse, Fahrschulen oder einfach eure neue Uni. 

Und deshalb funktioniert auch Chris McCandless Geschichte in „Into the Wild“ für mich nicht. McCandless reist zwei Jahre lang durch die USA, trifft verschiedene Menschen, erfindet sich mehrfach neu. Und dann sucht er in der Einsamkeit weiter. Umgekehrt hätte ich das ja noch verstanden. Doch so? Keine Frage: Die Geschichte ist wahr. Doch lehrreich ist sie für uns nicht. In der Wildnis finden wir bestenfalls Mücken, aber wohl kaum uns selbst. 

Jeder kann sein, wer er möchte. Das ist Freiheit. Alternative Ichs, stärkere, frechere, ehrlichere, können wir an Unbekannten ausprobieren. Wir schalten unser Verhalten mit unserem Innenleben gleich und üben das an Femden. Nur das ist Selbstfindung. Wir können ein neues Selbst finden, ein Ich, das – Stand heute – perfekt zu mir passt. Irgendwann fahren wir wieder nach Hause und bringen das Beste des neuen Ichs mit. Dann müssen wir es nur noch unter die Leute bringen.

Kommentare
Erhalte täglich Reisegeschichten, folge uns auf Facebook:
#Trending
Zur
Startseite