Die Stufen sind alle zu hoch oder zu niedrig. Entschuldigung, haben die alten Maya nicht die DIN-Normen berücksichtigt? Unter der sengenden Sonne Mexikos steige ich Steintreppen hinauf, so steil, dass ich mein Ziel zeitweise gar nicht sehen kann. Runter kommt man ja immer, oder wie war das?

Der Schweiß des heißen Tages rinnt an mir herunter und ich feiere die Extra-Dosis Mückenspray, während ich auf die Waden meines Vordermannes blicke, zerstochen mit rot-entzündeten Beulen, ungefähr Format Babyfaust. Aber was erträgt man nicht alles? Wir steigen jahrhundertealte Geschichte hinauf. Maya-Geschichte.

Der Blick über die Baumkronen Chiapas’ trifft mich wie ein Schock: Grün bis zum Horizont, dann blauer Himmel zurück bis weit hinter mir. 

Palenque ist eine der größten Tempelanlagen der Maya und liegt an der Mündung der mexikanischen Halbinsel Yucatán. Und sie gilt als eine der bedeutendsten. Allerdings, und das macht sie so spannend: Sie liegt weit entfernt von der typischen Rundreise-Route.

Sechs Stunden dauert die Fahrt von Campeche durch Yucatán, Tabasco bis nach Chiapas. Sie führt über huckelige Straßen und annehmbare Highways. Wir passieren Checkpoints, an denen Männer mit Maschinengewehren unsere Ausweise anschauen und die Gepäckfächer durchsuchen. Sie sind freundlich, deutsche Touristen bringen Geld und machen wenig Ärger.

Überall in Mittelamerika entstanden vor 3000 Jahren die Siedlungen der Maya.
Überall in Mittelamerika entstanden vor 3000 Jahren die Siedlungen der Maya. Foto: Isabell Prophet

Ohne die zwei Nächte in Palenque hätten wir uns mehr als zehn Stunden im Bus erspart. Und doch: Es lohnt sich. „Nichts hat mich im Roman der Weltgeschichte stärker beeindruckt“, schrieb John Lloyd Stephens, nachdem er die Ruinen der alten Stadt entdeckte. 1840 kam Stephens hier an, nachdem Anwohner Gerüchte über die alte Stätte verbreitet hatten.

Palenque war vom Dschungel überwuchert und schließlich verschluckt worden, die Natur holt sich ihr Recht immer zurück. Erst etwa hundert Jahre später begannen die Ausgrabungen – und das ist ein großes Glück. 

In den 1940ern waren Archäologen schon angemessen vorsichtig, außerdem blieb Palenque vor Grabräubern und Randalierern weitgehend verschont. Einzig die frühere Brandrodung in der Region zerstörte einiges an Friesen, Reliefs und Malereien.

Die alten Malereien in den Felsen sind noch gut lesbar.
Die alten Malereien in den Felsen sind noch gut lesbar. Foto: Isabell Prophet

Dennoch, in Palenque gibt es weit mehr zu sehen, als in einigen anderen Ausgrabungsorten Mexikos. Das liegt teilweise auch einfach an der Größe der historischen Stadt: Generationen von Herrschern bauten hier ihre Kultstätten. Die Heiligtümer ragen aus dem Hügelland heraus, einige sind noch zur Hälfte von der Natur der Jahrhunderte bedeckt. So wächst auf dem Palast mittlerweile Gras und sogar der eine oder andere Baum.

In den Wohnräumen sehen wir alte Schläfstätten. Aus den Inschriften und Malereien wissen wir heute, wie brutal die Maya-Kultur war. Sie verformten die Schädel ihrer Kinder nach der neusten Mode, immer nach dem Vorbild des Herrschers Pakal – den halten Verschwörungstheoretiker übrigens für einen Außerirdischen.

Wir Besucher können uns hier austoben. Wer sich benimmt, darf im Rahmen der Vernunft frei durch fast alle Stätten laufen und klettern. Das haben Historiker auch schon getan – und dabei einen Turm völlig falsch rekonstruiert.

Verboten ist allerdings der Zugang zum Tempel der Inschriften – das wäre zu gefährlich für Mensch und Bauwerk. Und auch die alte Toilette der Maya dürfen wir nicht mehr benutzen. Vielleicht war sie auch ein Thron. Sieht auf jeden Fall verdammt nach Toilette aus.

Dieses Bild zeigt eine Kloschüssel aus Stein.
Dieses Bild zeigt eine Kloschüssel aus Stein. Foto: Isabell Prophet

In der Nähe der Ruinen haben Archäologen und Historiker ein Besucherzentrum bauen lassen. Hier sehen wir sogar die Farben der Maya, rot und türkisblau, gelb und schwarz. Einige Malereien haben die Jahrhunderte überdauert und liegen nun sorgsam geschützt hinter Glas. Anders würde es nicht mehr lange gut gehen: Die Geschichte Palenques beginnt im vierten Jahrhundert und endet bereits um das Jahr 800.

Die Kunst der Meya.
Die Kunst der Meya. Foto: Isabell Prophet

Unsere Unterkunft für zwei Nächte ist die Misión Palenque, ein sehr okayes Hotel am Rande der Stadt. Das Stadtzentrum ist zehn Minuten zu Fuß entfernt und der Hotelgarten ist sein eigenes Stückchen Dschungel – Schlammbadewanne inklusive (es gibt aber auch einen Pool und zwei Tennisplätze!). Hier aßen wir auch.

Mit Buffet ist das sehr gut, das À-la-Carte-Essen hätten wir jedoch lieber sein lassen sollen – wohlmeinende Köche servierten Fisch mit eingedeutschter Fertigsauce... danke für Nichts. Die alten Maya-Herrscher hätten sie für die Nummer wohl hinrichten lassen.