Ebenso wie Heidi und manch schräge Volksabstimmungen gehört zur Schweiz das Postauto. Mit dem gelben Gefährt ist jedes noch so abgelegene Bergdorf erreichbar. Sein Hupsignal ist den Schweizern vertraut wie das Geläut der Kuhglocken: „Tü-ta-too.“ Der Dreiklang entstammt der Ouvertüre zu der Rossini-Oper „Wilhelm Tell“ und ertönt als Warnung für entgegenkommende Autofahrer vor jeder unübersichtlichen Kurve: „Tü-ta-too“.

Auch auf der Strecke zwischen Chur und Flims muss der Busfahrer immer wieder hupen. Der Hauptort Graubündens ist nur 21 Kilometer von dem 1.081 Meter hohen Bergdorf Flims entfernt, aber die Fahrt dauert eine Dreiviertelstunde. Es lohnt sich.
 
Das Postauto durchquert kleinste Ortschaften und bietet wunderbare Aussichten auf die Bergwelt Graubündens, dem größten Kanton der Schweiz, das vollständig in den Alpen liegt. Unterwegs winkt der Fahrer Passanten zu – immer bereit, sofort anzuhalten, falls jemand zu spät zur Haltestelle hastet oder irgendwas im Bus vergessen hat.

Mit dem Postauto durch die Berge

Schließlich ist aber doch – fast pünktlich – der Fremdenverkehrsort Flims erreicht. Ein ideales Wandergebiet. Besonders schön ist eine Wanderung zur Rheinschlucht – vorbei am Caumasee, der grün in der Sonne glitzert und wie der ebenfalls nahe gelegene Crestasee sauberes Wasser führt, das sich schnell erwärmt und daher auch schon im Frühsommer zum Baden einlädt.

Nicht zum Baden geeignet sind die tosenden Fluten des Rheins, der sich hier durch eine bis zu 400 Meter tiefe Schlucht windet. Die 13 Kilometer lange Ruinaulta ist nach dem Flimser Bergsturz vor 10. 000 Jahren entstanden. Gewaltige Felsmassen brachen damals von den Gipfeln ab und begruben das Vorderrheintal unter einer mehrere Hundert Meter dicken Gerölldecke. Erst im Laufe der Jahrhunderte bahnte sich der aufgestaute Rhein seinen Weg durch die Bergsturzmassen und schuf so die Ruinaulta mit ihren steilen Kalksandsteinklippen und bizarren Felsformationen.
 
Besonders imposant ist der Blick auf die Schlucht von der Aussichtsplattform Il Spir, die die Churer Architektin Corinna Menn entworfen hat. Il Spir ist Rätoromanisch und bedeutet so viel wie Mauersegler. Denn wie ein Mauersegler breitet die Lärchenholzplattform ihre Schwingen. Du meinst, über der Schlucht in schwindelerregender Höhe zu schweben.

Flimser Fluss mit spektakulärer Wasserfallbrücke

Näher als dem Rhein kommst du dem Flem. Der Dorfbach von Flims rauscht vom Berg ins Tal herab. Der Flimser Wasserweg führt über eine Länge von 13,5 Kilometern dicht an diesem Bergbach entlang – über kunstvoll gestaltete Brücken, vorbei an Wasserfällen, Felsgrotten, Schluchten und Wassermühlen.
 
Am besten fährst du mit der Sesselbahn bis zur Mittelstation Naurus und wandert von hier aus über eine spektakuläre Wasserfallbrücke in Richtung Ortskern talabwärts. Schön zu sehen, wie das Wasser tost und überschäumend herabstürzt und dann wieder leise gurgelnd und gezähmt dahinströmt. Nebenbei führt der Weg durch die sogenannte Tektonik-Arena Sardona, die Einblicke in die Entstehung der alpinen Gebirgswelt durch den Zusammenstoß von Europa und Afrika eröffnet und darum als Unesco-Weltkulturerbe eingestuft ist.
 
Bei all den landschaftlichen Attraktionen gilt es aber, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Denn parallel zum Wanderweg sind über weite Strecken die Mountainbiker unterwegs. Und nicht jeder, der auf seinem Rad im Affenzahn ins Tal hinabsaust, ist in der Lage, einem Wanderer auszuweichen. Flims ist in den vergangenen Jahren zum Treff waghalsiger Radfahrer geworden. Mountainbikerouten von insgesamt 330 Kilometern Länge halten alle Schwierigkeitsgrade und Finessen bereit.
 
Wer entspannter ans Ziel kommen will, sollte das Postauto besteigen. Wir bewegen uns von Flims über Chur in Richtung Savognin, das Tor zum Parc Ela, dem größten Naturpark der Schweiz. Zwischendurch muss der Bus ungeplant halten, weil Rinder die Straße versperren, die durch ein Dorf getrieben werden – fachmännisch begutachtet von einem Metzger mit Schlachterschürze am Straßenrand.

Wandern von Lenzerheide bis nach Savognin

Schnell ist der Weg aber wieder frei, und die Fahrt geht weiter – über den Wintersportort Lenzerheide bis nach Savognin, wo du eine Barockkirche besichtigen oder dich mit der Bergbahn auf 2.000 Meter hohe Gipfel befördern lassen kannst. Wer über ausreichend Energie verfügt, kann die Wanderung auch schon im 1.200 Meter hoch gelegenen Savognin beginnen und sich durch Föhren- und Lärchenwälder in die baumlosen Zonen des schroffen Hochgebirges hocharbeiten.
 
Als Zielpunkt für ganz Anspruchsvolle empfiehlt sich die Wallfahrtskirche Ziteil, die als höchster Wallfahrtsort Europas gilt und auf 2.433 Metern Höhe auch eine Pilgerherberge bereithält. Die Mutter Maria soll hier einst Hirten erschienen sein.
 
Wir aber besteigen noch einmal ein Postauto und brechen nach fünf Minuten Fahrtzeit vom Nachbarort Rona zu einer Wanderung zur Alp Flix auf, einem Hochplateau mit vielfältiger Moorlandschaft – und einem Berghotel der besonderen Art.
 
Doch der Aufenthalt in 1969 Metern Höhe will verdient sein. Der gut zweistündige Aufstieg ist steil und kräftezehrend. Zum Glück übernimmt das Hotel den Gepäcktransport. Denn zur Alp Flix führt auch eine Straße. Die aber ist so schmal und kurvenreich, dass sie fast nur von den erfahrenen Bergbewohnern genutzt wird. Besucher sollten ihr Auto lieber im Tal stehen lassen. Denn auch im Sommer kann jederzeit Schnee den Rückweg unpassierbar machen.

Nicht mal das Postauto steuert das Hochplateau an. Und das will in der Schweiz schon viel heißen.