Terror: Wie gefährlich ist Urlaub? | reisereporter.de

Terror-Gefahr: Wie gefährlich ist Urlaub?

Anschläge am Strand, Selbstmordattacken in den Metropolen: Viele Reisende sind verunsichert. Wo ist das Risiko überschaubar? Oder hilft nur daheimbleiben? Ein Ratgeber.

Ein Polizist vor dem Eiffelturm in Paris. (Symbolfoto)
Ein Polizist vor dem Eiffelturm in Paris (Symbolfoto).

Foto: imago/PanoramiC

Wer nach persönlichen Urlaubstipps sucht, fragt Kollegen, Freunde oder Verwandte – aber leider nicht Männer wie David Spiegelhalter. Dabei hat Spiegelhalter viel zu sagen zum derzeit alles dominierenden Thema im Tourismus: Wie sicher ist mein Reiseziel?

Für Spiegelhalter zählen nicht Emotionen, sondern Zahlen. Der britische Statistiker und Risikoforscher beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit der mathematischen Seite der Gefahr. Er weiß, wie gefährlich Reisen im Zeitalter des Terrors und der großen politischen Umstürze sind.

„Reisen sind sicher“, sagt Spiegelhalter. Und er fügt, wie es sich für einen Mathematiker gehört, hinzu: „Relativ sicher.“ Denn es sterben mehr Menschen im Badezimmer, weil sie ausrutschen oder einen Stromschlag bekommen, als durch Terroristen.

Die reale Gefahr und die gefühlte Gefahr sind zwei sehr verschiedene Dinge.

David Spiegelhalter

Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Terrorangriffs zu werden, ist selbst beim Urlaub in der Türkei oder Ägypten sehr gering. So gering, wie zu Hause vom Blitz getroffen zu werden. Aber was sagt das alles schon?

„Die reale Gefahr und die gefühlte Gefahr sind zwei sehr verschiedene Dinge“, schreibt Spiegelhalter in einem Beitrag über die Bewältigung des Terrors in Europa. Und weil es beim Urlaub nun einmal vor allem ums (gute) Gefühl geht, sind die Reiseveranstalter von ihren Kunden Entscheidungen gewohnt, die nicht immer rational sind. Urlaub, das ist nicht nur die Zeit ohne Arbeit, Stress und Chef. Urlaub, das soll auch die Zeit ohne Gedanken an IS-Kommandos, an internationale Krisen, an Trump oder Erdogan sein.

Da zählt nicht, dass es an den türkischen Urlaubsküsten am Mittelmeer noch keinen großen Terroranschlag gegeben hat – die prächtigen Fünf-Sterne-Häuser mit All-inclusive-Angebot stehen in diesem Sommer halb leer. Trotz sagenhaft günstiger Preise. Die Türkei ist in eine Abwärtsspirale geraten, aus der es gerade keinen Ausweg zu geben scheint. Die einen kommen nicht mehr, weil sie erschüttert sind über Präsident Erdogan. Die anderen bleiben weg, weil sie sich den Urlaub nicht von Terrornachrichten erschüttern lassen wollen.

Urlaubsplanung: Fast jeder Dritte lässt sich von der Sicherheitslage beeinflussen

„Die Kunden buchen auf Sicht“, sagt Ralph Schiller, Manager beim Reisekonzern FTI. Fast jeder dritte Deutsche lässt sich bei seiner Urlaubsplanung nach einer Emnid-Umfrage von der Sicherheitslage beeinflussen. Der Terror jagt den Menschen Angst vorm Reisen ein – und er zerrt zugleich an den Nerven derer, die ihren Urlaub planen. Die Reiseveranstalter stehen vor der Herausforderung, riesige Ströme von erholungsbedürftigen Europäern in neue Bahnen zu leiten. Denn generell ist die Reiselust ungebremst. Im vergangenen Jahr wurde weltweit mit 1,23 Milliarden Reisenden ein neuer Rekord aufgestellt, für dieses Jahr erwartet die Branche noch einmal ein Wachstum von drei bis vier Prozent.

Die große Mittelmeer-Karawane lässt in diesem Sommer den Osten links liegen und zieht nach Westen; die Reiseveranstalter haben sich nach den Erfahrungen des vergangenen Sommers gut darauf eingestellt. Die Flugzeuge der türkischen Billiggesellschaft Sunexpress, die im vergangenen Sommer noch halb leer zwischen Antalya und Deutschland pendelten, fliegen nun eben nach Kreta.

Gefühlte Sicherheit hat ihren Preis: Die Reisekonzerne bitten die Urlauber für die Fahrt in den sicheren Hafen zur Kasse: Thomas Cook gibt für Mallorca ein Plus von 4 Prozent an, für die Kanaren fällt es noch ein wenig höher aus. Wer direkt bei Hotels bucht, wundert sich über Aufschläge von bis zu 20 Prozent. Und wirklich günstig war es schon im Vorjahr nicht.

Urlaub zu Hause: Ist das die Alternative?

Hochsaison auf Mallorca war in diesem Jahr schon zu Ostern. Wer ein Auto mieten wollte, erlebte eine böse Überraschung: Manche Anbieter hatten schon keine Fahrzeuge mehr im Angebot, andere nutzten die gewaltige Nachfrage aus und verlangten astronomische Preise. Ins Schwitzen kommen in jedem Fall die Vermieter von Ferienwohnungen.

Weil der Wohnraum auf Mallorca knapp geworden ist, verbietet die Balearenregierung grundsätzlich das Vermieten von Wohnungen an Touristen. Als Ausweg haben findige Juristen „Kurzzeitmietverträge“ formuliert, die den Nutzer der Wohnungen auf die Bedingungen für Schönheitsrenovierungen hinweisen und grundsätzlich vermerken, dass während des Aufenthalts keine tragenden Wände herausgerissen werden dürfen.

Oder ist Urlaub im eigenen Heim nicht ohnehin die Alternative? Der Wunsch nach einem sichereren Urlaub fern der großen Krisen dieser Welt schlägt inzwischen sogar auf den deutschen Immobilienmarkt durch. Ferien im eigenen Land sind schon seit einiger Zeit im Trend – nun wächst wieder der Wunsch, die schönste Zeit des Jahres in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Immobilienmakler an Nordsee und Ostsee berichten von Kunden, die den Kauf einer Ferienwohnung als persönliches Projekt der Entschleunigung verstehen: Eine eigene Immobilie mit Blick aufs Meer befreit eben auch von der lästigen Frage, wohin es denn nun im nächsten Sommer gehen solle. Und ob es dort auch sicher sei.

Mietpreise an den Küsten steigen

Die Folge: Nicht nur die Mietpreise an den Küsten und am Alpenrand steigen, sondern auch die Preise für Ferienimmobilien. Die Makler von Engel & Völkers haben insgesamt 24 deutsche Standorte im ersten Quartal 2017 untersucht – und stellen bei drei Viertel aller Objekte zum Teil deutliche Preissteigerungen fest. „Der deutsche Markt für Ferienimmobilien und Zweitwohnsitze befindet sich im Aufschwung“, urteilen Engel & Völkers in ihrer Analyse. Die Spitzenreiter kommen nicht ganz überraschend: Die drei teuersten Ferienwohnungs-Standorte sind Sylt, Norderney und Tegernsee. Aber auch in weniger prominenten Urlaubsorten gibt es bis in die zweite und dritte Reihe hinein kräftige Preissteigerungen für Immobilien.

Wie nachhaltig der Trend zum Urlaub im eigenen Land ist, mag derzeit niemand voraussagen. In jedem Fall, so sollte man meinen, bedeutet allein der Verzicht auf Flugreisen schon ein großes Plus an Sicherheit im Urlaub.

Das aber lassen die Risikoforscher nicht gelten. Der deutsche Wissenschaftler Gerd Gigerenzer hat in einer Studie nachgewiesen: Nach den Anschlägen in New York und Washington stiegen viele Amerikaner aus Angst nicht mehr ins Flugzeug. Sie nahmen stattdessen das Auto, auch für weitere Entfernungen. Die Folge: Im Jahr darauf kamen in den Vereinigten Staaten insgesamt 1.600 mehr Menschen im Straßenverkehr ums Leben als im Jahr zuvor.

Das Auswärtige Amt und seine Reisehinweise

Reisehinweise: Das Auswärtige Amt warnt nicht nur vor Reisen in bestimmte Länder, sondern gibt auf seiner Website zu jedem Land auch hilfreiche Hinweise, etwa zu Einreise- oder Zollbestimmungen. Genauso gibt die Behörde aber auch medizinische Tipps wie Impfempfehlungen oder Infos zum Straßenverkehr. Auch da geht es meist nicht um Gefahren, sondern um Besonderheiten im Reiseland. Hier kann man genauso die Vorschriften für Alkoholkonsum in Kanada finden wie Hinweise zum Malariarisiko in Südafrika.

Sicherheitshinweise: Die Sicherheitshinweise sollen Reisende und im Ausland lebende Deutsche auf besondere Risiken im betreffenden Land aufmerksam machen. Sie können die Empfehlung enthalten, auf Reisen zu verzichten oder sie einzuschränken. Neben den länderspezifischen Sicherheitshinweisen gilt vom Auswärtigen Amt derzeit ein weltweiter Sicherheitshinweis zur Gefahr terroristischer Anschläge und Entführungen. Trotzdem weist die Behörde darauf hin, dass das Risiko, Opfer eines Anschlages zu werden, im Vergleich zu anderen Risiken wie Unfällen, Kriminalität und Erkrankungen, immer noch gering ist.

Reisewarnung: Erlässt das Auswärtige Amt eine Reisewarnung für ein Land, so ist das ein „dringender Appell“, ein Land oder eine bestimmte Region nicht zu bereisen. Solche Reisewarnungen gibt es nur, wenn eine „akute Gefahr für Leib und Leben“ für die Reisenden besteht. Solche Reisewarnungen sind selten und können auch bedeuten, dass Deutsche, die in einem betroffenen Land leben, aufgefordert werden auszureisen.

Wird für ein Land eine Teilreisewarnung ausgesprochen, bedeutet das, dass die Warnung nur für bestimmte Regionen des Landes gilt. Die betroffenen Gebiete sind auf der Homepage des Auswärtigen Amtes aufgelistet.

Auch solche Reisewarnungen sind nur Empfehlungen. Das Auswärtige Amt fällt diese aufgrund des aktuellen Informationsstandes und gibt keine Gewähr für die Richtigkeit. Dementsprechend wird auch keine Haftung bei eventuellen Schäden übernommen.    

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