The SUP Mission Logbuch Tag 2 | reisereporter.de

SUP-Logbuch: Verflixte Wehre in der Donau

Ein waghalsiger und spannender Plan, den Timm Kruse da ausgeheckt hat: Mit seinem Stand-Up-Paddle-Board will er die Donau befahren – von Baden-Württemberg bis ins Schwarze Meer. Bei uns schreibt er sein Logbuch. Hier: Tag 2.

3000 Kilometer, 10 Länder, 1 Kontinent: Der Kieler Timm Kruse will die gesamte Donau auf dem Stand Up Paddle Board bezwingen.
3.000 Kilometer, 10 Länder, 1 Kontinent: Der Kieler Timm Kruse will die gesamte Donau auf dem Stand Up Paddle Board bezwingen.

Foto: Tobias Steinigeweg / HAVE A GOOD ONE

Erneut wache ich mit flauem Gefühl im Magen auf. Da es wieder geschüttet und gewittert hat, durfte ich bei meinen Freunden im Wohnmobil schlafen. Sie sind gnädig und lassen mich langsam in das Abenteuer steigen. Ich kann nichts essen, steige aufs Brett und paddele mir die Angst aus dem Leib. 

Immer wieder setzt meine Finne auf. Schon jetzt sieht das Ding aus, als wäre es mit einer Kettensäge bearbeitet worden. Ich muss aufpassen, dass mir nicht die ganze Box herausbricht. Zur Not hätten meine Freunde noch ein Ersatz-Brett im Wohnmobil. Aber mich darauf zu verlassen, käme mir nicht in den Sinn. 

Beim Paddeln falle ich ständig blitzartig auf die Knie, lege alles Gewicht auf den Bug, damit die Finne ein bisschen höher kommt. Der Trick funktioniert nur halb. Alle paar Hundert Meter schleife ich über Steine und Felsen und ramponiere meine schöne Carbon-Finne. Doch ohne das Ding könnte ich praktisch nicht geradeaus fahren. Das SUP würde sich dann führungslos und ohne Strömungs-Antrieb wie ein Kreisel über die Donau bewegen. 

Wenn es gar nicht weitergeht, steige ich ab, ziehe an einem Griff das Heck übers Wasser und wate durch das Donaubett bis es wieder tiefer wird. 

Vor jedem Wehr stehen Schilder „Lebensgefahr“, doch ich nehme diese nicht ernst.

Bisher ist die Reise eine Tortur: ich SUPe nie länger als dreißig Minuten am Stück. Dann unterbrechen Wehre, Stauwerke, umgestürzte Bäume, Rampen oder zu seichtes Wasser meine Tour. Meine Turnschuhe reißen an den Seiten schon auf, weil ich mich verbotenerweise die Steinrampen herunterhangele.

Dabei hebe ich das Brett wieder am Heck an, lasse die Schnauze von der Strömung über die Steine ziehen und klettere durch teilweise hüfthohes Wasser hinter meinem Brett her. Das Gefälle beträgt etwa 20 Grad, die Rampen sind zwischen zehn und zwanzig Meter lang.

Die Kraft des Wasser ist immens. Vor jedem Wehr stehen Schilder „Lebensgefahr“, doch ich nehme diese nicht ernst. Dabei weiß ich, dass Menschen in Wehren schon ersoffen sind, an denen das Wasser keinen halben Meter tief war. Doch ich weigere mich einfach, mein Brett vor jeder Rampe übers Land zu schleifen. Mein kleiner Karren hält nicht auf dem waldigen Untergrund. Und bisher bin ich gut über die Hindernisse geklettert. 

Auf einer Brücke steht eine ganze Horde Rentner und jubelt und winkt mir zu. Kurz komme ich mir wie Forest Gump vor, als er zu seinem langen Lauf aufbricht und ganz Amerika ihm auf den Medien und im echten Leben folgt. Vielleicht hat sich meine SUPMission wirklich herumgesprochen und Menschen kommen in Scharen, um mich anzufeuern.

Ich bin ganz aufgeregt. Das wär ja was... Wir fotografieren uns gegenseitig, winken noch einmal, und dann sehe ich einen meiner beiden Freunde auftauchen. Offenbar haben sie die Begrüßungszeremonie organisiert. Also doch kein Forest-Gump-Effekt. 

Mir wurde wieder klar, wie viel Glück ich brauche, um tatsächlich am Schwarzen Meer anzukommen.

Ein paar Kilometer später begegne ich zum ersten Mal anderen Wassersportlern. Kajaks und Kanus mit streitenden Familien, grölenden Jugendlichen und verzweifelten Frauen, die es nicht schaffen, ihr Gefährt geradeaus zu steuern. Viele sprechen mich an, ob ich auf einer großen Tour wäre. Wegen des Gepäcks.

Einigen erzähle ich, dass ich bis ins Schwarze Meer paddeln wollen würde, aber nicht sicher wäre, ob ich das auch tatsächlich schaffte. Jeder war von der Idee begeistert und alle wünschten mir Glück. Da wurde mir wieder klar, wie verrückt mein Unterfangen ist und wie viel Glück ich brauche, um tatsächlich am Schwarzen Meer anzukommen. 

Hinter mir höre ich dunkles Grummeln. Ein Gewitter zieht auf und nähert sich. Die Distanz zwischen Blitz und Donner wird immer kürzer. In der Ferne sehe ich ein Dorf. Bis dahin muss ich es schaffen. Zum ersten Mal stelle ich mich in den Surfschritt, also ein Bein vor das andere und haue mit dem Paddel in die Donau, dass es spritzt. Als Blitz und Donner nur noch drei Sekunden auseinanderliegen, gelange ich unter eine alte Holzbrücke.

In den letzten Minuten vor dem schützenden Dach der mittelalterlichen Konstruktion schossen mir all meine Versprechungen durch den Kopf. Ich musste meiner Familie und vielen Freunden hoch und heilig schwören, vorsichtig zu sein, insbesondere bei Gewitter an Land zu gehen, auf gar keinen Fall zu nah an Wehre heranpaddeln und mir sichere Plätze zum Schlafen suchen. An das letzte Versprechen habe ich mich gehalten – weil ich bisher mein Zelt noch nicht aufbauen musste. 

Plötzlich schieße ich aus dem Schlaf auf – was, wenn die Donau durch das Gewitter so schnell gestiegen ist, dass mein Brett fortgespült wurde?

Ich lege mein SUP auf die Böschung, klettere den Damm hoch und suche Schutz in der Brücke. Sie gehört zu einem Kloster, ist aus Holz und vollständig aus dicken Eichenstämmen überdacht. Ich lege mich auf einen der Stützpfeiler, nicke im Halbschlaf noch einem Priester oder Pfarrer zu und schlafe ein. Plötzlich schieße ich aus dem Schlaf auf – was, wenn die Donau durch das Gewitter so schnell gestiegen ist, dass mein Brett fortgespült wurde? Ich renne zur Böschung und sehe mein Brett ungerührt am Ufer lieben. 

Mein Herz fliegt mir fast aus dem Hals. Ich zurre meine Sachen fest und paddele weiter. Von weitem schauen immer wieder Kirchtürme aus den Bergen und Felsen heraus. Jeder Pfarrer braucht hier unten sein eigenes Kraftwerk. Kein Dorf ohne Kirche, keine Kirche ohne Kraftwerk, kein Kraftwerk ohne entsetzliche Mühsal für den Paddler. 

Timm paddelt stehend über die Donau.
Freunde begleiten Timm und filmen sein Abenteuer. Foto: Tobias Steinigeweg / HAVE A GOOD ONE

Nach noch nicht einmal 28 Kilometern Tagespensum, kurz hinter dem berühmten Kloster Beuron, kann ich nicht mehr. Ich rufe meine beiden Freunde an und frage, ob wir einen Platz zum Zelten suchen könnten. Zufällig finden wir einen hübschen Ort auf einer Wiese direkt unterhalb eines Hauses, das auch zur Kirche gehört. Ein Pastor in Zivil erlaubt uns, dort zu übernachten. Aber nur, weil mein Zelt aus Camouflage ist und es die Polizei somit wohl kaum sehen kann. 

„Kann die Polizei denn verbieten, dass Sie auf Ihrem Grundstück Camper übernachten lassen?“, frage ich den Mann. Er ist höchstens ein sechzig groß, wirkt seltsam schüchtern und macht auf mich nicht den Eindruck, als könnte er in der Kirche eine Predigt halten. „Man weiß nie“, sagt er und geht zurück in sein Haus. 

Ich baue mein Zelt auf. Meine beiden Freunde filmen mein gesamtes Equipment, machen ein paar Interviews mit mir und gehen dann in ihr Wohnmobil – „Facebook und so.“ Mich lassen sie bewusst allein. 

Mitten in der Nacht wache ich auf. Meine Hüfte und meine Schultern schmerzen. Außerdem ist mir kalt. Mit Schrecken stelle ich fest, dass meine aufblasbare Isomatte nicht dichthält. Ich blase sie also erneut auf und schlafe sofort wieder ein. Mein letzter Gedanke ist, dass ich mir nicht sicher bin, ob ich diese Reise wirklich durchziehen möchte.

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