Ich stelle mir diese Frage schon seit der Semana Santa, der Osterwoche, die ich mit meiner Freundin in Granada verbracht habe. Allein die Landschaft dort unten ist die Reise wert. Während wir mit dem Mietwagen von Alicante nach Granada fahren, stellen wir fest, wie sich Kilometer um Kilometer die Landschaft um uns herum verändert. Zu den schroffen und karg bewachsenen Kalksteinfelsen, die wir bereits von der Costa Blanca kennen, gesellen sich zunehmend saftige grüne Wiesen und Wälder. Irgendwann sehen wir am Horizont die gewaltigen schneebedeckten Gipfel der Sierra Nevada – ein sagenhafter Anblick.

Unser eigentliches Reiseziel, Granada, belegt in eindrucksvoller Weise, dass der Einfluss der muslimischen Kultur in Spanien aus heutiger Sicht ein Segen für das Land ist. Die letzte Stadt, die die Christen im Jahr 1492 der Herrschaft der Mauren entrissen, ist heute ein Schmelztiegel der Kulturen und Religionen. Im Albacín beispielsweise, dem arabischen Viertel, bekommen wir den Eindruck, wir befänden uns irgendwo in Nordafrika. Etliche orientalische Teestuben, Shisha-Bars und Spezialitätenläden mit Gewürzen und süßen Leckereien verströmen verführerische Duftnoten, denen wir weder widerstehen können noch wollen. 

Die Aussicht über die Palmenhaine und Terracotta-Dächer der Stadt ist beeindruckend.
Die Aussicht über die Palmenhaine und Terracotta-Dächer der Stadt ist beeindruckend. Foto: Flemming Goldbecher

Auch in Granada strömt uns permanent ein penetranter Marihuana-Geruch in die Nasen. Wir hätten uns auch gewundert, wenn es ausgerechnet hier anders gewesen wäre, als in Barcelona, Madrid oder Alicante. Die Spanier kiffen eben mehr, als sie Jamón Serrano essen. Es gehört zum alltäglichen Leben vieler junger Erwachsener schlicht dazu. Selbst auf Universitätscampussen konnte ich mich davon überzeugen. Allerdings brauchen wir das grüne Zeug nicht, um uns in dieser Stadt zu entspannen.

Obwohl Granada in den Tagen der Osterwoche überfüllt ist von Menschen, die die heiligen Prozessionen sehen wollen, umgibt die Stadt ein aufregendes und zugleich herzliches Klima. Besonders in den Abendstunden, wenn die bereits Mitte April erbarmungslos brennende Sonne an Kraft verliert, zeigt sich Granada von einer Seite, die uns den Eindruck perfekter Harmonie vermittelt. Alle Granadiner scheinen sich draußen auf den Straßen verabredet zu haben, um das Leben zu feiern. 

Flemming bei einer Oster-Prozession der „Nazarenos“ in Granada.
Flemming bei einer Oster-Prozession der „Nazarenos“ in Granada. Foto: privat

Eine wesentliche Begleiterscheinung jeder Prozession sind die sogenannten Nazarenos, so genannte Büßer oder Laienbrüder, die in traditionellen Gewändern auftreten. Die Spitzhaube dient der Anonymität des Bußaktes.

Wer sich nicht in den kleinen gemütlichen Gassen oder auf einem der zahlreichen bunten Plätze herumtreibt, der befindet sich wahrscheinlich in einer der Bars.

Die Region lebt überwiegend von eigenen landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Daraus entstehen die reichhaltigen Tapas, für die Andalusien berühmt ist. Die Restaurant- und Barbesitzer können es sich leisten, zu jedem Bier oder Tinto de Verano prall gefüllte Teller mit regionalen Spezialitäten anzubieten. 

Wir nutzen das natürlich voll aus. In meiner Lieblingsbar zahlen wir letztlich sechs Euro pro Nase. Dafür erhalten wir insgesamt vier Bier, zwei Rotwein und sechs Teller mit schmackhafter landestypischer Kost. Am liebsten würde ich für immer hier bleiben, doch unser Programm für den nächsten Tag sieht den Besuch der Alhambra vor.

Die Aussicht über die Stadt ist besonders gut von der Alhambra aus zu genießen.
Die Aussicht über die Stadt ist besonders gut von der Alhambra aus zu genießen. Foto: Flemming Goldbecher

Das mächtige maurische Bollwerk thront über der Stadt und spiegelt die ganze Pracht und Einzigartigkeit dieser Stadt wieder.

Granada hat mir einmal mehr bewiesen, dass Lebensqualität keineswegs mit finanziellem oder materiellem Wohlstand gleichzusetzen ist. Andalusien zählt zu den ärmsten Regionen in Europa. Und doch sind die Menschen hier unheimlich reich, denn sie wissen zu leben. 

Flemming (ganz rechts) mit seiner Freundin und einem spanischen Freund vor der Alhambra in Granada.
Flemming (rechts) mit seiner Freundin und einem spanischen Freund vor der Alhambra in Granada. Foto: Flemming Goldbecher