Mit dem SUP ins Schwarze Meer | reisereporter.de

Logbuch: Mit dem Stand-Up-Paddle ins Schwarze Meer

Ein waghalsiger und ebenso spannender Plan, den Timm Kruse da ausgeheckt hat: Mit seinem Stand-Up-Paddle-Board will er die Donau befahren – von Baden-Württemberg bis ins Schwarze Meer. „TheSUPMission“ nennt er sein Projekt. Bei uns schreibt er sein Logbuch. Hier: Tag 1.

3000 Kilometer, 10 Länder, 1 Kontinent: Der Kieler Timm Kruse will die gesamte Donau auf dem Stand Up Paddle Board bezwingen.
3000 Kilometer, 10 Länder, 1 Kontinent: Der Kieler Timm Kruse will die gesamte Donau auf dem Stand Up Paddle Board bezwingen.

Foto: FRANK MOLTER / HAVE A GOOD ONE

Was habe ich mir da nur aufgehalst? Mehrere Kamerateams, Hörfunk, Presse – alle zerren an mir. Zuschauer, ein alter Freund, Stadtbeauftrage und Wildfremde, die mir Ratschläge geben, ein Hund, der mich anknurrt und ein Fluss, der zu wenig Wasser führt.

Mir ist schlecht vor Aufregung. Seit Tagen kann ich fast nichts essen. Meine Bedenken haben mir auf den Magen geschlagen. Und ich habe wirklich schreckliche Angst, etwas vergessen zu haben.

Auch mein Gepäck macht mir Sorgen – 25 Kilo sind einfach viel zu viel. Das Brett wird sich damit wie ein Wal durch die Donau bewegen. Und auch mein Körper verhält sich nicht ganz so, wie ich mir das wünschen würde...

Vor drei Tagen taten mir nach dem Training am Bodensee so sehr die Handgelenke weh, dass ich sie kaum noch bewegen konnte. Jetzt, nach der ersten Etappe und 35 Kilometern auf dem Wasser, ist mir immer noch flau, obwohl sich mein Körper gut anfühlt und die Schwielen an den Händen erträglich sind.

Zum Glück begleiten mich in den ersten Tagen zwei Freunde. Sie drehen Drohnenbilder, machen Filmaufnahmen und Fotos, füttern damit die sozialen Netzwerke und die Medien. In zwei Tagen fahren die Jungs zurück in den Norden, in meine Heimat, und ich bleibe alleine zurück. Alleine auf der Donau – wie ich es mir gewünscht hatte. Und wovor ich jetzt schreckliche Angst habe.

Mein erster Kontakt mit diesem Fluss war ziemlich peinlich: Zwei Fernseh-Kamerateams wollten meine Vorbereitungen filmen. Also stieg ich am Ursprung der Donau aufs Brett, war von der Strömung überrascht, paddelte rückwärts, um zu verlangsamen, schlug quer, blieb mit der Finne an einem Stein hängen und flog ins Wasser. Und das nach noch nicht einmal zwanzig Metern. Was für eine Schmach. Die Kameraleute ließen sich nichts anmerken und taten so, als wäre nichts geschehen. Das machte alles nur noch schlimmer.

Ich flog ins Wasser. Und das nach noch nicht einmal zwanzig Metern. Was für eine Schmach.

Gestern traute ich mich dann gar nicht mehr auf den Fluss und vergammelte den Tag bei Regen im Wohnmobil. Abends kamen meine beiden Freunde an.

Nachdem es die ganze Nacht geschüttet und geblitzt hatte, war der Wasserpegel zwar leicht gestiegen, doch befahrbar ist der Fluss an der ausgemachten Stelle weiterhin nicht. Ich muss mein Brett zwei Kilometer flussabwärts ziehen. Ein kleiner Handkarren macht mir das Bewegen meines SUPs (Stand-Up-Paddle) mit dem Equipment leichter.

Die Rollen erleichtern an Land das transportieren des SUPs.
Die Rollen erleichtern an Land das transportieren des SUPs. Foto: Tobias Steinigeweg / HAVE A GOOD ONE

Eine Stunde später gelange ich wieder an die Stelle, an der ich zwei Tage zuvor reingeflogen bin. Zuschauer und Presse sind auch schon da. Ein öffentlich-rechtlicher Kollege fragt, wie ich auf die Idee gekommen bin, von Donaueschingen ins Schwarze Meer zu SUPen. Gute Frage! Das kann ich in diesem Moment irgendwie auch nicht richtig erklären.

Ich zurre noch einmal mein Gepäck fest, strecke eine Hand in den Fluss als Shakehands, stelle mit Schrecken fest, dass die Strömung noch heftiger ist als beim letzten Mal, steige vorsichtig auf mein Brett und bin plötzlich unterwegs. Ich drehe mich noch einmal um – ich darf auf keinen Fall schon wieder reinfallen.

Mein Paddel ist mein Wanderstock. Für mich ist die Donau der Jakobsweg.

Nach der ersten Biegung bin ich allen Blicken entschwunden und spüre zum ersten Mal seit Tagen eine gewisse Erleichterung. Das Brett manövriert sich wegen des Gepäcks schwerfällig wie eine Bugsierbarkasse. Doch ich werde mich dran gewöhnen. Die Donau fließt mit mehr als fünf Stundenkilometern vor sich hin, mit meiner eigenen Kraft bin ich zweistellig unterwegs. Mehr kann ich nicht erwarten.

Nach einer Stunde komme ich langsam in meinem eigenen Abenteuer an. Mein Paddel ist mein Wanderstock. Für mich ist die Donau der Jakobsweg. Ich weiß in diesem Moment, dass mich diese Reise verändern wird. Ich weiß nur noch nicht, wie.

Ich kann die Landschaft genießen, Störche, Milane, Bieber und Fische beobachten. Der Schwarzwald zieht an mir vorbei, am Ufer stehen kilometerlang nur Brennnesseln. Bäume liegen umgestürzt im Wasser und versperren mir den Weg. Ich kämpfe mich durchs Geäst, paddle weiter und höre plötzlich ein seltsames Rauschen: das erste Wehr.

Ich zerre mein Brett aus dem Wasser, packe es am Heck bei der Finne, schleife es rückwärts über einen Acker und lasse es wieder in die Donau gleiten. Auf den nächsten Kilometern muss ich fast ein Dutzend Wehre und kleine Stromschnellen passieren. Diese Arbeit ist anstrengender als das SUPen selbst.

Gleichzeitig stelle ich fest, dass mich der Fluss führt. Ich muss fast nichts tun und er zeigt mir automatisch den direkten Weg, vorbei an größeren Steinen und flachen Stellen. Ich werde mutiger, passiere Stromschnellen, die ich vor ein paar Stunden noch umwandert hätte.

Auf Brücken und Anlegestellen begegnen mir immer wieder meine beiden Freunde und machen Aufnahmen, winken mir zu. Sie wissen gar nicht, wie gut es tut, am Anfang dieses Abenteuers vertraute Gesichter zu sehen. Sie sind mir in diesem Moment die nächsten Menschen.

Anschließend fällt mir ein, dass ich mein Paddel als Waffe gegen das Tier benutzen könnte... Ab jetzt machen mir Schwäne keine Angst mehr!

Zwischendurch bin ich aber für zig Kilometer alleine. Ich singe laut vor mich hin, muhe den Kühen zu und fliehe vor einem Schwan. Mein Herz klopft, als hätte mich gerade ein Tiger angefaucht und nicht dieses weiße, eitle Biest. Anschließend fällt mir ein, dass ich mein Paddel als Waffe gegen das Tier benutzen könnte. Ab jetzt machen mir Schwäne keine Angst mehr.

Mir fallen aus dem Nichts die Zubringerflüsse der Donau ein: Iller, Lech, Isar, Inn, fließen rechts zur Donau hin. Altmühl, Naab und Regen, sind der Donau links gelegen. Wieso mussten wir das in der Schule lernen? Kennt jemand die Zuflüsse des Rheins? Oder der Elbe? Was hat die Donau so Besonderes, dass jedes Schulkind seine Zuflüsse auswendig lernen muss?

Vielleicht ist die Donau tatsächlich so etwas wie die Lebensader unseres Kontinents – mit ihren zehn Ländern, vier Hauptstädten, ihren 80 Millionen Anrainern.

An einigen Stellen ist die Donau extrem flach.
An einigen Stellen ist die Donau extrem flach. Foto: Tobias Steinigeweg / HAVE A GOOD ONE

Nach fünf Stunden auf dem Brett wird das Wasser immer flacher. Aus der eben noch zwanzig Meter breiten Donau ist ein Rinnsal geworden. Ich wurde schon gewarnt, dass die Donau irgendwann versickern würde, war dann aber doch überrascht, als ich auf dem Trockenen sitze und der Fluss vollkommen verschwunden ist.

Ich packe meine Taschen zusammen und trage Rucksack, Brett und Paddel durch das trockene Donaubett. Da ich keinen Handy-Empfang habe, wandere ich so lange durch den Fluss, bis mir meine beiden Freunde begegnen. Ich werfe mein SUP aufs Dach ihres Wohnmobils, lege ich mich auf die Sitzreihe und bin erschlagen.

Die Jungs sitzen draußen und trinken Bier. Ich sitze im Wohnmobil, schreibe diese Zeilen. Und ich war lange nicht mehr so zufrieden, wie in diesem Moment.

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