Wo früher Zigarren und Rum geschmuggelt wurde, lagert heute Dom Pérignon-Champagner. Wir stehen im Keller des Boutiquehotels Hostal Cuba, kurz vor der Stadtmauer von Palma de Mallorca – und doch gefühlt ganz weit weg von der Hauptstadt. Die Kathedrale, das Wahrzeichen der Stadt, thront in der Ferne, Massentourismus ist hier Fehlanzeige.

Im Stadtteil Santa Catalina im Westen von Palma haben früher die Fischer gelebt. An der Avinguda de l’Argentina gab es Alkohol, legal und illegal, Gewalt und Armut. Seit wenigen Jahren wandelt das Viertel sich rasant: vom Scherben-Eck zum Szene-Quartier. 

Erste Anlaufstelle für die meisten Besucher: das Hostal Cuba.
Erste Anlaufstelle für die meisten Besucher: das Hostal Cuba. Foto: Anne Kathrin Koophamel

Das Hostal Cuba ist für die meisten Besucher die erste Anlaufstelle: Im Jugendstilgebäude mit seinem markanten Turm erinnert nichts mehr daran, dass das Haus seit dem 19. Jahrhundert eine Seemannsheim war. Heute kommen die Besucher auf die Dachterrasse, um Cosmopolitans, Dark and Stormy und das derzeitige In-Getränk (Espresso-Martini) zu schlürfen. Der Blick über den Yachtclub und die Innenstadt Palmas fasziniert.

Dabei liegt das wahre Leben auf der anderen Seite: Santa Catalina erstreckt sich hinter dem Hotel, weg vom Hafen. Wer einen Platz an der Carrer de Sant Magí ergattert, bekommt einen Einblick in das echte spanische Leben: In der Bar Havanna auf der anderen Straßenseite sitzen die Spanier in der Sonne, trinken Gin Tonic. Nebenan wird bei „Sailor Tattoos“ Kreatives unter die Haut gestochen. „Tardeo" sagen die jungen Spanier zu ihrem Samstagsritual: Eine Art Aperó-Stunde, die nach dem Mittagessen beginnt – und am frühen Abend nach ein paar Runden harter Cocktails im Bett endet.

Pflastersteine und die klassischen spanischen Häuschen in Santa Catalina
Die steingepflasterten Straßen und die typisch spanischen Häuser lassen nichts vom alten Flair vermissen Foto: Anne Kathrin Koophamel

Die buttergelben Fassaden mit den grünen Fensterläden des renovierten Hauses stehen im Kontrast zum ranzigen Beige der bröckelnden Mauern. Die Vorhänge sind vergilbt, ein Seat rostet unter den Knospen eines Kirschbaums. Santa Catalina strebt auf – doch ganz aufgehübscht hat sich das Viertel nicht. Und wird es auch nicht. Die brachliegende Fläche direkt an der Strandpromenade wird nicht bebaut. Es würden den Witwen und Nachkommen der Fischer rund um die drei zerfallenen Mühlen in El Jonquet die Sicht auf das Meer nehmen.

„Das Viertel hat noch eine eigene Persönlichkeit, es wimmelt hier immer“, sagt Sebastian. Er arbeitet im Herzen des Viertels, auf dem täglichen Markt. Anders als auf den großen Märkten in Palma ist man über den „Mercat“ in zehn Minuten geschlendert. Ein bisschen Obst und Gemüse, Blumen, ein Weinfachhandel, eine Gasse der Fischverkäufer, daneben Sebastians Stand mit über 400 Käsesorten. Eigentlich ist der 29-Jährige Ingenieur. Doch als er sein Studium beendete fand er mitten in der Wirtschaftskrise keinen Job. „Da habe ich was eigenes aufgemacht.“ 
 

Santa Catalina war ein übles Viertel. Aber das ist lange, lange her...“

 
Gegenüber bei der Bar „Joan Frau“  ergießt sich die Menschenmasse bis auf die Straße: Die Bar an der Ecke des Mercat de Santa Catalina ist die älteste des Marktes. Spätestens jetzt ist es Zeit für den ersten Drink. Seit 1966 wird hier bei einem Glas Bier oder Cava und ein paar Tapas über die Fußballergebnisse diskutiert. Die Brüder Mario und Pedro Frau teilen Tellcherchen mit Mayo-Eiersalat aus, heben Sardinen aus dem Öl, in der Pfanne schmurgeln Patatas Bravas. „Santa Catalina war ein übles Viertel. Aber das ist lange, lange her“, sagt Pedro.
 
Die Besucher wie auch wir ziehen schnell weiter, denn so vieles gibt es zwischen Carrer de Murillo und Carrer de Dameto zu entdecken. Besonders lebhaft geht es in der Ecke Carrer de Pou und Carrer d’Annibal zu. Drei Cafés – kein einziger Sitzplatz.
 
Im „El Perrito“  stellt Linea eine Platte auf die Theke: „Kanelbulle“. Zimtschnecken nach alten schwedischen Familienrezept. Vor einem halben Jahr erfüllten sich die gebürtige Schwedin und mit ihrem argentinischen Mann Luis den Traum vom eigenen Café auf der Insel. „Hier leben viele Skandinavier, manchmal hat man das Gefühl, es sind mehr als die Spanier“, sagt Luis.
 
Blick vom Hostal Cuba auf alte und renovierte Häuser
Die Innenstadt von Santa Catalina wird wieder Instand gesetzt. Foto: Anne Kathrin Koophamel

Schweden, Dänen und Norwegen in den vergangenen Jahren in Santa Catalina für sich entdeckt. Sie brachten ihre Mode, ihre Möbel und auch ihre Rezepte mit. So wie John Kristansen. Der Norweger ist mit einer Spanierin verheiratet, wollte nach Jahren in Oslo, dass die Kinder auch ihre südländischen Wurzeln kennenlernen. Er zog nach Mallorca und hat die Straßen um den Mercat mit seiner Fibonacci-Bäckerei am stärksten geprägt. „Un redondo“, ein Rundes, bestellen die Bürger heute in seiner Filiale. Die Öko-Vollkorn-Brote sind der Renner bei den Spaniern. Sein Erfolg ist so enorm, dass er inzwischen acht Filialen auf ganz Mallorca hat.

Nur etwas weiter die Straße hoch bleiben wir vor einem meerblauen Haus stehen. „Duke“ eine Gourmetbude, wie der Guide Michelin lobet. Ronny Portulidis betreibt mit Geschäftspartner Juanjo die Surfer-Kneipe in der Carrer soler. Ihr Ziel: Essen wie bei Freunden anbieten. Um die ganze Welt hat der gebürtige Deutsche Ronny sich gekocht, war bei Gordon Ramsay, hat jetzt auf Mallorca seine Heimat gefunden, wie er sagt. „Wir sind unabhängig vom Massentourismus und wollen es auch bleiben“, sagt er.

Die Gourmet-Surferkneipe bietet auch veganes Essen an
Im Duke bekommt man reichlich veganes Essen. „Wie bei Freunden“ soll die Atmosphäre in der Surferkneipe sein. Foto: Anne Kathrin Koophamel

Junge Ideen sind für Santa Catalina typisch. Andres Ballinas hatte vor eineinhalb Jahren die Idee, eine Taco-Bar aufzumachen. „Das entstand mit ein paar Freunden und nach einigen Drinks auf einer Serviette“, sagt er. Heute ist „El Aquanauta“ ein Szeneladen. An einem normalen Tag bekommt man hier ab 21 Uhr keinen Platz mehr. Teller mit Tacos, Tortillas, Cheviche und Nachos schwemmen nur so aus der offenen Küche.
 
Es duftet nach Käse und Bohnen, die Mädchen lecken sich den Salzrand ihrer Margheritas von den Lippen. Andres steht heute hinter der Bar, zapft Bier, und sagt: „Santa Catalina war ein Familienviertel. Die Großmütter kauften hier auf dem Markt ein, die jungen eröffnen Restaurants. Altes und neues mischt sich und verändert unser Leben hier. Aber: Das ist gut, es ist immer noch unser Santa Catalina.“
 
Die Windmühlen von El Jonquet in Santa Catalina
Die Windmühlen zeigen gut das Zusammenspiel von Alt und Neu in Santa Catalina Foto: Anne Kathrin Koophamel